Rezension über:

Siegfried Graf von Roedern: Der deutsche Zusammenbruch von 1918. Beiträge zur Klärung seiner Gründe. Band 1: Der Gang der Ereignisse 1888-1918. Hg. u. bearb. v. Claudia Wilke und Manfred Thomsen, Frankfurt/M.: Frankfurter Taschenbuchverlag 2015, 617 S., ISBN 978-3-86369-262-9, EUR 28,80
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Rezension von:
Reinhold Zilch
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Reinhold Zilch: Rezension von: Siegfried Graf von Roedern: Der deutsche Zusammenbruch von 1918. Beiträge zur Klärung seiner Gründe. Band 1: Der Gang der Ereignisse 1888-1918. Hg. u. bearb. v. Claudia Wilke und Manfred Thomsen, Frankfurt/M.: Frankfurter Taschenbuchverlag 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/05/28003.html


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Siegfried Graf von Roedern: Der deutsche Zusammenbruch von 1918. Beiträge zur Klärung seiner Gründe

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Trotz der Unmasse an veröffentlichten Dokumenten und Materialien zum Ersten Weltkrieg schlummern weiterhin interessante, publikationswürdige Quellen in den Archiven. Die Herausgeber stellen nun mit einem umfangreichen Manuskript des Grafen Siegfried von Roedern die bisher von der Forschung nur sehr wenig beachteten autobiografischen Aufzeichnungen eines kaiserlichen Spitzenpolitikers vor. Roedern war von 1914 bis 1916 Staatssekretär im Ministerium für Elsaß-Lothringen und dann bis 1918 in der Funktion als Staatssekretär des Reichsschatzamtes und preußischer Minister für die deutsche Kriegsfinanzierung verantwortlich. Er gehörte damit zum innersten Zirkel der Macht. Die Erinnerungen solch eines hochrangigen Politikers dürfen deshalb auf größeres Interesse stoßen. Umso bedauerlicher ist es, dass die Edition in mehrfacher Hinsicht zu wünschen lässt.

In einem Vorwort von gerade mal 19 Seiten versuchen die Herausgeber eine Einführung sowohl in die Geschichte des Ersten Weltkrieges als auch in die Entstehungsgeschichte des Manuskripts und ihre editorischen Grundsätze zu geben sowie die Hauptaussagen des Textes zusammenzufassen. Es wird aber der Bedeutung der Quelle nicht gerecht. So erschöpft sich der Versuch, die Ursachen des Weltkrieges aufzuzeigen, in einer Aneinanderreihung von meist kurzschlüssigen oder fragwürdigen Thesen wie der, dass "ein Krieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach jahrzehntelangen kleineren Bedrohungen und Schwächungen des alten Mächteverhältnisses die Möglichkeit" bot, "wieder stabile Verhältnisse zu schaffen" (12). Unterfüttert wird dies alles durch überdimensionierte Anmerkungen von meist mehr als einer halben Druckseite, in denen umfänglich deutsche und englischsprachige moderne Literatur aufgeführt wird, ohne diese aber inhaltlich auszuwerten. Bei den Ausführungen zur Fischer-Kontroverse erstaunt zudem die Feststellung, dass die DDR-Geschichtsschreibung zwar Militärgeschichte betrieb sowie "die ökonomischen und sozialen Momente für den Kriegsausbruch" (16, Anm. 21) erfasst hätte, aber die Frage nach der Kriegsschuld kaum aufgriff, obwohl doch die Arbeitsgruppe von Fritz Klein an der DDR-Akademie in Berlin die eigenen Forschungen parallel und in Reaktion auf die Hamburger betrieb und durchaus nach der Kriegsschuld fragte. Wenn schließlich als ein ganz neuer Aspekt in der Historiografie die "Frage nach einer schnelleren Beendigung des Krieges" (19) hervorgehoben wird - Roedern war mit einigen derartigen Initiativen verbunden -, dann übersehen die Herausgeber die umfangreichen Forschungen und Editionen vor allem von Wolfgang Steglich (1958ff.) und Wilhelm Ernst Winterhager (1984).

Die "kritische Analyse der Erinnerungen Roederns" auf den Seiten 26 bis 29 entpuppt sich nur als eine Zusammenfassung der Hauptthesen Roederns und lässt jede professionelle kritische Distanz des Historikers vermissen, die bei einer wissenschaftlichen Edition unabdingbar ist; Manfred Thomsen mag der Umstand, dass er ein Enkel Roederns ist, etwas entlasten.

Wenn von den Herausgebern betont wird, dass es "das Besondere" der Aufzeichnungen Roederns sei, "dass er sich als ein führender deutscher Politiker bereits kurz nach Ende der Wilhelminischen Ära kritisch mit der Verantwortung des deutschen Reiches [...] auseinandersetzte" (29), dann verwundert diese Aussage sehr, lagen doch bereits April 1919 Erinnerungen von Karl Helfferich, Gottlieb von Jagow sowie von Friedrich Graf von Pourtalès vor, denen noch in den nächsten Monaten eigenständige Veröffentlichungen zum Beispiel von Theobald von Bethmann Hollweg, Otto Hammann oder Alfred von Tirpitz folgten. Hier wäre es verdienstvoll gewesen, wenn die Herausgeber anstelle aufgeblähter biografischer Angaben zu erwähnten Personen den besonderen Gehalt des Roedern-Manuskripts herausgearbeitet und speziell nach dessen Quellenbenutzung gefragt hätten.

Der schwerwiegendste Mangel der Edition besteht jedoch darin, dass durchweg ein fortlaufender Text in der durch mehrstufige (!) Bearbeitungen bis 1922 erreichten Fassung vorgelegt wird ohne Hinweis auf Varianten, Umarbeitungen oder auf Streichungen. Das ist unwissenschaftlich und mindert den Gebrauchswert des Bandes für die Forschung entschieden.

Abschließend ist der Hinweis von Claudia Wilke, dass Thomsen "bereits in den 1960er Jahren eine Veröffentlichung" des Manuskripts geplant habe (20, Anm. 32), zu hinterfragen, weist er doch auf eine weitere, wiederum vergebene Chance hin: Dem im Bundesarchiv unter der Signatur N 1660/1 verwahrten ersten Band des Roedern-Manuskripts ist ein nicht datiertes Blatt mit der Gliederung vorgeheftet (Bl. 2). Hierbei handelt es sich ausweislich des gedruckten Kopfes um ein Schreiben des Leiters der Abteilung "Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts", Peter Rassow, in der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Es wäre nun ein Leichtes gewesen, dieser Spur zu folgen und im online einsehbaren Archivfindbuch der Kommission den Band 295 mit dem Titel "Deutsche Geschichtsquellen - Unterlagen und Korrespondenzen zu nicht verwirklichten Projekten" zu entdecken. Hier finden sich neben Briefwechsel mit der Familie Roedern auch Gutachten und Stellungnahmen bekannter Historiker wie Max Braubach, Hermann Heimpel, Peter Rassow und Gerhard Ritter. Sie alle kamen 1957/58 zu dem Schluss, dass das Manuskript nicht wert sei, veröffentlicht zu werden. [1] - Eine Auseinandersetzung mit ihren Thesen hätte den Band entschieden aufgewertet. Auch wegen dieses Versäumnisses bleibt er eine vergebene Chance, enttäuschend und ein Ärgernis.


Anmerkung:

[1] Der Rezensent dankt Herrn Dr. Gelberg von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für die schnelle und unkomplizierte Zurverfügungstellung dieses Materials.

Reinhold Zilch