Rezension über:

Miriam Sénécheau / Stefanie Samida (Hg.): Living History als Gegenstand historischen Lernens. Begriffe - Problemfelder - Materialien, Stuttgart: W. Kohlhammer 2015, 192 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-17-022438-4, EUR 32,00
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Rezension von:
Berit Pleitner
Historisches Seminar, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Berit Pleitner: Rezension von: Miriam Sénécheau / Stefanie Samida (Hg.): Living History als Gegenstand historischen Lernens. Begriffe - Problemfelder - Materialien, Stuttgart: W. Kohlhammer 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/05/27965.html


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Miriam Sénécheau / Stefanie Samida (Hg.): Living History als Gegenstand historischen Lernens

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1933 organisierte die NSDAP zum ersten Mal eine offizielle Sonnwendfeier im Berliner Grundwaldstadion. Zu diesem Großereignis gehörte u.a. ein 'Germanenzug' mit etwa 500 Männern und Frauen in möglichst originalgetreu nachempfundenen Kleidern und mit passenden Requisiten. Es war das erklärte Ziel des Archäologen Albert Kiekebusch, der zum Vorbereitungsteam gehörte, mit diesem Schauspiel ein modernes, an den Erkenntnissen der Fachwissenschaft angelehntes Germanenbild zu präsentieren. Das bedeutete jedoch keineswegs, dass es sich um den Versuch einer objektiven Darbietung handelte. Im Gegenteil: Die "für den damaligen Germanenbegriff charakteristische Überhöhung der germanischen Kultur" (98) zeigte sich in zahlreichen sakralen Bezügen ebenso wie in der Erhöhung des Kriegertums oder der äußerlichen Darstellung der 'Germanen' entsprechend dem vorherrschenden NS-Rasseideal. Der Germanenzug sollte denn auch nicht zur abwägenden Diskussion einladen, sondern Zuschauer und Darsteller gleichermaßen in den Bann schlagen. Kiekebusch selber zeigte sich in einer Nachbesprechung emotional berührt von der durch Kostüme, Licht und Bewegung geschaffenen Ästhetik. Einen großen Anteil an dem Gelingen der Darbietung hatte seiner Meinung nach die Tatsache, dass die "Teilnehmer 'sich in ihre Rollen nicht nur hineingefunden, sondern hineingelebt' hätten" (99).

Darstellungen dieser Art gehören in den Bereich der Living History, von den Autorinnen definiert als "Versuch der aktiven Aneignung - also des praktischen/emotionalen/körperlichen Erlebens - von Vergangenheit oder Aspekten der Geschichte in der Gegenwart" (41). Living History ist, wie das Beispiel oben zeigt, nicht neu. Frühe Formen bzw. Vorläufer sehen die Autorinnen in den Naumachien der Römischen Kaiserzeit, den Passionsspielen des Mittelalters oder auch den historischen Festzüge des 19. Jahrhunderts (35). In den vergangenen vierzig Jahren sind Darbietungen der Living History zumindest in der westlichen Welt zu einem festen Bestandteil der Geschichtskultur geworden und haben somit einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das alltagsweltliche Geschichtsbewusstsein vieler Menschen.

Aus diesem Grund hat sich die Geschichtsdidaktik intensiver der Erforschung dieses Phänomens angenommen. Stefanie Samida und Miriam Sénécheau haben bereits zahlreiche Publikationen zu Formen der Living History in der Ur- und Frühgeschichte vorgelegt. Der vorliegende Band bietet eine Art Quintessenz ihrer bisherigen Arbeiten: Er beschreibt überblickartig, aber anhand vieler konkreter Beispiele, wie die 'Germanen' in den unterschiedlichen Formen der Living History dargestellt werden. Dabei verstehen sie ihre Publikation als Einführungswerk für all diejenigen, die im Bereich des historischen Lernens tätig sind, in erster Linie Geschichtslehrer, Studierende und Lehrende an der Universität.

Der erste Teil des Buches dient zunächst der Eingrenzung und theoretischen Fundierung des Themas. Was ist Archäologie?, Wer waren die Germanen?, Was ist Living History? fragen die Autorinnen zu Recht, bevor sie in die thematische Analyse einsteigen. Ein von ihnen entwickeltes Analysemodell (48/49 und 145) bietet mit seinen Untersuchungsparametern einen schlüssigen Zugang zur Interpretation der nachfolgenden Materialien mit dem Ziel, "den narrativen Charakter in seinen einzelnen Elementen sowie deren Kontexte herauszuarbeiten" (14). Das Vorgehen ist jedoch sehr komplex und die Methodenkompetenz (Umgang mit historischen Quellen und Darstellungen) wird bei den Lernenden bereits vorausgesetzt, so dass sich ein solches Vorgehen frühestens ab der Oberstufe anbieten dürfte.

Im zweiten Teil des Buches informieren die Autorinnen zunächst über die Lebenswelt der Germanen, bevor sie verschiedene Darstellungsformen der Living History (z.B. Re-enactment, Film, first- und third-person-interpretation) analysieren. Ziel ist dabei nicht, diese Darstellungen zu bewerten, sondern aufzuzeigen, wie die Narrationen jeweils konstruiert worden sind, welche Elemente auf fachwissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und welche reine Spekulation sind, welche Schwerpunkte die Darstellungen aufweisen und welches Geschichtsbild sich daraus ergeben kann. Der Zeit des Nationalsozialismus sowie der rechtsextremen Szene werden dabei zu Recht gesonderte Kapitel gewidmet. Während die meisten Living History Darstellungen Teil des öffentlichen (wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen) Diskurses über Geschichte sind und sich somit offen der kritischen Betrachtung stellen, instrumentalisieren extreme Gruppen Fragmente der Vergangenheit, um eine alternative Welt(sicht) zu erschaffen, die im Falle des Nationalsozialismus gar zur Untermauerung ihrer menschenverachtenden Ideologie diente. Der vergleichsweise große Seitenumfang, den die Autorinnen diesen Aspekten gewidmet haben, rechtfertigt sich durch den Lebensweltbezug der Lerngruppe: Die Auseinandersetzung mit (rechts)extremem Gedankengut gehört zu den täglichen Herausforderungen nicht nur der jungen Generation.

Im dritten Teil des Buches werden Materialien für die Erarbeitung des Themas im Unterricht bereitgestellt. Da diese Materialien Grundlage der Analyse in Teil zwei des Buches sind, liefert letzterer bereits so etwas wie einen Erwartungshorizont und erleichtert Lehrenden sicherlich die Vorbereitung des Unterrichts. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil konkrete Aufgabenstellungen nicht angeboten, sondern erst noch erstellt werden müssen. Die gut gewählten, recht anspruchsvollen Materialien sind ein Konglomerat aus historischen Quellen, verschriftlichten Interviews und Filmsequenzen sowie Abbildungen von Living History Darbietungen. Allerdings weisen sie eine Lücke auf, die die Autorinnen gar nicht füllen können: Der performative Akt der Living History kann in Texten und Bildern nur zu einem Bruchteil eingefangen werden. Living History Darsteller kombinieren den kognitiven Zugang zur Geschichte jedoch bewusst mit einer emotionalen und praxisorientierten Annäherung, um neue Wege des Verstehens zu gehen - oder, wie im Fall des oben zitierten Germanenzugs, um ein bestimmtes Geschichtsbild zu transportieren. Auch die emotionale Wucht der Bilder eines Dokutainments über die Germanen lässt sich aus reinen Textzeilen nicht herauslesen. Wenn Lehrende die Chancen und Grenzen des historischen Lernens mit oder anhand der Living History thematisieren, so sollte die Lerngruppe das praktische Tun auch einmal hautnah erleben - auf einer Darbietung, in einem Film oder durch eigenes Ausprobieren. Auf dieser Grundlage entfalten die Materialien - die vielleicht auf einer CD hätten beigelegt werden können, um zumindest Interviews und Filmsequenzen vorliegen zu haben - erst ihr ganzes Potential.

Es ist den Autorinnen gelungen, ein sehr komplexes Thema in klarer Sprache, mit anschaulichen Beispielen und mit vielen hilfreichen Literaturverweisen darzulegen. Schade nur, dass der Titel weder etwas über den thematischen Schwerpunkt der Germanen noch über die unterrichtspraktische Herangehensweise verrät. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch dennoch über die universitären Kreise hinaus Bekanntheit erlangen und von Geschichtslehrern oder anderen Multiplikatoren genutzt werden wird.

Berit Pleitner