Rezension über:

Małgorzata Ruchniewicz: Das Ende der Bauernwelt. Die Sowjetisierung des westweißrussischen Dorfes 1944-1953. Aus dem Poln. übers. von Sabine Stekel und Markus Krzoska (= Moderne europäische Geschichte; Bd. 11), Göttingen: Wallstein 2015, 504 S., ISBN 978-3-8353-1403-0, EUR 44,00
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Rezension von:
Rayk Einax
Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Rayk Einax: Rezension von: Małgorzata Ruchniewicz: Das Ende der Bauernwelt. Die Sowjetisierung des westweißrussischen Dorfes 1944-1953. Aus dem Poln. übers. von Sabine Stekel und Markus Krzoska, Göttingen: Wallstein 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/27566.html


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Małgorzata Ruchniewicz: Das Ende der Bauernwelt

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Bei der aus dem Polnischen übersetzten Monografie von Małgorzata Ruchniewicz handelt es sich im Grunde genommen um ein Kollektivbiogramm. Die Hauptrolle darin spielt die Landbevölkerung derjenigen Region, die 1939 nach der Zerschlagung Polens, wenn auch nur kurzzeitig, als "Westbelarussland" (so der sowjetisch angehauchte Terminus) mit der 1920 gegründeten Belarussischen Sowjetrepublik (BSSR) "wiedervereinigt" worden war. Wenn man also die beiden Jahre vor 1941 als eine Art Ouvertüre betrachtet, zeichnet die Monografie unter dem Paradigma der "Sowjetisierung" einerseits all die fundamentalen Umwälzungsprozesse nach, die nach dem Rückzug deutscher Truppen 1944 die sozioökonomischen Verhältnisse in den Dörfern der hinzugewonnenen Gebiete ein weiteres Mal innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellten. Andererseits besteht das Interesse darin, die Auswirkungen dieses durch massive propagandistische und repressive Einflussnahme gekennzeichneten "Feldzuges" auf die Lebensverhältnisse der Bewohner nachzuverfolgen.

Dabei speist sich Quellenfundus der Arbeit im Wesentlichen aus der amtlichen Überlieferung, das heißt so, wie sie sich im Schriftgut der Partei- und Staatsdienststellen niedergeschlagen hat. Damit rekonstruiert die Autorin zum einen die sowjetische Landwirtschaftspolitik aus der Perspektive der Behörden. Auf der anderen Seite interessiert sie an gleicher Stelle, inwieweit die Dorfbewohner auf den Verlauf beziehungsweise die Intensität des erzwungenen Wandels Einfluss nehmen konnten, und welche unterschiedlichen Strategien sie in diesem Sinne entwickelten.

Das westliche Weißrussland (deutsches Synonym zu Belarus) stellt in diesem Zusammenhang insofern einen Untersuchungsgegenstand sui generis dar, als dass die Dörfer bis dato kaum etwas von den infrastrukturellen "Segnungen" der Moderne erfahren hatten. Hinzu kam eine individuell betriebene Landwirtschaft als Haupterwerbsquelle, und so ist es kaum verwunderlich, dass sich Parteiideologen und sowjetische Behörden anschickten, die aus ihrer Sicht vollkommen rückständigen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu überwinden. Mit Rückgriff auf berühmt-berüchtigte Zauberwörter wie "Dekulakisierung" und "Kollektivierung" - sowie mit einem teleologisch fundierten Fortschrittsoptimismus im Gepäck - sah sich die Sowjetmacht beziehungsweise der "totalitäre Staat" (52) nach den Einmärschen von 1939 und 1944 in der Pflicht, schleunigst eine Modernisierung nach sowjetischer Regie nachzuholen. Und somit traf innerhalb des dörflichen Mikrokosmos ein ideologisch motiviertes staatliches (Zwangs-)Regime auf ein eigenwilliges Set an bäuerlichen Reaktionen. Die häufigen Rückblenden auf die Jahre 1939-1941 machen aber auch eine Reihe von Unterschieden deutlich.

Fünf Großkapitel gliedern das Buch unter chronologischen Gesichtspunkten. Im ersten Abschnitt fungieren die "Kresy" (Ostgebiete) in der Zweiten Polnischen Republik (1921-1939) sowie die einschneidenden Erfahrungen von Besatzungskrieg, Vernichtung und Ausplünderung (1941-1944) als weitere wichtige Referenzpunkte. Schätzungen gehen für die Zwischenkriegszeit von einem bäuerlichen Bevölkerungsanteil von circa 80 Prozent aus. Weitere Charakteristiken waren kleinteilige Bodenbesitzverhältnisse und die zum Teil daraus resultierenden sozialen Spannungen, ein geringer Alphabetisierungsgrad sowie eine unzureichende Infrastruktur. Darüber hinaus zeichnete sich die westliche Belarus durch eine multiethnische Gemengelage aus, deren nationale Zuordnung selbst nachträglich noch die historischen Debatten anheizt. Die Annexion von 1939 lieferte alsdann einen ersten Vorgeschmack auf die Verheißungen der sowjetischen Moderne, wie zum Beispiel eine Umverteilung des Bodens, aber noch nicht dessen allgemeine Überführung in genossenschaftliches oder staatliches Eigentum; an sozialen, aber auch ethnischen Kategorien orientierte Repressionen; der Zuzug ortsfremder Kader.

Jedenfalls war das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben auf den Dörfern bereits vor 1944 tiefgreifenden Erschütterungen ausgesetzt gewesen. Dennoch versuchten die sowjetischen Machthaber das Rad bis zum Status quo ante (1941) zurückzudrehen und den Westteil der BSSR danach endgültig in das Sowjetimperium zu integrieren (Kapitel 2). Dem raschen Erfolg standen mehrere Faktoren entgegen: Engpässe an kompetentem beziehungsweise einheimischem Personal zum Aufbau der Verwaltung und damit mangelnde Kontrollmöglichkeiten; die Bedrohung durch feindliche Freischärler in der unmittelbaren Nachkriegszeit; die Willkürherrschaft vieler örtlicher Vertreter des neuen Regimes; umfangreiche demografische Homogenisierungsmaßnahmen (freiwillige wie unfreiwillige) im Grenzgebiet, zum Beispiel beim polnisch-sowjetischen Territorial- und Bevölkerungsaustausch.

Was speziell die Landwirtschaft anbetraf, so erfolgten Ende 1944 die ersten Weichenstellungen hin zur Etablierung eines Systems von Kollektivwirtschaften (Kapitel 3). Erneut wurde das Land im ersten Schritt willkürlich an einzelne Bauern (um-)verteilt. Parallel zu diesem taktisch angelegten Provisorium, und begleitet von mannigfaltigen Problemen, wurde versucht, die bereits vor dem Krieg existierenden Kolchosen wieder flott zu machen.

Den entscheidenden Umschwung markierte dann das Jahr 1947 (Kapitel 4). Nachdem bereits eine geraume Zeit zwei unterschiedliche Bodenbewirtschaftungssysteme innerhalb der BSSR nebeneinander existiert hatten, wurden nun die Bemühungen hinsichtlich des Aufbaus eines flächendeckenden Kolchossystems intensiviert. Dieser Plan galt 1953 als abgeschlossen. Bei Ruchniewicz liest sich diese propagandistisch aufwändige wie administrativ brutale Kampagne, deren Zweck die Schaffung des sowjetischen Dorfes an der Peripherie des Imperiums war, als eine durch behördliche Inkompetenz und lokale Missstände verkettete Geschichte; ein depressiver Grundton bestimmt somit durchgängig das Geschehen.

Für den Schluss hat sich die Verfasserin vorbehalten, die Dörfer als Schauplätze der doktrinären Beeinflussung ihrer Einwohner zu analysieren (Kapitel 5). Den meisten Platz räumt sie dabei dem Kampf gegen die Volksreligiosität ein, die im westlichen Weißrussland auf lokaler Multikonfessionalität beruhte. Der formal atheistische Staat, der sich vor Ort noch gar nicht voll und ganz konsolidiert hatte, stand unter diesen Umständen vor einer Vielzahl weiterer großer Herausforderungen.

Die Studie schöpft, was die Quellen angeht, aus dem Vollen und bedient sich umfangreich statistischen Datenmaterials, dessen (sowjetische) Spezifik allerdings nirgends diskutiert wird. Der Zahlensalat ist mitunter schwere Kost, macht aber die Unterschiede innerhalb und zwischen den einzelnen Oblasten (als oberster Verwaltungseinheit) deutlich; das Untersuchungsgebiet wirkt unter diesen Aspekten alles andere als homogen. Flankiert wird das Ganze durch ausführliche Quellenzitate. Dass diese Ressourcen eine eigene Realität widerspiegeln und überdies nahezu ausschließlich parteilichen und staatlichen Überlieferungszusammenhängen entstammen, ist ein methodisches Dilemma, dem sich viele Sowjethistoriker stellen müssen.

Mit Blick auf den Forschungsstand sind neben der sehr profunden polnischen auch die weißrussische und die deutschsprachige Literatur eingeflossen, wenngleich punktuell Lücken zu verzeichnen sind. Desgleichen kommen konzeptionelle Überlegungen zu kurz, darüber hinaus werden mitunter Fachtermini nicht näher erläutert. Kleinere Fehler und faktische Missgriffe fallen ins Auge: So befand sich das Kloster samt Priesterseminar von Žiroviči in der Oblast Baranoviči (nicht Molodečno, wie angegeben; 419), und Nikolaj S. Patoličev wurde bereits Mitte 1956 als 1. Sekretär des belarussischen Zentralkomitees abgelöst (nicht 1957; 239). Leider fehlt außerdem ein Abkürzungsverzeichnis, und die Angaben in den Fußnoten könnten, zumindest in puncto Transkription, besser mit den Angaben im Literaturverzeichnis korrespondieren.

Abgesehen von diesen mehr oder weniger lässlichen Monita macht diese verdienstvolle Publikation am Beispiel der Kollektivierung im sowjetischen Randgebiet auf eindringliche Weise deutlich, welche verhängnisvollen Dynamiken Handlungen erzeugen, die - auf dem Papier - planvoll anmuten, in der Praxis jedoch eine ganze Gesellschaft gewaltsam umgekrempelt haben.

Rayk Einax