Rezension über:

Pierre O. Juhel / ΠΑΝΤΕΛΗΣ Μ. ΝΙΓΔΕΔΗΣ: Un danois en Macédoine à la fin du 19e siècle. Karl Frederik Kinch et ses notes èpigraphiques (= ΜΑΚΕΔΟΝΙΚΑ ΕΠΙΓΡΑΦΙΚΑ; 1), Kerkyra: ΘΕΣΣΑΛΟΝΙΚΗ 2015, XXII + 252 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-960-8253-07-0
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Rezension von:
Jens Bartels
Historisches Seminar, Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jens Bartels: Rezension von: Pierre O. Juhel / ΠΑΝΤΕΛΗΣ Μ. ΝΙΓΔΕΔΗΣ: Un danois en Macédoine à la fin du 19e siècle. Karl Frederik Kinch et ses notes èpigraphiques, Kerkyra: ΘΕΣΣΑΛΟΝΙΚΗ 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/05/27441.html


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Pierre O. Juhel / ΠΑΝΤΕΛΗΣ Μ. ΝΙΓΔΕΔΗΣ: Un danois en Macédoine à la fin du 19e siècle

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Der Däne Karl Frederik Kinch ist vermutlich noch am ehesten als Ausgräber von Lindos auf Rhodos bekannt, vielleicht noch als Autor einer Monografie über den Galerius-Bogen im heutigen Thessaloniki. Bisher weitgehend unbekannt war dagegen, dass Kinch auf seinen fünf Reisen durch Makedonien zwischen 1885 und 1893 auch eine Vielzahl von Inschriften aufnahm. Kinchs epigrafische Notizen sind in 12 Heften enthalten, die sich heute in Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen befinden. Es ist das große Verdienst der beiden Autoren des hier rezensierten Buches, diesen Schatz gehoben zu haben.

Nach einer Einführung in die neue Schriftenreihe Μακεδονικά Ε πιγραφικά durch den Herausgeber Elias Sverkos, den Vorworten der beiden Autoren und einem Abkürzungsverzeichnis folgen drei Kapitel:

Im ersten ("Karl Frederik Kinch (15.03.1853-26.08.1921): voyageur, archéologue, explorateur de la Macédoine", 1-28) stellt Pierre O. Juhel den Verfasser dieser Notizen, die Dossiers in der Kopenhagener Bibliothek und Kinchs Reisen vor.

Der zweite, von Pantelis M. Nigdelis verfasste Abschnitt widmet sich den Kontakten von Kinch mit Griechen aus der Region ("Η συνεργασία του Kinch με Έλληνες (λόγιους και μη) κατά τις αρχαιολογικες του αναζητήσεις στη Μακεδονία", 29-42). Zu nennen sind hier neben anderen Michail Chrysochoos, Dimitrios Plataridis, Zisis Sarropulos, Georgios Zervidis und der dank Louis Robert [1] als Fälscher bekannt gewordene Stavros Mertzidis. Im Anhang zu dem Kapitel werden je ein Brief von Mertzidis, Plataridis und Zervidis an Kinch publiziert, die sich ebenfalls in Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen befinden.

Zweifellos den Hauptteil des Buches macht der Katalog der von Kinch aufgenommenen Inschriften aus, den ebenfalls Pantelis M. Nigdelis ausgearbeitet hat (43-166). Der Katalog umfasst 123 Inschriften, von denen 44 bisher unbekannt waren und heute als verloren gelten müssen. [2]

Die Inschriften-Lemmata bestehen dabei aus jeweils vier Teilen. Nach einem Kopf, der das jeweilige Notizheft Kinchs, soweit möglich die Polis, zu deren Gebiet der Fundort gehörte, und eine Kurzcharakteristik der Inschrift bietet, folgt unter "Α." die französische Übersetzung von Kinchs Angaben zur Inschrift sowie eine dipolamtische Abschrift von Kinchs Skizzen und Abschriften, unter "Β." eine Angabe zum heutigen Aufenthaltsort (oder zum Verlust) der Inschrift, unter "Γ." Angaben zu etwaigen anderen Publikationen der Inschrift, sowie unter "Δ." deren Datierung und ihr vollständiger Editionstext. Von den 123 Inschriften stammen 23 aus der klassischen, spätklassischen und hellenistischen Zeit, 85 aus der römischen Kaiserzeit, fünf aus der Spätantike, weitere fünf aus byzantinischen, bulgarischen oder osmanischen Kontexten, während schließlich weitere fünf nicht genauer datierbar sind.

Entsprechend der Reisetätigkeit Kinchs stammt die große Mehrheit der Inschriften (81 Stück) von der Chalkidischen Halbinsel. Von dort stammen auch die meisten bisher unbekannten Inschriften. Außerdem vermehrt sich das Corpus der Inschriften des antiken Thessalonike um sechs Exemplare (Nr. 10, 12, 94, 111-112, 115), um zwei das von Amphipolis (Nr. 92-93) und um eine das des antiken Beroia (Nr. 97). Schließlich kommt aus Nea Filadelfia nördlich von Thessaloniki ein zweiter Grenzstein des Bulgarenherrschers Symeon hinzu (Nr. 101).

Bei der großen Mehrheit der Inschriften handelt es sich um Grabinschriften (72 Stück), doch gibt es auch 12 Weihinschriften (darunter zwei unbekannte aus Beroia und Thessalonike) sowie jeweils mehrere Ehreninschriften, Bauinschriften und Grenzsteine. Die bemerkenswertesten bisher unbekannten Inschriften sind wohl ein Dekret der Neoi in Thessalonike von 56 v.Chr. (Nr. 10), ein Psephisma wohl der Polis Kalindoia von 7 v.Chr. (Nr. 23) sowie der Anfang eines Rats- oder Volksbeschlusses vermutlich der Polis Anthemus aus dem späten 1. oder frühen 2. Jahrhundert n.Chr. (Nr. 16). Wohl allesamt der Colonia Iulia Augusta Cassandrensis zuzurechnen sind drei bisher unbekannte lateinische Inschriftenfragmente (Nr. 51, 55 und 88). Bei nahezu allen Inschriften handelt es sich um Steininschriften. Eine bemerkenswerte Ausnahme hiervon stellt ein wohl spätklassisches Schleuderblei aus Afitos auf der Kassandra-Halbinsel dar (Nr. 114).

Es folgen zwei Indices: Zum einen zu den Inschriften (Personen, griechische und lateinische Worte, 167-178) und zum anderen zum gesamten Buch (Personen, Ortsnamen, 179-185). Den Schluss des Bandes bildet der Abbildungsteil, der Abbildungen der im Buch vorgelegten Dokumente und Briefe, sowie der Inschriften-Abzeichnungen Kinchs enthält (189-252).

Die Edition der Inschriften ist - wie von Pantelis Nigdelis nicht anders zu erwarten - souverän, wie überhaupt an diesem Band wenig zu monieren ist. Am Schmerzlichsten vermisst man eine Karte der Fundorte. Die Lokalisierung kleinster Orte auf der chalkidischen Halbinsel ist auch mit google maps nicht ganz einfach und für den mit der lokalen Geografie nicht vertrauten sehr mühsam. In diesem Zusammenhang fragt sich der Rezensent auch, ob nicht eine topografische Anordnung der Inschriften etwas benutzerfreundlicher gewesen wäre. Eher am Rande und nur zulasten des Verlags sei angemerkt, dass die Bindung des Bandes einer intensiven Nutzung, die diesem Buch ja nur zu wünschen ist, nicht standhält.

Abschließend kann man den drei an diesem Band beteiligten Personen nur danken: Einerseits Karl Frederik Kinch für seine sorgfältige Dokumentation der von ihm gesehenen Inschriften, von denen ohne ihn viele für immer verloren wären; andererseits aber den beiden Autoren, die diesen Schatz gefunden und der Wissenschaft in hervorragender Weise zugänglich gemacht haben. Die Schriftenreihe Μακεδονικά Ε πιγραφικά ist mit ihrem ersten Band gut gestartet.


Anmerkungen:

[1] Louis Robert: Hellenica V: Inscriptions de Philippes publiées par Mertzidès, in: RPh 13 (1939), 136-150.

[2] Es handelt sich um die Nummern 7-8, 10, 12-17, 19-20, 23, 26, 36, 38, 43-44, 46, 48, 50-55, 60, 64, 69, 72, 83, 85, 88, 92-94, 97, 100, 106, 111-115 und 117.

Jens Bartels