Rezension über:

Amy Richlin: Arguments with Silence. Writing the History of Roman Women, Ann Arbor: University of Michigan Press 2014, X + 414 S., ISBN 978-0-472-03592-2, USD 40,00
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Rezension von:
Elke Hartmann
Institut für Geschichte, Technische Universität, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Elke Hartmann: Rezension von: Amy Richlin: Arguments with Silence. Writing the History of Roman Women, Ann Arbor: University of Michigan Press 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 4 [15.04.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/04/25984.html


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Amy Richlin: Arguments with Silence

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Amy Richlin, Professor of Classics an der University of California, Los Angeles, gehört zu den einflussreichsten Pionierinnen der Gender Studies im Bereich der Altertumswissenschaft, die stets mit dem klar formulierten Anspruch angetreten sind, mit ihren Forschungen gegen das Vergessen und die Marginalisierung (vor allem) von Frauen aufzubegehren. Im vorliegenden Sammelband ruft sie erneut und mit Verve zur "Auseinandersetzung mit dem Schweigen" - nämlich der Quellen über Frauen der römischen Antike - auf. Dem Anliegen der frühen Frauenforschung, Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen, ist Richlin treu geblieben, immer geht es ihr auch um eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Das Buch beinhaltet 10 überarbeitete und aktualisierte Aufsätze Richlins aus zwei Jahrzehnten (1981-2001), die sich mit unterschiedlichen Aspekten des alltäglichen Lebens in der römischen Antike befassen, von denen allerdings (was im Buch anders erscheint) keineswegs ausschließlich Frauen betroffen waren: Kapitel 1 befasst sich mit den "Quellen zum Ehebruch", Kapitel 2 mit "Invektiven gegen Frauen in der römischen Satire", die laut Richlin Auswirkungen bis in die Gegenwart zeigten. Verunglimpfungen und Witze, die in den Saturnalia des Macrobius von bzw. über Julia, die Tochter des Augustus, kolportiert wurden, werden im dritten Kapitel in verschiedenen historischen Kontexten ausgewertet. Kapitel 4 befasst sich mit der wenig bekannten Satirikerin Sulpicia. Kapitel 5 über "Vergewaltigungen bei Ovid" wendet sich strikt gegen eine Lesart, welche die Inhalte von dem Dichter als einer historischen Person abkoppelt (persona-Theorie): "content is not erased by quotation marks" (9). Richlin plädiert dafür, sich nicht auf eine gattungsbezogenen Lektüre zu beschränken, sondern die Thematik in allen literarischen Gattungen zu verfolgen, um deren Relevanz für die Konstruktion von Geschlechterbildern ermessen zu können. Auch das Kapitel 6 "Making Up a Woman" hat zum Ziel, zu untersuchen, auf welche Weise Texte und visuelle Medien Körper zum Objekt machen; hier dient Ovids didaktisches Gedicht zur Kosmetik der Frauen als Ausgangspunkt. Kapitel 7 leistet einen Beitrag zu dem Verständnis der römischen Religion von Frauen: Es sammelt Belege für die agency von Frauen im Feld der religiösen Praktiken und zeigt den geschlechterdifferenten Charakter der Religion auf. Die römische Religion sei stark durch Klassenunterschiede strukturiert, die jeweils in Bezug stünden zur Kontrolle der Verfügbarkeit über weibliche Sexualität. Auch Kapitel 8 widmet sich der agency von Frauen, nämlich deren medizinischen Kenntnissen und therapeutischen Fähigkeiten wie sie im Spiegel der Naturgeschichte des älteren Plinius thematisiert werden. In Kapitel 9 geht es um die "Emotions-Arbeit" von bezahlten Klagefrauen im Kontext des Bestattungswesens. Das letzte Kapitel 10 setzt einen ganz anderen Fokus, wenn das Verhältnis von feministischer akademischer Gelehrsamkeit und aktueller Politik behandelt wird. Nach dem Selbstverständnis von Richlin sei es wichtig, einen Brückenschlag zwischen wissenschaftlichen Zeitschriften und der Straße (317) zu schlagen.

Richlin hat alle im Band erneut publizierten Aufsätze überarbeitet und mit einer Einleitung versehen, die jeweils dokumentiert, unter welchen biographischen Umständen sich der Blick der Verfasserin auf die behandelten Gegenstände erweitert und verändert hat; diese Art von Selbstreflexion ist für den am Thema interessierten Leser irritierend selbstreferentiell. Ihre Argumentationen sind stets quellenorientiert, sie legt ihren Lesern das Material vor, mit dem sie arbeitet und lässt sich beim Entwickeln ihrer Schlüsse gleichsam über die Schulter schauen; dabei scheut sie sich nicht, auch Materialien zu präsentieren, die ihr selbst rätselhaft sind und von ihr nicht kontextualisiert werden können (z.B. 228). In dieser materialreichen Präsentation liegt der größte Gewinn der einzelnen Studien, die eben nicht nur (inzwischen) häufig traktierte Quellen behandeln, sondern kein einziges Fragment außer Acht lassen, das irgendwie für die Fragestellung aufschlussreich sein könnte.

Während der Reichtum des fachkundig präsentierten Materials überzeugt, gilt dies für die Auswertung der Befunde nur eingeschränkt. Sie erfolgt unter der Prämisse, dass die antike Gesellschaft als historischer Ursprung jenes Patriarchats auszumachen sei, unter dem die Moderne immer noch leide. Als Folge davon gewährt die Einordnung der erhobenen Befunde Antworten auf Fragen, die zwar für die Moderne enorme politische Relevanz besitzen, aber die Spezifika der Geschlechterordnung der antiken Gesellschaften nicht erkennbar werden lassen, sondern eher verunklaren. Wenn etwa im Hinblick auf das postulierte religiöse Netzwerk der Matronen Roms gesagt wird, dass dieses stark mit einem "ideologischen System verstrickt" sei, das "immer bereit gewesen sei, diese herabzusetzen" und sie nur unter den Voraussetzung akzeptierte, dass sie ihre "soziale Verpflichtung als Nachwuchsproduzentin im persönlichen Besitz eines Mannes" erfüllten (222), so wird ein recht grobes und unspezifisches Bild des Patriarchats reproduziert, das Eigenheiten der antiken römischen Gesellschaft übertüncht: etwa die Besonderheit, dass innerhalb der Elite zur Zeit der späten römischen Republik die Frage, ob derjenige, der als Vater eines Kindes auftrat, auch dessen Erzeuger war, im Grunde keine Rolle spielte und gerade die Matronen eine - für vormoderne Verhältnisse - enorme sexuelle Freizügigkeit an den Tag legten.

Dass in der umfangreichen Bibliographie Forschungsbeiträge, die nicht auf Englisch erschienen sind, unberücksichtigt bleiben, ist ein Mangel, der häufig gegenüber amerikanischen Beiträgen erhoben werden kann. In diesem Fall hätte der Rückgriff - gerade auf die deutsche Forschung des 19. Jahrhunderts - einiges an "Pionierarbeit" erspart. So fällt der Gesamteindruck ambivalent aus, allerdings kommt Richlin zweifellos das große Verdienst zu, dazu beigetragen zu haben, dass auch in der Altertumswissenschaft nicht mehr von den Frauen im allgemeinen gesprochen wird, sondern deren Lebenslagen viel spezifischer erfasst werden; ihre Studien haben unsere Kenntnis darüber enorm bereichert.

Elke Hartmann