Rezension über:

Juliet Wilson-Bareau / Stephanie Buck: Goya. The Witches And Old Women Album, London: Paul Holberton Publishing 2015, 184 S., ISBN 978-1-907372-76-6, GBP 30,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus
Moosburg a.d. Isar
Redaktionelle Betreuung:
Saskia Jogler
Empfohlene Zitierweise:
Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus: Rezension von: Juliet Wilson-Bareau / Stephanie Buck: Goya. The Witches And Old Women Album, London: Paul Holberton Publishing 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/27093.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Juliet Wilson-Bareau / Stephanie Buck: Goya

Textgröße: A A A

Kaum ein Künstler steht so im Zentrum der wissenschaftlichen wie der populären Aufmerksamkeit wie der spanische Maler und Druckgrafiker Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828). Doch Dutzende Regalmeter Publikationen und die großen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte hinterlassen oft eine gewisse Ratlosigkeit - zu groß ist die Bandbreite seines umfangreichen Werkes, zu widersprüchlich die Aussagen seiner Bilder im Laufe seines langen Lebens. Die Konzentration auf einzelne, klar umgrenzte Themen bringt hier oft mehr. Dies zeichnet auch die vorliegende Publikation aus, die sich innerhalb des großen grafischen Œuvres Goyas auf eine einzige, klar umrissene Aufgabenbestellung beschränkt (und diese in hervorragender Weise meistert): Die vollständige Rekonstruktion und wissenschaftliche Aufarbeitung eines einzigen der acht Zeichnungsalben, die Goya im Laufe seines Lebens schuf, das sogenannte Album D oder "Album der Hexen und alten Frauen".

1958 hatte die Bostoner Kuratorin Eleanor Sayre erstmals nachweisen können, dass ein Großteil von Goyas Zeichnungen in einer ungewöhnlichen Form entstanden sein muss: Als Teil von zusammenhängenden Zeichenbüchern oder Alben. [1] Aus stilistischen und technischen Ähnlichkeiten der Zeichnungen und des Papiers und physischen Spuren an den Blättern schloss Sayre auf acht Alben, die sie nach ihrer Datierung A bis H benannte. Pierre Gassier schloss sich 1973 in seinem Catalogue raisonné von Goyas zeichnerischem Werk dieser Definition an und erweiterte sie insbesondere um Hinweise zur Provenienz. Allerdings hat sich durch neuere Datierungsvorschläge die Reihenfolge der Alben geändert, weswegen neben der alphabetischen Benennung heute auch zusätzliche, beschreibende Titel verwendet werden. Die rätselhaften Pinselzeichnungen des Album D geben einen tiefen Einblick in Goyas persönliche Vorstellungswelt, bevölkert von alptraumhaften Wesen, Mönchen und Hexen, alten Frauen (und Männern) in Szenen von absurder Konstellation, grotesker Ironie, menschlicher Schwäche und Grausamkeit. Die lakonischen Bildunterschriften erschweren die Interpretation oft mehr, als dass sie ihr nützen.

Das hier besprochene Buch erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Courtauld Gallery in London (26.02.-25.05.2015). Die Idee hierzu entstand laut dem Vorwort während der wissenschaftlichen Arbeit an dem Katalog spanischer Zeichnungen der Courtauld Gallery, darunter auch das Blatt "Singen und tanzen / Cantar y bailar" aus Goyas Album D. [2] Die Goya-Forscherin Juliet Wilson-Bareau, die zusammen mit der Courtauld Gallery-Kuratorin Stephanie Buck als Herausgeberin des vorliegenden Buches fungiert, hatte bereits 2001 einen Überblick über die Zeichenalben Goyas gegeben. [3] Die von ihr kuratierte Ausstellung in der Hayward Gallery in London zeigte ausgewählte Beispielblätter aus allen acht Alben Goyas. Der jetzt erschienene Katalog schließt sich mit seiner (fast) vollständigen Rekonstruktion des Albums D praktisch nahtlos an diese Ausstellung an. Durch die großzügige Kooperation von Sammlungen und Institutionen konnten tatsächlich 22 der einstmals wohl 23 Blätter des Albums in der Ausstellung gezeigt und in dem vorliegenden Katalog bis ins Kleinste wissenschaftlich erschlossen werden.

Das Buch beginnt mit vier einleitenden Aufsätzen, die Goyas Album D in knapper, aber umfassender Weise erarbeiten: Juliet Wilson-Bareau stellt das rekonstruierte Album in klarer Sprache und einleuchtender Argumentation vor ("Dreams and Visions: Of Witches and Old Women"). Ihre grundlegende Einführung in Goyas zeichnerisches und druckgrafisches Werk, der ikonografische und historische Kontext seiner Zeichnungen sowie nicht zuletzt die geradezu detektivische Provenienzforschung zum späteren Schicksal seiner Alben bilden die Grundlage für die Rekonstruktion und die chronologische Einordnung des Albums D. Mark McDonald, Kurator für Zeichnung und Druckgrafik des Metropolitan Museum of Art, analysiert die Bezüge zwischen Goyas Zeichnungen und seiner Druckgrafik ("Goya's Prints among his Drawings"). Neben ikonografischen und ideengeschichtlichen Parallelen liefern Goyas Drucke, wie seine ersten Versuche mit der neuen Technik der Lithografie 1819, Anhaltspunkte zur chronologischen Einordnung der undatierten Zeichnungen.

Die Kunsthistorikerin Reva Wolf gibt in ihrem lesenswerten Beitrag ("Folly, Magic an Music in Goya's Album D") wichtige Hinweise für die Entschlüsselung von Goyas höchst eigenwilliger und rätselhafter Bildersprache. So verfolgt sie die Herleitung von immer wiederkehrenden Goya-Motiven wie der alten Kupplerin Celestina, Tamburinspiel, Schweben oder Predigen, die sich zum Teil bis zu Werken wie Erasmus' "Lob der Torheit" zurückverfolgen lassen. Trotz der trockenen Materie überaus spannend liest sich die technische Analyse der einzelnen Blätter des Album D von Stephanie Buck, Juliet Wilson-Bareau und der Papierrestauratorin Kate Edmondson ("Reconstructing Goya's Album D"). Aus Tintenabdrücken, Papierfaserspuren und Resten von Montagepapier werden Zugehörigkeit und Reihenfolge der Albumseiten minutiös rekonstruiert.

Der anschließende Katalog gliedert sich in zwei Teile. Unter den Katalognummern 1 bis 23 erscheinen die 22 Blätter des Album D (unter Auslassung von dem bislang nicht aufgefundenen Blatt 9). Angenehm lesenswert macht diesen Katalogteil, dass die umfangreichen technischen Angaben zu den einzelnen Blättern in eigene kurze Artikel von Edward Payne ausgelagert sind. So können sich die eigentlichen Katalogbeiträge auf je eine Doppelseite pro Blatt beschränken, bestehend aus jeweils einer Textseite und einer Bildseite mit der Zeichnung in Originalgröße.

Der zweite Teil des Katalogs liefert den Kontext des "Albums der Hexen und alten Frauen". Als greifbares Dokument der Provenienzforschung wird hier der leere Einband des Sammelalbums gezeigt, in welchem der Maler und Sammler Federico de Madrazo y Kuntz um 1866-1868 fünfzig Goya-Zeichnungen kompilierte, darunter auch Blätter aus Goyas Album D. Die übrigen Katalognummern zeigen überwiegend sinnvoll ausgewählte Vergleiche aus Goyas zeichnerischem und druckgrafischen Werk, in denen sich Parallelen zu den Themen des Album D - Hexen, groteske Gestalten und bizarre Situationen, begleitet von lakonisch-rätselhaften Bildunterschriften - wiederfinden.

Dies ist kein Buch für Goya-Einsteiger; grundlegendes Hintergrundwissen zu seinem Werk und seiner Zeit ist für die Lektüre Voraussetzung. Doch der klare Aufbau, die nachvollziehbare, "typisch angelsächsische" Wissenschaftssprache und vor allem ein überaus sorgfältiges Lektorat erschließen den Gegenstand des Buches in erfreulicher Weise. Dieser Katalog kann als vorbildhaft dafür gelten, wie durch gezielte Herangehensweise an einen kleinen, abgegrenzten Werkbestand neue und bedeutende Erkenntnisse selbst über einen scheinbar so übererforschten Künstler wie Francisco de Goya erzielt werden können.


Anmerkungen:

[1] Eleanor A. Sayre: An Old Man Writing, in: Bulletin of the Museum of Fine Arts 56 (1958), Nr. 305, 116-136.

[2] Zahira Véliz (ed.): Spanish Drawings in the Courtauld Gallery: Complete Catalogue, London 2011.

[3] Juliet Wilson-Bareau (ed.): Goya: drawings from his private albums, London 2001.

Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus