Rezension über:

Marcel Bohnert / Lukas J. Reitstetter (Hgg.): Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr, Berlin: Carola Hartmann Miles-Verlag 2014, 262 S., ISBN 978-3-937885-98-8, EUR 24,80
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Rezension von:
Philipp Scheidle
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Philipp Scheidle: Rezension von: Marcel Bohnert / Lukas J. Reitstetter (Hgg.): Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr, Berlin: Carola Hartmann Miles-Verlag 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/27495.html


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Marcel Bohnert / Lukas J. Reitstetter (Hgg.): Armee im Aufbruch

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Die Bundeswehr hat in ihrer 70jährigen Geschichte turbulente Zeiten erlebt, man könnte fast sagen, sie ist eine leidgeprüfte Institution. Waren die Probleme der Aufbaujahre unter anderem chaotischen Zuständen und handfesten Skandalen geschuldet, so ist die derzeitige Krise im Kern eine Identitätskrise. Kann man ein Leitmotiv in "Armee im Aufbruch" ausmachen, so ist es nach Ansicht des Rezensenten dieses. Ansonsten ist der Sammelband nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Die 16 Beiträge aus der Feder von Studentinnen und Studenten der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg unterscheiden sich in Umfang, Anspruch und in ihrer thematischen Schwerpunktsetzung erheblich. Marcel Bohnert betont einleitend, sämtliche Arbeiten stellten "persönliche Meinungen dar" und seien "in keiner Weise inhaltlich gelenkt" worden (18). Die Mehrzahl der Beiträge lässt sich als anekdotisch bzw. journalistisch beschreiben, nur wenige zeichnen sich durch wissenschaftliche Ansätze aus.

Ein Problem, das immer wieder aufscheint, betrifft den Stellenwert und die Implikationen der universitären Ausbildung der Offiziere. Insbesondere die vierjährige Absenz von der Truppe und der Mehrwert eines Studiums für das Soldatenhandwerk werden dabei kritisch hinterfragt. Die Forderung nach einer engeren Verzahnung von Universität und Truppendienst - unter anderem zum Zweck der besseren Kohäsion von Offizier- und Unteroffizierkorps - ist ein Allgemeinplatz, wie aus den Beiträgen von Hendrik Müller (Pseudonym), Richard Unger, Marc Kuhn, Lukas Reitstetter, Kai Skwara und Danny Görs hervorgeht.

Das Verhältnis von ziviler und militärischer Lebenswelt ist ebenfalls mehrfach Gegenstand der Betrachtung, wobei das Image der Armee in der öffentlichen Wahrnehmung deutlichen Unmut hervorruft. Unger legt in seinem Beitrag die Kernanliegen dar. Der Autor stellt fest, dass das Militär nach grundsätzlich anderen Regeln funktioniert als die Zivilgesellschaft. Dieser Spagat wird als Herausforderung erkannt, wobei Unger es ablehnt, militärische Eigenarten und Gepflogenheiten gleichsam aufzuweichen. Florian Rotter betont, dass das Militär als alternativer Lebensentwurf gegenüber der Zivilgesellschaft verstanden werden sollte.

"Heer der Zukunft", "Neues Heer", "Heer 2011" - unter diesen Schlagworten subsumiert Marc Kuhn die bis heute nicht abgeschlossene, umfassende Transformation der Streitkräfte. Damit einhergehend stellt sich ein ums andere Mal die Frage: Was ist der deutsche Soldat? Dieses Problem wird von den Autoren unter unterschiedlichen Gesichtspunkten diskutiert. Die Beiträge von Richard Unger, Florian Rotter, Jan-Philipp Birkhoff und Martin Böcker sind hier hervorzuheben. Unger hält einen Kodex für notwendig, der als verbindliches Leitmotiv Orientierung bieten soll, das dezidiert Soldatische betont und letztlich auf die Reglementierung professioneller Gewaltanwendung zielt, auch wenn sich keiner der Autoren dieses Begriffs bedient. Von einem Kodex verspricht sich Unger außerdem ein höheres Maß an Homogenität innerhalb des Offizierkorps, schon wegen seiner Filterfunktion bei der Nachwuchsrekrutierung. Rotter stößt in dasselbe Horn; nur mit dem Grundgesetz, den einschlägigen Dienstvorschriften und dem anachronistischen Konzept des Staatsbürgers in Uniform ließe sich keine zeitgemäße soldatische Identität stiften. Als Vorbild stehen dem Autor unter anderem die preußischen Tugenden vor Augen. Der Tradition kommt eine Schlüsselfunktion zu, wobei das Traditionsverständnis nicht unproblematisch erscheint und historisch-empirisch nicht genügend abgesichert ist. Auch Birkhoff hält ein neues Selbstbild für notwendig, um die Identitätsfrage zu beantworten, setzt aber nicht auf die Neubelebung alter Tugenden, sondern vielmehr auf das zivilen Kontexten entnommene Konzept Leistungsgesellschaft. Der Soldat solle seine professionelle Identität an die meisterhafte Beherrschung seines Handwerks knüpfen. Das Credo Professionalisierung statt Politisierung passt freilich nur schwer zum Konzept des Staatsbürgers in Uniform.

Martin Böcker schaltet sich mit seiner kritischen Stellungnahme zu Elmar Wiesendahls Essay "Athen oder Sparta" [1] direkt in die aktuelle Debatte um die Transformation der Bundeswehr ein. Zunächst unterscheidet der Autor zwischen praktischem und theoretischem Mehrwert des Konzepts Staatsbürger in Uniform. Positiv wird die daraus erwachsene innere Ordnung (Beschwerderecht, Rechtssicherheit) bewertet, ebenso die Überzeugung, dass Befehle sowohl nach ethisch-moralischen Gesichtspunkten als auch nach dem Kriterium der Durchführbarkeit bewertet werden müssen. Das zentrale Problem sieht Böcker allerdings darin, dass diese Komponenten nicht mit dem Staatsbürger in Uniform in Verbindung gebracht werden. Mit der Kritik, dass die Konzepte Staatsbürger in Uniform und Innere Führung Stückwerk geblieben sind, weiß er sich freilich nicht allein. Was im Rahmen des Ost-West-Konflikts noch funktioniert haben mag, werde den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. Der Autor kommt dann auf die zwei Alternativen zu sprechen, die Wiesendahl mit den Schlagworten Athen und Sparta umschreibt. Ihm dient "Athen" als Metapher für einen Soldatentypus, bei dem moralischer Kompass und militärische Kompetenz Missionen zum Zweck der Krisenintervention und Befriedung gerecht werden müssten. Oberste Priorität habe dabei der Frieden, nicht der Sieg auf dem Schlachtfeld. "Sparta" hingegen steht für den reinen Kämpfer, dessen Raison d'Être die Vernichtung des Gegners durch professionelle Gewaltanwendung sei, wobei die Betonung dezidiert militärischer Werte zwangsläufig ein Ende des Selbstverständnisses vom Staatsbürger in Uniform bedeuten würde. Böcker kritisiert, dass "Athen" einen hehren, aber realitätsfernen Anforderungskatalog an den Soldaten beschreibe, wohingegen "Sparta" dazu diene Verfechter anderer Positionen an den Rand der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu drängen. Dabei argumentiert er differenziert und bemüht sich um eine Synthese.

Wissenschaftlichen Charakter hat kaum ein Aufsatz; zuweilen fehlen Literatur- und Quellenverzeichnisse völlig. Ausnahmen bilden die Beiträge von Martin Böcker, von Karen Haak über Frauen in den Kampftruppen sowie von Felix Schuck und Thorben Mayer, die der Frage nach taktischen und operativen Entwicklungen des deutschen Heeres im Ersten Weltkrieg nachgehen.

Das Lob, das aus zahlreichen, dem Buch vorangestellten Kommentaren spricht, bezieht sich vor allem auf die Tatsache, dass hier Angehörige der Streitkräfte selbst zu Wort kommen. Die offene Formulierung von Nöten und Sorgen und nicht zuletzt die aktive Teilnahme an der Diskussion um die Frage, was unsere Armee repräsentieren, leisten und sein soll, haben tatsächlich einen eigenen Wert. Eine historisch-sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema können - und wollen - die von Marcel Bohnert und Lukas J. Reitstetter zusammengestellten Beiträge nicht ersetzen.


Anmerkung:

[1] Vgl. Elmar Wiesendahl: Athen oder Sparta. Bundeswehr quo vadis?, Bremen 2010.

Philipp Scheidle