Rezension über:

Kirsten Baumann / Ralf Bleile (Hgg.): Von Degen, Segeln und Kanonen. Der Untergang der Prinzessin Hedvig Sofia, Dresden: Michael Sandstein Verlag 2015, 291 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-95498-167-0, EUR 28,00
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Ralf Bleile / Joachim Krüger (eds.): 'Princess Hedvig Sofia' and the Great Northern War, Dresden: Michael Sandstein Verlag 2015, 415 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-95498-166-3, EUR 78,00
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Rezension von:
Josef Johannes Schmid
Mainz / Manubach
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Josef Johannes Schmid: Der Untergang der 'Hedvig Sofia' (Rezension), in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/27617.html


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Der Untergang der 'Hedvig Sofia'

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Vor nicht allzu langer Zeit, in den 1950er- und 1960er-Jahren, bezeichnete "Mantel und Degen" eine bestimmte Art historischer und oftmals pseudohistorischer Filmproduktion. An diese Konnotation fühlt man sich unmittelbar beim Lesen des ersten hier vorzustellenden Bandes erinnert: "Von Degen, Segeln und Kanonen"...

Erst der Untertitel klärt den Betrachter und potentiellen Leser darüber auf, hier einen der beiden Begleitbände der groß und ambitioniert angelegten schleswig-holsteinischen Landesausstellung des Jahres 2015 vor sich zu haben, welche dem Umfeld des am 25. April 1715 auf Grund gelaufenen schwedischen Linienschiffes Hedvig Sofia gewidmet sind. Spätestens seit der Wiederauffindung des englischen Liners MS Titanic durch Prof. Ballard 1985 erfreut sich dieser Ansatz der kulturgeschichtlichen Einordnung berühmter Wracks einer gewissen Popularität. Für die nordischen Länder kann diese Tradition sogar weiter zurückverfolgt werden, mindestens bis in die 1960er-Jahre, da es gelungen war, das in der Bucht vor Stockholm liegende Schiff der königlich-schwedischen Flotte Gustav Adolfs, die Vasa, nicht nur zu orten, sondern sogar erfolgreich zu heben und mittlerweile im Rahmen eines eigens dafür errichteten Museums der Öffentlichkeit zu präsentieren.

An diesen auch museumspädagogischen Erfolg knüpfte nun im vergangenen Jahr die oben erwähnte Ausstellung an - Produkt einer beispielhaften internationalen Zusammenarbeit, deren Ergebnis in zwei umfangreichen Katalogen, einen in englischer, einen in deutscher Sprache, festgehalten wurde. Dem öffentlichkeitswirksamen Ereignis gingen zahlreiche einschlägige Forschungen vor allem auf den Gebieten der Unterwasserarchäologie voraus, welche bereits 2011 in einem zusammenfassenden, von Jens Auer herausgegebenen Bericht veröffentlicht worden waren. [1] Diesen auch im Internet zugänglichen Report [2] sollte der interessierte Leser vielleicht als erstes konsultieren; viele der in den Katalogen noch offenen Fragen finden hier ihre Antwort.

Wenden wir uns nun diesen selbst zu, zunächst dem englischen Band. Umfang, Aufmachung und Gliederung legen nahe, hier quasi den "wissenschaftlichen" Teil der Gesamtpublikation vorliegen zu haben. Diese Annahme wird aber relativ schnell durch die augenfällig ungleiche Natur der Beiträge relativiert. Sowohl im Hinblick auf Relevanz, wie auch wissenschaftlichen, sprachlichen und erkenntnistheoretischen Anspruch fallen sie zu unterschiedlich aus, was sich allein schon in Gestalt und Aufbau, vor allem aber in der (oft nicht vorhandenen) Dokumentationsbreite zeigt.

Auf durchaus überzeugende Weise gelingt es, das Umfeld des infrage stehenden Konflikts, welcher Fahrt und Ende der Hedvig Sofia konditionierte - des Großen Nordischen Krieges - einigermaßen zufriedenstellend darzulegen. Die erwünschte umfassende Beleuchtung des Gegenstandes, also das Amalgam von Konnex zum eigentlichen Sujet (der nordischen Marinegeschichte des frühen 18. Jahrhunderts) und kulturgeschichtlichem Hintergrund erreichen nur wenige Texte, davon seien Jens Oelsens Einführung, Joachim Krügers Analyse der maritimen Aspekte des Krieges, Jan Kusbers Ausführungen zur Genese der russischen Marine in Überblendung mit anderen Projekten der Zeit (Gründung St. Petersburgs) sowie Melanie Greinerts biografischer Text zur Namensgeberin des Schiffes eigens hervorgehoben. Die thematische Relevanz anderer Beiträge, etwa zu Zivilarchitektur, Hofmusik und fürstlichen Funeralriten, erschließt sich - ohne die Qualität der Texte an sich in Frage stellen zu wollen - deutlich weniger. Der zweite Block, den rein maritimen und unterwasserarchäologischen Bereichen gewidmet, hebt sich hiervon ab, doch hierzu weiter unten noch mehr. Der letzte Teil, der heute wissenschaftstheoretisch sehr modernen Memorialforschung gewidmet, offenbart alle Stärken und Schwächen dieses Ansatzes; maritime Bezüge sind hier eher in der Minderzahl.

Im Resümee dieses Bandes erhebt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, gerade die sehr gelungenen Überblicksanalysen auch in deutscher Sprache dem anderen Band beizugeben. Der wird eröffnet von einem grundlegenden Text Thomas Eisentrauts zum Gegenstand an sich, dem schwedischen Linienschiff Hedvig Sofia, ein Beitrag der nicht nur die raison d'être des Unterfangens an sich darlegt, sondern zudem als exzellente Analyse an sich gelten kann. Andere Aufsätze widmen sich wiederum dem Leben der Namensgeberin, dem Krieg an sich, dessen dynastisch-politischem Hintergrund, der fürstlichen Repräsentation, sowie - wiederum aus der Feder Eisentrauts - Schiffbau und Leben an Bord zur Zeit des Nordischen Krieges. Den zweiten Teil des Buches nimmt sodann der eigentliche Katalog der Ausstellung ein.

Bei der im Rahmen einer Besprechung unumgänglichen Beurteilung sei im Folgenden, zum einen aus Gründen des zur Verfügung stehenden Umfangs, aber auch der Relevanz der Materie(n) an sich, der Fokus auf die marinegeschichtlichen Beiträge gelegt.

Hier gelingt es beiden Bänden, das Wesentliche klar, nachvollziehbar und dokumentiert dem Betrachter vor Augen zu stellen, dies nicht zuletzt in den auch gut lesbaren, oben erwähnten Ausführungen von Thomas Eisentraut. Versehen mit einem profunden Anmerkungsapparat (wie gesagt, wesentlich breiter als in den vergleichbaren englischen Texten), werden in den deutschen Passagen auch die Quellen (v.a. die Logbücher) ausführlich vorgestellt und diskutiert; Flottenlisten vermitteln ebenso einen strategisch-quantitativen Hintergrundeindruck wie die Tabellen in den englischen Erörterungen. Allerdings muss das Fehlen technischer Vergleichsangaben (Verdrängung, Größe, Bewaffnung) hier erstaunen, ebenso die völlige Ausklammerung russischer Aspekte der reinen Marinegeschichte (alle anderen Länder werden allgemein- und seefahrtsgeschichtlich vorgestellt). [3] Diesen Punkt könnte man auch zur Frage nach dem offenbar völligen Verzicht auf jede (doch naheliegende) russische Kooperation an dem Großprojekt erweitern.

Die verwendeten Abbildungen sind einwandfrei und illustrativ im besten Sinne, manchmal aber anachronistisch (dt. Band, 177, Abb. 4: eine Szene aus dem Jahre 1779!). Leider wurde auf Rekonstruktionszeichnungen verzichtet, vielleicht, weil diese dem landesüblichen Wissenschaftsanspruch nicht zu genügen scheinen; als imaginäre Hilfsmittel im besten Sinne wären sie hilfreich und wünschenswert gewesen.

Inhaltlich überwiegen marinegeschichtlich dänische Analysen und Quellenbezüge; die Berechtigung der mitunter herangezogenen englischen Vergleichsparameter kann hinterfragt werden. Andererseits werden gerade englischsprachige Grundlagenwerke allgemeiner oder spezifischer Natur mitunter ignoriert, bis hinein in die begleitende Bibliografie. [4] Etliche Texte schließlich bestehen nur aus Übersetzungen, finden sich also in beiden Bänden in unterschiedlichen Sprachen aber mit identischen Abbildungen. Gerade bei Eisentrauts Darstellung des Seefahreralltags der Zeit fällt dies ins Auge; hier sollte unbedingt der - wie gesagt, exzellente - deutsche Text bevorzugt werden, nicht nur aufgrund der auch hier wieder deutlich dichteren Dokumentation, sondern auch deshalb, weil die englische Fassung mit ihren zahlreichen unglücklichen Germanismen und anderen sprachlichen Unebenheiten nicht unbedingt überzeugen kann (dies gilt für fast alle Übersetzungen des Bandes).

Zusammenfassend kann die Zwillingspublikation durchaus als gelungener Beitrag zur Beleuchtung eines bislang vor allem auch innerhalb der Seefahrtsgeschichte eher als sekundär betrachteten Raumes gelten. Der sensationelle Fund des Linienschiffes [5] wurde dadurch nicht nur breitenwirksam vorgestellt, sondern auch angemessen aufgearbeitet. Die damit verbundene Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, die marine-, politik- und strategiegeschichtlichen sowie unterwasserarchäologischen Aspekte, durchaus weit kulturell konzipiert, in einem Werk zu präsentieren und die doch oft sehr weit hergeholten und inhaltlich weit entfernten allgemein kulturhistorischen Beiträge getrennt als Begleitband zu publizieren, vermag an dieser Beurteilung nichts zu ändern. Auch so findet der interessierte Leser, wiewohl nach einiger Suche, genügend, um die Bände für alle an der Materie Interessierten nachdrücklich zu empfehlen.


Anmerkungen:

[1] Jens Auer (Hg.): Fieldwork Report - Prinsessan Hedvig Sophia (= Esbjerg Maritime Archaeology Reports; Bd. 3), Esbjerg 2011.

[2] http://www.maritimearchaeology.dk/downloads/Hedvig%20Sophia%20Reportmail.pdf (10.12.2015).

[3] Vgl. John Tredrea / Eduard Sozaev: Russian Warships in the Age of Sail, 1696-1860: Design, Construction, Careers and Fates, Barnsley 2010.

[4] So etwa: Robert Gardiner / Brian Lavery: The Line of Battle. The Sailing Warship 1650-1840, London 1992; Brian Lavery: The Ship of the Line, Vol. 1: The Development of the Battlefleet, 1650-1850, Annapolis, Md., 1983, Vol. 2: Design, Construction and Fittings, ibid. 1984.

[5] Das Aufsehenerregende des Fundes hatte schon ein 2010 entstandener Dokumentationsfilm belegt: Kampf um die Ostsee - Das Wrack der Hedvig Sophia (D 2010), Regie: Kirsten Hoehne, 45 min., vgl. http://www.zdf.de/terra-x/terrax-kampf-um-die-ostsee-das-wrack-der-hedvig-sophia-untergang-des-schwedischen-flaggschiffs-1715-5353932.html (10.12.2015).

Josef Johannes Schmid