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Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/forum/islamische-welten-208/

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Islamische Welten

Einführung

Von Stephan Conermann

Neun Veröffentlichungen aus den letzten Jahren fügen sich zu einem weiteren FORUM "Islamische Welten". Der Reigen wird eröffnet mit drei Büchern, in denen es um Geschichtsschreibung geht. Kristin Skotti befasst sich mit der Historiographie zum Ersten Kreuzzug. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Repräsentation der Muslime und ihrer Lebenswelten in sieben der etwa 20 auf uns gekommenen Chroniken. Obgleich das Ergebnis etwas ernüchternd ist, da uns von den Autoren in der Regel doch nur Topoi und Klischees geboten werden, lohnt sich die Lektüre schon allein aufgrund des großartigen theoriegeleiteten Einleitungsteils der Arbeit. (Conermann zu Skottki) Ebenfalls mit chronikhaften Texten befasst sich Tilmann Trausch. Sein Material bilden acht Werke aus der frühen Safavidenzeit (1501-1578), die er nicht auf inhaltliche, sondern auf formale und strukturelle Merkmale hin untersucht. Ein interessanter Ansatz, der durchaus ein neues Licht auf die Bewertung und Einordnung der Texte wirft. (Conermann zu Trausch) Schließlich führt uns Anja Pistor-Hatam in die jüngste iranische Historiographie ein. Anhand der Darstellung des Mongoleneinfalls verdeutlicht sie die verschiedenen (nationalistisch geprägten) Lesarten dieses Ereignisses durch persischsprachige Historiker. Auch in dieser Arbeit findet sich ein äußerst lesenswertes Theoriekapitel. (Conermann zu Pistor-Hatam).

Der Geschichte Nordwestafrikas im 12. und 13. Jahrhundert ist das nächste Buch gewidmet. Bisher wussten wir recht wenig über diese Zeit, die zwischen dem Ende der Ziriden und dem Beginn der Hafsidenherrschaft liegt. Amar S. Baadj bringt nun auf der Basis einer gründlichen Quellenlektüre und -auswertung etwas Licht in diese Epoche. (Conermann zu Baadj) Ebenso interessant sind auch Nur Sobers-Khans Ausführungen zur "Sklaverei" während der Osmanenzeit. Anhand von Istanbuler Gerichtsregistern macht sie noch einmal klar, wie problematisch die Übernahme und Verwendung eines Sklavereibegriffs ist, dessen Pfadabhängigkeit eindeutig auf das Atlantikdreieck einerseits und die Antike andererseits verweist. Formen extremer (persönlicher, rechtlicher, wirtschaftlicher) Abhängigkeit in nicht-westlichen Kontexten systematisch zu untersuchen, bleibt ein Forschungsdesideratum. (Wagner zu Sobers-Khan)

Der Block mit Studien zu Themen des 20. und 21. Jahrhunderts setzt ein mit einem interessanten Werk zur bisher wenig systematisch erforschten politischen Philosophie des bekannten indischen Dichters und Denkers Muhammad Iqbal (1877-1937). (Falter zu Sevea) Es folgt ein gelungener Überblick über die gegenwärtig in Saudi-Arabien vor allem im Umfeld des 2003 ins Leben gerufenen King Abd al-Aziz Center for National Dialog geführten Debatten um eine mögliche plurale religiös-nationale Identität. Die Probleme und Konflikte zwischen wahhabitischem Mainstream und anderen Deutungsangeboten lassen sich besonders gut am Beispiel der Schiiten zeigen. (Gharaibeh zu Preuschaft) Eine überzeugende Aufarbeitung eines bislang wenig erforschten Aufstandes im Oman ist dann das Thema einer überarbeiteten, in Oxford angefertigten Dissertation. Es handelt sich dabei um den - letztlich erfolglosen - antikolonialistischen Kampf der marxistischen Dhufar Liberation Front im Nordwesten des Landes. (Spiegel zu Takriti) Den Abschluss des Forums stellt eine Besprechung der mittlerweile recht bekannten Promotionsschrift von Christoph Günther über die Entstehung und Etablierung des "Islamischen Staates Irak" und über seine erfolgreichen Propagandastrategien dar. (Polanz zu Günther)

Wie so häufig also: ein bunter Strauß an spannenden islamwissenschaftlichen Neuerscheinungen!

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