Rezension über:

David Ganz / Stefan Neuner (Hgg.): Mobile Eyes. Peripatetisches Sehen in den Bildkulturen der Vormoderne (= eikones), München: Wilhelm Fink 2013, 427 S., ISBN 978-3-7705-5622-9, EUR 49,90
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Rezension von:
Sebastian Watta
Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Watta: Rezension von: David Ganz / Stefan Neuner (Hgg.): Mobile Eyes. Peripatetisches Sehen in den Bildkulturen der Vormoderne, München: Wilhelm Fink 2013, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 1 [15.01.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/01/26152.html


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David Ganz / Stefan Neuner (Hgg.): Mobile Eyes

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Der vorliegende Band "Mobile Eyes. Peripatetisches Sehen in den Bildkulturen der Vormoderne" versammelt die Beiträge der gleichnamigen, im Februar 2012 im eikones Forum Basel veranstalteten Tagung. In der Auseinandersetzung mit Bildphänomenen hat das Gebiet der Rezeptionsästhetik in der jüngeren Vergangenheit durch die stärkere Einbeziehung mobiler Wahrnehmungsakte und dynamischer Bildwirkungen und Betrachterperspektiven neue Impulse erhalten. [1] Im hier anzuzeigenden Buch werden mediale Kontexte des peripatetischen Sehens fokussiert, wobei der geografische Schwerpunkt auf den Ländern Europas, besonders Italien, liegt, der zeitliche auf der Vormoderne. Die einer chronologischen Ordnung folgende Sequenz der Beiträge reicht von der Spätantike bis in den Barock.

Die Einführung der Herausgeber David Ganz und Stefan Neuner umreißt nicht nur die theoretischen und wissenschaftshistorischen Grundlagen, sondern leitet anhand einzelner instruktiver Beispiele zu den Themen des Bandes über. Die Herausgeber werten die "Beweglichkeit und Prozessualität des Sehens" bereits als "zentrale Dimension der Bildkulturen der Vormoderne" (27), woraus sich die argumentative Stoßrichtung des Bandes ergibt. Im Einzelfall befinden sich die prinzipielle Bewegungsfreiheit des Betrachters und die damit verbundene Kontingenz der Rezeptionssituation in einem Spannungsverhältnis zur Bandbreite künstlerischer Inszenierung und Lenkung des Publikums.

Ein breites Formenspektrum dynamischer Visualität wird in den einzelnen Beiträgen angesprochen, so die mediale Aktivierung und Lenkung der wahrnehmenden Bewegung der Betrachter. Steffen Bogen thematisiert in der Analyse von hochmittelalterlichen Bild- und Textzeugnissen die "Schleierfunktion" und die "Schwellenfunktion" (91) von Bildern, die dynamische Wahrnehmungsprozesse lenken, sie verlangsamen und intensivieren können oder aber in liminalen Kontexten als vorbereitend auf das Folgende wirken. Inwiefern die Körperlichkeit und die räumlich-axiale Inszenierung gotischer Skulptur zwar durch die Handwerker vorgebildet, aber im eigentlichen erst im wandernden Blick des Betrachters subjektiviert, nachvollzogen und verständlich werden, untersucht Jacqueline E. Jung. Dass Fenstersituationen und Rahmenelemente entgegen älterer Einschätzungen die Dynamik visueller Wahrnehmung von Architekturausstattung nicht beschränkten, sondern im Gegenteil mobilisierten, lenkten und neu kontextualisierten, stellt David Ganz anhand eines Beispiels "protobarocker" Innenraumgestaltung, der 1584 errichteten Cappella Altemps an Santa Maria in Trastevere, Rom, dar. Es zeigt sich, inwiefern Raumkonzepte der Zeit auf struktureller und semantischer Ebene gerade auf die Rezeption durch einen mobilen Betrachter angelegt wurden.

Wallfahrten können als Phänomene peripatetischen Sehens par excellence gelten und werden von Michele Bacci anhand einer Parallelisierung von Beispielen aus Palaestina und Indien in den Blick genommen. In ihrer Verbindung aus wahrnehmender Bewegung auf der Pilgerreise und der durch die architektonische Inszenierung beeinflussten Assoziations- und Identifikationsmöglichkeiten am jeweiligen heiligen Ort zeigen sich verschiedene Aspekte mobilen Sehens. Sophie Schweinfurth untersucht anhand zweier spätantiker Bauten Ravennas, dem Baptisterium der Kathedrale und der Basilika S. Apollinare Nuovo, die Inszenierung des heiligen Raums im Zusammenspiel von Architektur, Mosaikausstattung und liturgischem Vollzug im Blick auf den sich in den Räumen bewegenden historischen Betrachter. Die Gesamtheit sensorischer Eindrücke, die auf die Teilnehmer höfisch-festlicher Inszenierungen einwirkten, stellt Iain Fenlon am Beispiel des Einzugs des auf dem Weg zur Thronbesteigung in Frankreich befindlichen Heinrich III. von Valois in Venedig im Jahr 1574 dar.

Formen des Zusammenspiels von Visualität und Bewegung sind auf unterschiedliche Weise selbst Thema von Kunstäußerungen. Hans Aurenhammer thematisiert anhand dreier ausgewählter Werke Bellinis die Umsetzung von Aspekten des Sehens in Bildentwürfen der Frührenaissance. Angewandte Strategien zur Lenkung des Betrachterblicks und die unterschiedlichen bildimmanenten Wiedergaben visueller Bezüge zeugen von der theoretischen Auseinandersetzung des Künstlers mit Fragen visueller Wahrnehmung und bilden einen "gemalte(n) Metadiskurs" (229). Luís de Camões verarbeitete in seinem 1572 verfassten portugiesischen Nationalepos der "Lusíadas" unterschiedliche Konzepte mobilen Sehens. Jörg Dünne zeigt, inwiefern der technische Blick in der Bewegung der nautischen Navigation im literarischen Werk durch einen kontemplativen, auf historische Reflexion abzielenden "kosmographischen Überblick" (316) ergänzt wird. Mit dem Bezug auf Bewegungsmotive in der Architektur kontextualisiert Jasmin Mersmann in ihrem Beitrag den Traktat "Architectura civil recta y obliqua", 1678, des Juan Caramuel y Lobkowitz in seinem Verständnis der Architektur als "Ensemble geometrischer Operationen" (359) mit den stark dynamisch wirkenden Formen der vom Verfasser realisierten Fassade des Doms von Vigevano bei Mailand.

Inwiefern Bilder, die wiederum selbst beweglich sind, mit ihrer Bandbreite unterschiedlicher semantischer Bezüge eine Mobilisierung des Betrachterblicks hervorrufen, untersucht Roland Krischel anhand von um eine vertikale Achse beweglichen Klappbildern, wie Triptychen oder auch Orgelflügeln, die er als "kinetische Bildsysteme" (257) begreift. Die unterschiedliche Kombination einzelner ikonografischer Elemente im Vorgang des Öffnens und Schließens der mehrteiligen, der Kontemplation dienenden "Andachtsmaschine(n)" (261) ermögliche eine sequenzartige "Aufführung von Bildern" (257), die Wiedergabe variabler Darstellungsthemen und theologischer Implikationen.

Der Eindruck von Unmittelbarkeit im Zustand der Betrachtung einer Darstellung kann letztendlich eine starke affektive "Bewegung" des Publikums hervorrufen. Das Konzept leiblichen Sehens wendet Iris Laner auf die Darstellungsform des vielfigurigen Panoramas des 19. Jahrhunderts an. Der Text bildet damit die Ausnahme des zeitlichen Rahmens der Publikation. Laner zeigt, inwiefern der Charakter als "entgrenztes Bild" (392), raumgreifend und von Körperlichkeit bestimmt, den damit konfrontierten Betrachter in besonderer Weise zur emotionalen Anteilnahme und inhaltlichen Reflexion verleitet.

Es ist zu bedauern, dass die Publikationsvorgaben der Reihe offenbar keine Farbabbildungen erlauben. Gerade mit Blick auf umfangreichere malerische Ausstattungszyklen erschweren die mehrfach auch kleinformatigen Abbildungen in Schwarz-Weiß die Nachvollziehbarkeit der Ausführungen durch den Leser. Trotz dieses kleinen Mankos bietet die große Bandbreite der Themen einen überaus wünschenswerten Überblick über die jüngere Forschung zum peripatetischen Sehen in Kulturkontexten der Vormoderne. In der stärkeren Konturierung des performativen Charakters diesbezüglicher Wahrnehmungsprozesse werden so Perspektiven geboten, die sicherlich Ausgangspunkt für eine weitere lohnende Auseinandersetzung mit dem Thema sein werden.


Anmerkung:

[1] Andreas Beyer / Guillaume Cassegrain (Hgg.): Mouvement. Bewegung. Über die dynamischen Potenziale der Kunst (= Passagen; Bd. 51), Berlin / München 2015 mit einem Analysespektrum von der Skulptur der Gotik bis in das 20. Jh., etwa im Hinblick auf das bewegte Bild des Films, den Tanz oder Formen technischer Mobilität; Tina Bawden: Die Schwelle im Mittelalter. Bildmotiv und Bildort (= Sensus. Studien zur mittelalterlichen Kunst; Bd. 4), Köln / Weimar / Wien 2014, bes. 364-383.

Sebastian Watta