Rezension über:

Florian Dirks: Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Fehdewesen und Tagfahrt (= Nova Mediaevalia; Bd. 14), Göttingen: V&R unipress 2015, 341 S., ISBN 978-3-8471-0450-6, EUR 49,99
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Rezension von:
Franziska Hormuth
Collegium philosophicum, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Franziska Hormuth: Rezension von: Florian Dirks: Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Fehdewesen und Tagfahrt, Göttingen: V&R unipress 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 4 [15.04.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/04/28166.html


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Florian Dirks: Konfliktaustragung im norddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts

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Das vorliegende Buch, die 2013 in Erfurt eingereichte Dissertationsschrift von Florian Dirks, befasst sich mit Zusammenkünften zur Schlichtung von Konflikten im ausgehenden Mittelalter mit Schwerpunkt auf dem deutschen Nordwesten, dabei eingeschränkt auf Bremen, Lüneburg und Hildesheim. Besonders Tagfahrten als Mechanismen des vormodernen Konfliktmanagements während regionaler Fehden stehen dabei im Mittelpunkt der Darstellung, wobei auch Schiedsgerichte und Vermittlungen als parallele Erscheinungen hinzugezogen werden. Bereits im 14. Jahrhundert habe es Tendenzen gegeben "einen als Fehde geführten Konflikt außergerichtlich mithilfe persönlicher Begegnung und Kommunikation der Streitparteien"(17) zu beenden. Besonders der Ablauf und die Inhalte eines solchen persönlichen Treffens sowie die Akteure und deren Kompetenzen seien ein Desiderat, dem sich anhand des Analyseinstrumentariums der politischen Kommunikation nach Uwe Goppold [1] zu nähern sei.

Die Arbeit ist in zwei Teile untergliedert. Zunächst werden sechs Fehden im Detail und anschließend thematische Aspekte des Konfliktmanagements, wie Raum, Akteure und Zeit dargestellt. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf der Diskussion der Überlieferung und der Forschungslage zu den ausgewählten Konflikten und den historiographischen Deutungsvariationen der meist zeitgenössischen Autoren von Chroniken. Bei der Vorstellung der Fehden werden neben dem Kontext und dem Ablauf der Fehden auch die Akteure und die Überlieferung sowie einzelne Treffen im Konkreten besprochen. Die Auswahl der Fehdebeispiele erfolgte nach dem gesellschaftlichen Stand der Fehdepartner, wobei vor allem Fehden zwischen Adligen und Städten im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam haben die vorgestellten Fehden einen vielfältigen Einsatz von Tagfahrten, Vermittlungsversuchen und Schiedsgerichten, auch wenn es nicht zwingend zu größeren militärischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Zudem waren sie regional begrenzt und umfassten einen sich teils überschneidenden, überschaubaren Personenkreis.

Die Fehde der Brüder von Mandelsloh gegen die Stadt Bremen aus dem Jahre 1380/81 zeige, dass als Vermittler hauptsächlich Ratsherren eingesetzt wurden, wobei diese auf Initiative von Lehnsherren hin agierten. Aufgrund der engen sozialen Beziehung der Fehdebeteiligten untereinander und der begrenzten regionalen Ausbreitung der Fehdehandlung sieht Dirks die Thesen Hillay Zmoras [2] für den norddeutschen Raum bestätigt (92-120). Bei der Fehde der weitverzweigten Familie Klencke gegen die Stadt Bremen konnte das Einsetzen verschiedener Mechanismen des Konfliktmanagements als ein Zeichen der langjährigen Erfahrung im Fehdewesen und des dadurch erworbenen Wissens festgestellt werden (144-156). Die langjährige Auseinandersetzung des Grafen Gerhard von Oldenburg gegen die Stadt Bremen ist durch ihre Intensität vergleichsweise gut überliefert, wobei die Einseitigkeit der Überlieferung gegen den Grafen Gerhard als Ausdruck des Konfliktverhaltens der städtischen Geschichtsschreibung gesehen werden kann (157-176). Die Fehdetätigkeit um die Lüneburger Pfandburg Bleckede Mitte des 15. Jahrhunderts war ebenfalls ein Konflikt einer Stadt mit einer niederadligen Familie, die ebenfalls durch einen Vergleich und ein Schiedsgericht beigelegt werden konnte (177-195).

Die Horneburger Fehde wurde von 1425-1443 zwischen adligen Fehdeparteiungen geführt. Aufgrund der großen Anzahl der Beteiligten kann an diesem Beispiel auch eine große Anzahl an erfolgreichen Lösungsansätzen ausgemacht werden. Die Landesherren schlossen einen Friedensvertrag, die Burgmannen schworen Urfehde und um weiteren Ansprüchen gerecht zu werden, wurden Schiedsgerichte eingesetzt (121-143). Als letztes Beispiel wird mit der Hildesheimer Stiftsfehde von 1471-74 eine Auseinandersetzung um ein geistliches Amt nach der Quelle von Henning Brandis aufgenommen, wobei an diesem Beispiel der Einsatz symbolischer Elemente in die Konfliktaustragung zu sehen sei (196-222).

Abschließend werden diese Fehden nach thematischen Aspekten vergleichend kontextualisiert. Unter Hinzunahme weiterer Tagfahrten werden Analysepunkte wie Zeit, Raum und Sanktionsmaßnahmen bei Abwesenheit aus einzelnen Beispielfehden noch einmal aufgegriffen. Die sorgfältig vorbereiteten Fehdebeispiele spielen im Analysekapitel allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr werden anhand der bisherigen Forschung Themenkomplexe zum Konfliktmanagement aufgegriffen.

Die Arbeit befasst sich mit dem Desiderat der Tagfahrt als Phänomen des Konfliktmanagements, wobei auch andere Mechanismen aufgegriffen werden. Die Fokussierung auf Tagfahrten wäre allerdings nicht gewinnbringend, da sie als ein Puzzleteil zur Konfliktbeilegung zu sehen sind und beispielsweise mit Schiedsgerichten ineinandergriffen und ergänzend fungierten. Die ausgewählten Fallbeispiele werden sehr detailliert mit manchmal etwas ausufernden Hintergrundinformationen besprochen. Oft wird zum Beispiel die Überlieferungsgeschichte und die Forschungslage wiedergegeben, auch wenn diese für die Erforschung der Tagfahrt als Konfliktmanagementinstrument nicht vordringlich ist. Die Arbeit vereint bisher alleinstehende Forschungen zu Fehden im niedersächsischen Raum und arbeitet das meist am Rande stehende Thema der Tagfahrten auf. Ein Hauptanliegen der Arbeit soll eine Vervollständigung und Kontrastierung zur bisherigen Forschung zu Tagfahrten in Süddeutschland sein, wobei süddeutsche Tagfahrten im Analysekapitel eine prominente Rolle spielen. Die vielfältige Verknüpfung von Tagfahrten mit anderen Ansätzen des vormodernen Konfliktmanagements zeigt einen Ausschnitt aus dem vormodernen Fehdewesen, das durch diese Arbeit um Beispiele aus dem niedersächsischen Raum ergänzt wird.


Anmerkungen:

[1] Uwe Goppold: Politische Kommunikation in den Städten der Vormoderne. Zürich und Münster im Vergleich (= Städteforschung A; Bd. 74), Köln 2007.

[2] Hillay Zmora: The Feud in Early Modern Germany, Cambridge 2011, 82-83.

Franziska Hormuth