Rezension über:

Jean-Marie Yante: Les origines de l'abbaye cistercienne d'Orval. Actes du colloque organisé à Orval le 23 juillet 2011 (= Bibliothèque de la Revue d'histoire ecclésiastique; Fascicule 99), Turnhout: Brepols Publishers NV 2015, VI + 118 S., ISBN 978-2-503-55529-4, EUR 35,00
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Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Jean-Marie Yante: Les origines de l'abbaye cistercienne d'Orval. Actes du colloque organisé à Orval le 23 juillet 2011, Turnhout: Brepols Publishers NV 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 1 [15.01.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/01/27708.html


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Jean-Marie Yante: Les origines de l'abbaye cistercienne d'Orval

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Wie so viele Zisterzienserabteien durchlief Orval im Laufe der Jahrhunderte Phasen von Aufstieg und Niedergang - aufgehoben, geplündert und zerstört wurde das Kloster freilich erst 1793 in den nachrevolutionären Wirren. 1926 wagte man einen Neuanfang: auf den alten Grundmauern erhoben sich bald neue Gebäude, in denen bis heute Trappistenmönche ihrer Berufung nachgehen - darunter einige bemerkenswert gute (Ordens-)Historiker und Philologen. [1]

Der 900. Geburtstag der Abtei Orval wurde im Jahr 1970 trotz heftiger Forschungskontroversen um Zeit und Umstände der Gründung gefeiert. Nach vier Jahrzehnten intensiver Forschung weiß man heute mehr: vorliegender schmaler Band dokumentiert die Vorträge, die auf einem Studientag in der ehemaligen Klosterschmiede von Orval im Juli 2011 gehalten wurden und den aktuellen status quo der Forschung abbilden. In neun Aufsätzen richtet sich der Blick nicht nur auf die Einbettung einer monastischen Kommunität in einen bestehenden politisch-sozialen und territorialen Kontext, sondern auch auf die Ergebnisse, die umfangreiche archäologische Grabungen auf dem Klostergelände während der letzten Jahrzehnte erbracht haben.

Die grundlegende Darstellung von Jean-Marie Yante über die Grafschaft Chiny im 11. und 12. Jahrhundert macht mit der Topographie und den maßgeblichen politischen und kirchlichen Institutionen des Raums bekannt (Le comté de Chiny aux XIe et XIIe siècles, 5-15). In den drei wallonischen Dekanaten des Erzbistums Trier (Ivois, Juvigny, Longuyon) fanden sich einige Klöster und Kapitel, darunter die Benediktinerinnen von Juvigny, deren Ausstrahlung lokal begrenzt blieb. Ein Männerkloster fehlte. Paolo Golinelli behandelt die Rolle der Markgräfin Mathilde von Tuszien, die bereits in der frühneuzeitlichen Ordensgeschichte immer wieder mit der Gründung des Klosters von Orval in Verbindung gebracht worden ist (Mathilde de Toscane/Canossa et les monastères fondés entre les Ardennes et l'Italie du Nord du temps de son premier mariage, 17-26). In erster Ehe verheiratet mit Godefroi le Bossu, Graf von Oberlothringen, könnte Mathilde während der zwei Jahre, die sie nach ihrer Heirat 1069 in Lothringen zubrachte, tatsächlich an der Ansiedlung von Mönchen beteiligt gewesen sein. Ob diese aber wirklich aus Kalabrien stammten, ist ausgesprochen unsicher: Golinelli formuliert die bedenkenswerte, über Quellen jedoch nur ansatzweise abgesicherte These, bei der Gründungsmannschaft habe es sich um umherziehende Eremiten, evtl. Kamaldulenser, gehandelt - könnten so aus den camaldulenses aufgrund einfacher Hör- bzw. Kopistenfehler die calabrenses geworden sein?

Jackie Lusse verortet das Kloster von Orval innerhalb der Filiation von Clairvaux (De Trois-Fontaines à Orval. La tradition claravalienne, 27-49). Deutlich wird, dass Orval als Tochter des 1118 von Bernhard von Clairvaux selbst gegründeten Klosters Trois-Fontaines lediglich "eine unter vielen" war. Mit rund einem Dutzend Neugründungen zeigte sich Trois-Fontaines nämlich äußerst fruchtbar. Lusse widmet jeder dieser Tochtergründungen, von La Chalade über Hautefontaine und Cheminon bis hin zu Châtillon und Montiers-en-Argonne, einige Seiten und lässt so die institutionelle Verankerung Orvals schärfer vor Augen treten. Deutlich wird auch hier, wie unsicher und umstritten sich die Gründungsphase von Orval präsentiert. Jean-Marie Yante vertieft diesen Aspekt in seinen historiographiegeschichtlichen Überlegungen zur Genese des Klosters (À propos des origines d'Orval. État historiographique, 53-57). Dass die Meistererzählung von einer sich in drei Stufen vollziehenden Gründung so nicht zu halten ist, wird dabei auf der Grundlage (defizitärer) Quellenüberlieferung und ausgehend von bisherigen Forschungspositionen verdeutlicht: die Belege für ein vom Grafen von Chiny und Mathilde, Markgräfin von Tuszien, um 1070 initiiertes Benediktinerkloster sind ebenso schwach wie für dessen Umwandlung in ein Regularkanonikerstift, die 1110 erfolgt sein soll. Einzig für die Ansiedlung der Zisterzienser liegen ausreichend Quellenbelege vor. Mit deren Plausibilität setzt sich denn auch folgerichtig René Noël in seinem Beitrag auseinander (La fondation de l'abbaye d'Orval. L'apport des textes, 59-71). Was die frühe Präsenz von Benediktinern bzw. Regularkanonikern angeht, so ist der Befund klar: "Dans tout ce va-et-vient, pas la moindre trace d'une intiative à Orval, si on s'en tient aux documents d'époque!" (66) In den Blick gerät dann vor allem eine sogenannte "Gründungsurkunde" von 1124, bei der bereits das verwendete Formular Anlass zu leisen (chronologischen) Zweifeln gibt. Sehr viel wahrscheinlicher ist eine Ansiedlung der Zisterzienser erst im Jahr 1131.

Wo schriftliche Quellen schweigen, leistet die Archäologie wertvolle Dienste. Spuren menschlicher Präsenz an dem Ort, an dem sich das Kloster von Orval mit all seinen Haupt- und Nebengebäuden erheben sollte, datieren deutlich vor dem 12. Jahrhundert. Möglicherweise ist von einer einfachen Landkapelle auszugehen, in der sich die Bewohner des spärlich besiedelten Gebietes zum Gottesdienst versammelten. Darauf weisen sowohl Paul-Christian Grégoire (Les origines d'Orval. Apport des fouilles entre 1962 et 1970, 73-77) als auch Philippe Mignot und Denis Henrotay (À propos des origines d'Orval. Les sources archéologiques, 79-102) hin. Doch auch die archäologischen Befunde führen nicht zur allein seligmachenden Wahrheit: "Les traces archéologiques retrouvées [...] ne sont pas, à nos yeux, irréfutables." (92)

Was bleibt? Dass es sich bei der Gründungsurkunde von 1124 um eine Fälschung handelt, die höchstwahrscheinlich auf Bernard de Montgaillard, Abt von Orval von 1605 bis 1628, zurückgeht, scheint sich ebenso wie die Tatsache einer Besiedlung des Geländes seit dem 7. Jahrhundert inzwischen als opinio communis der Forschung durchgesetzt zu haben. Einer wie auch immer gearteten Beteiligung der Markgräfin von Tuszien an der Gründung eines Klosters vor Ort sollte man angesichts des Schweigens sämtlicher zeitgenössischer Quellen mit der nötigen Skepsis gegenüberstehen. Mönche, die aus Kalabrien ihren Weg nach Orval fanden, gab es nicht.

Erst das (wenig wahrscheinliche) Auffinden neuer Quellen dürfte an diesem aktuellen status quo der Forschung etwas ändern.


Anmerkung:

[1] So ist beispielsweise Gaetano Raciti, Mönch von Orval, nicht nur für die Sources chrétiennes tätig, sondern konnte in den vergangenen Jahren das Predigtwerk Aelreds von Rievaulx in der Reihe des Corpus Christianorum (Continuatio Mediaevalis) in mehreren Bänden vollständig kritisch edieren.

Ralf Lützelschwab