Rezension über:

Ute Poerschke: Funktionen und Formen. Architekturtheorie der Moderne (= Architekturen; Bd. 18), Bielefeld: transcript 2014, 279 S., 26 s/w-Abb., ISBN 978-3-8376-2315-4, EUR 34,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Chris Dähne
Kunstgeschichtliches Institut, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Chris Dähne: Rezension von: Ute Poerschke: Funktionen und Formen. Architekturtheorie der Moderne, Bielefeld: transcript 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 4 [15.04.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/04/26024.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Ute Poerschke: Funktionen und Formen

Textgröße: A A A

Mit dem Titel "Funktionen und Formen" wird das berühmte Credo "form follows function" in Erinnerung gerufen. Louis Sullivan definierte mit dieser Aussage, die seinem Essay "The Tall Office Building Artistically Considered" (1896) entnommen ist, die Gestaltung des neuen Gebäudetyps Wolkenkratzer, bei dem das Sockelgeschoss als Ladenzeile anders ausgeformt ist als die oberen Bürogeschosse und somit Form der Funktion entspricht. [0]

Das Konzept der Funktion-Form-Beziehung und dessen Entwicklung im Laufe von 2 ½ Jahrzehnten Architekturgeschichte ist Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Publikation und Ute Poerschkes langjähriger, seit der Dissertation (2005) betriebenen Forschung, die sie nun als Associate Professor of Architecture an der Pennsylvania State University und als Architektin im Büro FPZ Architekten / Stadtplaner zum Abschluss bringt.

Der Fokus des Buches liegt vor allem auf dem frühen 20. Jahrhundert und versteht sich laut Untertitel als Position in der "Architekturtheorie der Moderne". Grundlage bildet eine interdisziplinäre Begriffsanalyse, die beim lateinischen Wort "functio" ansetzt und aus dessen Bezeichnung einer "Verrichtung" vor allem eine aktive Bedeutung ableitet. Wie in "Vergleichende Anatomie" (1801 und 1809) erstmals von Georges Baron de Cuvier beschrieben, verrichten Glieder, sprich Organe, welche in Beziehung sowohl zu anderen Teilen (Organen) als auch zum Ganzen (Gesamtorganismus) stehen, Aktionen. Daher erklärt die Autorin Aktion, Teile-Relation und Ganzheitsbezug zu den drei zu erfüllenden Kriterien der Funktion. Indem sie verschiedene Architekturpositionen im Hinblick auf die Teile-Ganzes-Theorie bespricht, zeigt sie auf, wie die Architektur den Begriff aus Kultur- und Wissensgeschichte intervallmäßig aufgreift und anwendet. Dabei ist es ihr Anliegen, den mannigfaltig, aber nicht eindeutig definierten Funktionsbegriff historisch zu ergründen sowie diesen von den oftmals gleichgestellten Begriffen Zweck oder Gebrauch zu differenzieren.

So einschlägig und omnipräsent das Konzept der Funktion auch sein mag, Ute Poerschke widmet sich hier einem ambitionierten Vorhaben, das derart in der Architekturtheorie noch nicht gewagt wurde. Vergleichend sei John Shannon Hendrix genannt, der in dem ein Jahr zuvor erschienenen Buch "The contradiction between Form and Function in Architecture" (2013) versucht, primär den Widerspruch zwischen Form und Funktion aufzudecken, ohne dabei die Bedeutung des Funktionalismus zu schwächen. Interessant ist, dass sich beide Werke um eine architekturgeschichtliche Interpretation der Funktion bemühen, aber kaum eine Dopplung der Protagonisten zu finden ist. Die bei Hendrix prominent besprochenen Architekten Karl Friedrich Schinkel, Le Corbusier bis zu Peter Eisenman spielen bei Poerschke keine Rolle. Dafür setzt sie mit Gottfried Semper, Hannes Meyer oder auch Manuel Castells andere Akzente. Ihre Publikation hebt sich dadurch hervor, dass sie auf einen Begriff fokussiert und damit eher eine Begriffsgeschichte der Funktion in der Architektur erzählt, im Vergleich dazu die jüngst in der arch+ (Nr. 221, Winter 2015) besprochenen Sammelwerke ein Panorama verschiedenartiger Architektur- und Kulturtheorien eröffnen.

Klassisch chronologisch gegliedert, folgen dem einleitenden Kapitel zur prinzipiellen Klärung des Begriffs sowie zum wissenschaftlichen und architektonischen Funktionsverständnis linear und paradigmatisch, in Zeiträume geordnete Kapitel, in denen Vertreter der architektonischen Formfindungssuche vorgestellt werden. Die Einführung des Funktionsbegriffs in die Architekturtheorie Mitte des 18. Jahrhunderts schreibt Poerschke dem Franziskanermönch und Architekturtheoretiker Carlo Lodoli zu. Er verwendet in seinem Manuskript unter anderem den Begriff "funzione" und definiert ihn als eine Aktion, die aus dem Baumaterial selbst resultiert und die Gestalt des Gebäudes bestimmt. Der Funktionsbegriff, der auf Leibniz' und Bernoullis naturphilosophischen und mathematischen Schriften basiert, ist hier durch das Material bestimmt und aktiv gedacht: Die Funktion eines Bauteils soll der Natur ihres Materials entsprechen und zielt auf das "Wirken-als-Teil" in Hinblick auf ein größeres Ganzes (Kapitel 2).

Mit Bezug auf das Ornament (Gottfried Semper) und auf die organische Form (Karl Bötticher, Frank Lloyd Wright) habe das Konzept der Funktion-Form Beziehung dann erst Mitte des 19. Jahrhunderts wieder in den architektonischen Diskurs Einzug gefunden. Semper war die anatomische Klassifikation Cuviers nicht unbekannt. Von Teilstücken der Lebewesen konnte der Naturwissenschaftler auf ihre Gesamtstruktur schließen, was Semper zur Einführung von Klassifikationen in die Baukunst anregte. Eine Erklärung seiner Theorie des Stils (1860) hoffte er mit Funktionsgleichungen aus der Mathematik zu finden, mit denen er die Entstehung von Kunstwerken durch zahlreiche Faktoren erkennen und aufzeigen konnte. Der Funktionsbegriff in dieser Zeit war geprägt von den Naturwissenschaften und Sullivans spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts verinnerlichten Appell, sich bei der Schaffung guter Architektur die Natur als Vorbild zu nehmen (Kapitel 3).

Auf Basis technisch-biologischer Interpretation etabliert sich der Funktionsbegriff vollends Mitte der 1920er-Jahre im europäischen Architekturdiskurs, wobei bei beiden Konzepten, dem Funktionalismus der klassischen Moderne und International Style, der Funktionsbegriff auf den primären Aspekt, das Zusammenwirken von Teilen zu größeren Einheiten, reduziert und zur Abgrenzung und Optimierung von Gebäudetypen umgedeutet wird (Kapitel 4).

Bei den Diskussionen um "Die funktionelle Stadt" (1933) innerhalb des CIAM gerät das Zusammenwirken und die Synthese der Teile eines Stadtgebildes in den Nachkriegsjahren aus dem Blick. In ihrer Auslegung des Funktionalismus streben sie eine simplifizierende Funktionstrennung an, die beispielsweise Alexander Mitscherlichs Schrift "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" (1965) kritisiert. Diversen Unternehmungen in der Architektur, etwa Robert Venturis Entwurfsansatz, komplexere Formen für mehrfunktionale Gebäude zu schaffen und sie laut Charles Jencks mit einer symbol- und bildhaften postmodernen Architektursprache zu verknüpfen, gelingt es jedoch nicht, den Funktionsbegriff zu seiner ursprünglichen Komplexität zurückzuführen. Er bleibt mit einer negativen Konnotation behaftet: Monofunktionalismus (Jane Jacobs, Mitscherlich, Robert Venturi), naiver Funktionalismus (Aldo Rossi) und Bauwirtschaftsfunktionalismus (Theodor W. Adorno) (Kapitel 5).

Ende der 1980er-Jahre scheint der Funktionsbegriff aus der Architekturterminologie zu verschwinden, um dann wieder, so Poerschke, im Bewusstsein der heutigen Informationsgesellschaft zurückzukehren. Sie thematisiert die Entwicklung von "informationellen" und "globalen" Städten, weniger in Anknüpfung an den Funktionsbegriff, sondern aus dem Interesse der Architektur an Systemtheorien heraus (Komplexität, Selbstorganisation und Performativität). Letztlich mit der Computersimulation spricht Poerschke die 3D-Modellierung von Architektur hinsichtlich der Überprüfung komplexen Gebäudeverhaltens an, wobei allerdings die Generierung von Formen durch die Programme selbst, von der Autorin ungenannt bleibt. Scheiterte Semper etwa an der Komplexität von Formelgleichungen, gelingt es heutzutage parametrischen Programmen komplexe Formen mittels Algorithmen zu berechnen und Sullivans Diktum erneut anzuwenden: Form folgt hier der mathematischen Funktion.

Trotz der umfangreichen Lektüre gelingt es der Autorin die Entstehung und Etablierung, die Weiterentwicklung und Umdeutung des Funktionsbegriffs übersichtlich und eindrücklich darzustellen. Die zu Beginn eng geführte Diskussion des Funktionsbegriffs in Beziehung zum Teile-Ganze-Konzept gerät beim Fortschreiten der Untersuchung allerdings aus dem Blick. Als besonders positiv ist in diesem Zusammenhang die Fülle an originalem und zugleich in deutscher Übersetzung vorliegendem Textmaterial hervorzuheben, mit dem eine Textsammlung geschaffen wurde, die derart in der Literatur noch fehlte. Intransparent bleiben allerdings die Kriterien für die Auswahl der Schriften und Protagonisten. Ebenso wären Querverweise sowie eindeutige Auswertungen zur Entwicklung des Form-Funktion-Konzeptes in der Architekturgeschichte wünschenswert gewesen. Das Anliegen des vorliegenden Bandes, Interpretationen aus der Architekturgeschichte, Positionen und Gegenpositionen des Funktionsbegriffs aufzuzeigen, ist der Autorin dennoch erhellend gelungen.

Chris Dähne