Rezension über:

Christoph Hilgert: Die unerhörte Generation. Jugend im westdeutschen und britischen Rundfunk 1945-1963 (= Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert; Bd. 4), Göttingen: Wallstein 2015, 388 S., ISBN 978-3-8353-1702-4, EUR 39,90
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Rezension von:
Rainer Volk
Baden-Baden
Empfohlene Zitierweise:
Rainer Volk: Rezension von: Christoph Hilgert: Die unerhörte Generation. Jugend im westdeutschen und britischen Rundfunk 1945-1963, Göttingen: Wallstein 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/27533.html


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Christoph Hilgert: Die unerhörte Generation

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Moderne Zeitgeschichte sollte Einfluss und Entwicklung der Massenmedien berücksichtigen - darauf weist die kulturhistorische Forschung seit längerem hin. So sieht Axel Schildt den Hörfunk für die frühe Bundesrepublik als "Leitmedium" des öffentlichen Lebens. [1] Insofern überrascht es, dass die Dissertation von Christoph Hilgert zur Jugend im westdeutschen und im britischen Radio zwischen 1945 und 1963 weiterhin eine Ausnahme bildet. Der Autor unternimmt einen Längsschnitt durch die Programmangebote der ARD (vor allem von NWDR, SDR, SWF) und der BBC, zeigt aber auch mögliche Grenzen des Forschungsfelds auf.

Hilgert kombiniert das soziologische Konzept, Jugend als soziales und kulturelles Konstrukt zu betrachten, mit der aus der Publikumsforschung bekannten "dynamisch-transaktionalen" Hypothese einer steten Wechselbeziehung zwischen Journalisten und Publikum. De facto beschränkt sich die Analyse auf Sendungen mit hohem Wortanteil; die - massenattraktiveren - Musiksendungen werden weitgehend ausgeblendet. Diese Entscheidung ist aufgrund der spärlichen Quellenüberlieferung einleuchtend und ermöglicht aus zeithistorischer Perspektive bemerkenswerte Einsichten in die soziale Realität der Epoche.

So zeigt sich für die Zeit bis 1947/48 sowohl in den Westzonen Deutschlands wie auch in Großbritannien ein Schwerpunkt der Berichterstattung zu Kriminalität und sozialem Elend, was die "Zusammenbruchgesellschaft" nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs reflektiert. Dabei diagnostiziert Hilgert einen Duktus übertreibender "moral panic" (174). In einer zweiten Phase ab 1948 begriffen die Radiosender ihre Aufgabe darin - in Großbritannien wie in der Bundesrepublik -, "an der Erziehung der Jugend zu selbst- und mitverantwortlichen Staatsbürgern" (in Großbritannien: "useful citizens") mitzuwirken (203). Der dritte klar definierbare Zeitraum beginnt ab 1955. Hier wurde infolge des aufkommenden Wohlstands das Bild "einer zumindest leicht verführbaren Jugend im moralischen Niedergang" gezeichnet (229) und begonnen, statt von "Halbwüchsigen" von "Halbstarken" (237) zu reden und über jugendkulturelle Phänomene wie "Teddy-Boys" und konsumfreudige Teenager (250) zu berichten. Für das Ende seines Untersuchungszeitraums stellt Hilgert eine Versachlichung der Debatte um Jugend und Jungsein fest, da die Medien zu Beginn der 1960er-Jahre zunehmend die soziologische Jugendforschung aufgriffen und verarbeiteten (284).

Insgesamt wird Rundfunk als "Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung" (315) gesehen und Jugend als "Chiffre in den gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatten" - bei einem "frappierend" hohen Maß an inhaltlichen und zeitlichen Gemeinsamkeiten der Themen in beiden Ländern (326). Die eigentliche Pointe ist aber Hilgerts Diagnose, der Jugendfunk sei wegen der Kluft zwischen Musik- und Wortsendungen in einer Krise gewesen, denn bereits die zeitgenössische Hörerforschung zeige, man habe "weitgehend an seiner eigentlichen Zielgruppe vorbei [gesendet]. Die Stammhörerschaft bestand [...] aus Senioren" (330). Erst Magazine und 'special interest'-Sendungen zur Pop- und Rockmusik hätten Radio zum Teil der Jugendkultur werden lassen. Dieser Befund erklärt auch den Titel "Die unerhörte Generation". Den Abstand zwischen Journalisten und Hörern illustrieren auch, ohne dass darauf explizit hingewiesen würde, Fotos wichtiger Programm-Macher in bürgerlichem Habitus und von Jugendsendungen mit Hörerbeteiligung.

Leider schreibt Hilgert nicht so, dass die Lektüre leicht fällt. Auch beurteilt er (mangels radiopraktischer Erfahrung?) Sendeformen falsch; den "Zeitfunk" als "vorwiegend unpolitische Themen abdeckende Bilanz des Tages" (73) zu charakterisieren, läuft dem Grundgedanken dieser Sendungen genau entgegen. Trotzdem zeigt die Studie mögliche Anknüpfungspunkte von Medien- und Zeitgeschichts-Forschung auf. Auch für den Vergleich zwischen der Bundesrepublik und Großbritannien ist sie anregend, weil sie etwa das populäre Pauschalurteil relativiert, die ARD habe sich die BBC bei ihrer Gründung als "leuchtendes Vorbild" genommen [2], denn dies galt für Musiksendungen nur eingeschränkt.

Ein Hindernis für ähnlich gelagerte Studien könnte die Quellenbasis werden. Die von Hilgert untersuchten ca. 600 Sendungen erfassen nur einen kleinen Ausschnitt des jugendrelevanten Angebots im Hörfunk. Es ist zwar richtig, dass es sich um ein "strukturelles Quellenproblem der Rundfunkgeschichte" (31) handelt: Die Sendeanstalten unterhalten lediglich Produktionsarchive, die wenig über die Entstehung der Sendungen aussagen und nur einen Teil des Programms erfassen. Daraus ergibt sich notwendigerweise die fundamentale Frage nach der Validität der benutzten Quellen. Hilgert konzentriert sich auf die Suche nach Sendungsinhalten; die Lücken füllt er durch die Analyse von redaktions- und sender-interner Korrespondenz, Hörerbriefen und Artikeln der Programmpresse. Musiksendungen passen jedoch nicht in dieses Raster, weshalb sie nur auf etwas mehr als 20 Seiten behandelt werden. Die kritischen Einlassungen, die bereits die zeitgenössische Publikumsforschung über die Unzufriedenheit weiter Teile des Publikums mit den Programminhalten festhielt, werden zwar erwähnt, aber im Wesentlichen beiseitegeschoben.

Dabei ist Hilgert klar, dass Musikprogramme (ausgenommen Klassik-Sendungen) viel mehr Hörer erreich(t)en als Wortprogramme. Der Topos der "asymmetrischen Konkurrenzsituation" (139) zwischen den untersuchten Sendern, dem Programm von Radio Luxemburg (RTL) sowie den Soldatensendern der Briten (BFN) und Amerikaner (AFN) überzeugt, zwang doch diese Konkurrenz die ARD-Anstalten ab Mitte der 1950er-Jahre zu Programm-Reformen. Hilgert erwähnt zwar die Karriere von Chris Howland, dem ersten "Discjockey" im deutschen Radio, aber er belässt es bei einem Hinweis auf die "programmgeschichtliche Zäsur" (147), die dessen Sendungen kulturhistorisch bedeuteten. [3]

So bleibt der Eindruck einer Disproportion, die Hilgert damit begründet, Sendungen mit Schlager- oder Tanzmusik seien nur vereinzelt in die Programmschemata aufgenommen worden und "Fremdkörper im klanglichen Erscheinungsbild des Gesamtprogramms" (150) geblieben - eine Erklärung, die aus Sicht des Rundfunkpraktikers wie des Radiohörers von einst kaum zu befriedigen vermag.


Anmerkungen:

[1] Axel Schildt: Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, Frankfurt a.M. 1999.

[2] Vgl. Thomas Assheuer: Kopfsprung ins Seichte, in: DIE ZEIT vom 8.1.2004.

[3] Vgl. "Der Schallplattenjockey muss ein Pferd haben." Chris Howland über den langsamen Siegeszug der Schlagermusik in Hörfunk und Fernsehen und seinen steinigen Weg zum Erfolg im Gespräch mit Peter von Rüden, in: Vom NWDR zum WDR. Gespräche zur Programmgeschichte (= Nordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte; Heft 3), hgg. v. Peter von Rüden / Hans-Ulrich Wagner, o.O. 2005, 24-37, http://www.hans-bredow-institut.de/de/webfm_send/182 (abgerufen am 15.1.2016).

Rainer Volk