Rezension über:

Anorthe Kremers / Elisabeth Reich (eds.): Loyal Subversion? Caricatures from the Personal Union between England and Hanover (1714-1837), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 200 S., 95 Farbabb., ISBN 978-3-525-30167-8, EUR 29,99
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Rezension von:
Benjamin Bühring
Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Benjamin Bühring: Rezension von: Anorthe Kremers / Elisabeth Reich (eds.): Loyal Subversion? Caricatures from the Personal Union between England and Hanover (1714-1837), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/26012.html


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Anorthe Kremers / Elisabeth Reich (eds.): Loyal Subversion?

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Im Vorfeld des 300. Jubiläums der britisch-hannoverschen Personalunion (1714-1837) widmeten sich mehrere Tagungen dieser Verbindung, einige von ihnen standen in unmittelbarem Zusammenhang mit der niedersächsischen Landesausstellung 2014 zu ebendiesem Thema. [1] Der vorliegende Band versammelt die Beiträge eines Symposions, das die VolkswagenStiftung im Februar 2013 gemeinsam mit dem Wilhelm Busch Museum für Karikatur und Zeichenkunst (beide Hannover) veranstaltete. Als Teil der Landesausstellung präsentierte das Museum 2014 dann zahlreiche Karikaturen und Zeichnungen aus dem Themenfeld der Personalunion. [2]

Mit der Thematisierung von Karikaturen greift der Band die Forderung nach einer kulturhistorischen Weiterung des Verständnisses der britisch-hannoverschen Verbindung auf. Die Beiträge gliedern sich in vier sehr unterschiedlich stark repräsentierte Themengruppen, die von der zentralen Figur des Königs als Objekt der Karikatur über den Karikaturenmarkt der europäischen Hauptstädte des 18. Jahrhunderts bis hin zum Zusammenhang von Karikatur und politischen Pamphleten reichen. Die ursprüngliche Gliederung der Konferenz wurde also aufgelöst. Zwei der drei weiteren gehaltenen Vorträge sind in anderen Zusammenhängen veröffentlicht worden. [3]

Werner Busch stellt in seinem Überblicksbeitrag, dem der Eröffnungsvortrag der Konferenz zugrunde liegt, den allmählichen Prozess der Ermächtigung der königlichen Person selbst durch die Karikatur dar. Er zieht eine Linie von der Infragestellung des Gottesgnadentums durch die Hinrichtung Karls I. im Jahr 1649 bis hin zur "freien" und radikalen Satire in den Karikaturen des 19. Jahrhunderts. Dieser Parforceritt durch die Geschichte der Personalunion zeigt die großen politischen und künstlerischen Entwicklungen auf. Der konkreten motivischen Umsetzung im Verlaufe des 18. Jahrhunderts widmet sich Sheila O'Connell, deren reich bebilderter Beitrag die langlebigsten Topoi in Karikaturen der britisch-hannoverschen Könige analysiert und deren Weiterentwicklung schlüssig aufzeigt. Beiträge wie der von Tempitope Odumosu zu "Slavery and the African Presence in the Subversive Mockery of Royalty" und andere widmen sich dann einzelnen Bildelementen und Topoi im Detail, verlieren aber nicht den Bezug zur Gesamtthematik.

Die Ausführungen von James Baker zu Samuel Fores und seinen Karikaturen Georg August Friedrichs, des späteren Prinzregenten, und König Georgs IV. verdeutlichen hingegen den lebensweltlichen Kontext der Karikaturen und die Abhängigkeit der Motive und Inhalte vom Markt für Karikaturen. Fores konnte seine Darstellungen nicht gegen den Geschmack seiner potentiellen Käufer produzieren, da die hohen Herstellungskosten den Druck von Karikaturen zu einem riskanten Geschäft machten. Gewinnorientierung überlagerte durchaus idealistische Herrscherkritik.

Die Entstehung dieses Marktes in Großbritannien beschreibt Timothy Clayton, nimmt allerdings keinen Bezug zur Personalunion selbst: Karikaturen wurden letztlich zu sehr begehrten und auch sehr teuren Drucksachen. Trotz der komplexen Bezüge in den Darstellungen, die vor allem außerhalb Großbritanniens nur mit umfangreichem Vorwissen entschlüsselt werden konnten, entstand auch ein internationaler Markt, der jedoch bisher kaum erforscht ist. Clayton macht vor allem die dynamische Wechselwirkung zwischen der Produktion und Distribution von Karikaturen und ihrer Bedeutung für den politischen Prozess deutlich.

Allen Beiträgen sind Kurzzusammenfassungen in deutscher Sprache vorangestellt, die jedoch teilweise nicht als Abstracts konzipiert wurden, sondern einzelne programmatische Paragrafen aus dem eigentlichen Text ins Deutsche übertragen. Leider wurden zahlreiche zum Teil bekannte Karikaturen innerhalb weniger Seiten gleich mehrfach abgedruckt - etwa Gillrays "Monstrous Craws" (44 und 59) oder Fores' "Samuel William Fores's shop" (91 und 105) - anstatt andere besprochene Karikaturen zu zeigen. Trotzdem werden in der Gesamtschau insbesondere das spannungsreiche Wechselverhältnis von marktorientierter Motivwahl und Karikaturenproduktion auf der einen und politischer Agenda auf der anderen Seite sehr deutlich. Mit der Abbildung von 94 Karikaturen und Bildern auf nicht einmal 200 Seiten, überwiegend farbig und durchweg in hervorragender Qualität, ist der Band eine wunderbare Fundgrube für den behandelten Gegenstand selbst.

Viele Beiträge sind von hoher Bedeutung für die weitere Analyse von politischen Karikaturen des 18. Jahrhunderts. Erst das Wissen um Motivgeschichte und bildliche Bezugnahmen ermöglicht es, die Darstellungen als genuines Element der gesellschaftlichen und politischen Prozesse und nicht allein als Illustration zu betrachten. Allerdings sind nicht alle Aufsätze von gleicher Qualität und bilden gleichsam unterschiedliche Pole des Spannungsfeldes von Detailstudie und Überblicksbeitrag. Weitere Facetten hätte eine stärkere Einbindung der kontinentalen hannoverschen Perspektive bieten können. Leider fehlt beispielsweise der auf der Tagung gehaltene Beitrag von Thomas Schwarck zum hannoverschen Maler Johann Heinrich Ramberg. Nichtsdestoweniger ist es den Herausgeberinnen gelungen, einen inhaltlich kohärenten Band zu erstellen und dem Forschungsdiskurs zur britisch-hannoverschen Personalunion einen wichtigen kulturhistorischen Baustein hinzuzufügen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. beispielsweise: Ronald G. Ash (Hg.): Hannover Großbritannien und Europa. Erfahrungsraum Personalunion 1714-1837 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen; Bd. 277), Göttingen 2014.

[2] Gisela Vetter-Liebenow (Hg.): Königliches Theater! Britische Karikaturen aus der Zeit der Personalunion und der Gegenwart, Dresden 2014.

[3] Der Vortrag von Ian Haywood mit dem Titel "Milton's Monster: Monarchy and Iconoclams" ist im selben Jahr noch als Kapitel in Ian Haywood: Romanticism and caricature (= Cambridge Studies in Romanticism), Cambridge 2013 erschienen sowie Christian Deuling: Aethetics and Politics in the Journal London und Paris (1798-1815), in: Writing the Radical. Enlightenment, Revolution and Cultural Transfer in 1790s Germany, Britain and France, ed. by Maike Oegel, Berlin 2012, 102-118.

Benjamin Bühring