Rezension über:

Marco Zerwas: Lernort 'Deutsches Eck'. Zur Variabilität geschichtskultureller Deutungsmuster (= Geschichtsdidaktische Studien; Bd. 1), Berlin: Logos Verlag 2015, 478 S., ISBN 978-3-8325-3856-9, EUR 47,00
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Rezension von:
Meike Hensel-Grobe
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Meike Hensel-Grobe: Rezension von: Marco Zerwas: Lernort 'Deutsches Eck'. Zur Variabilität geschichtskultureller Deutungsmuster, Berlin: Logos Verlag 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/26740.html


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Marco Zerwas: Lernort 'Deutsches Eck'

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Bei der Arbeit handelt es sich um eine im Jahr 2013 an der Ruhr-Universität Bochum angenommene geschichtsdidaktische Dissertation zum Denkmal und Lernort 'Deutsches Eck' in Koblenz, das bis heute eng mit einer öffentlichen Debatte um Deutungsmuster deutscher Geschichte, aber auch um Deutungshoheiten von Geschichte und um die Gestaltung und Inszenierung von Erinnerung im Kontext von Einheit und Teilung verbunden ist. [1]

Im einleitenden Kapitel setzt sich die Studie ein hohes Ziel: Es soll um eine epochenumfassend angelegte Untersuchung geschichtskultureller Deutungsmuster gehen unter Einbeziehung der mythischen Grundnarrative, die sich am Deutschen Eck um die nationale Frage entwickelten. Die Frage nach dem Geschichtsbewusstsein der "geschichtskulturellen Akteure" (14) mit ihren "individualpsychologischen Motiven" (48) steht im Mittelpunkt, gleichzeitig soll auch eine Gesamtgeschichte des Deutschen Ecks erzählt werden (36).

Als erste Dimension der Geschichtsdidaktik wird zunächst die Theorie als "geschichtskulturelle Konfiguration" (18) in Bezug auf Denkmal, Mythos, Ritus und Erfahrungsraum in das Forschungsfeld der Geschichtskultur eingeordnet. Die geschichtskulturelle Analyse im zweiten Teil beginnt mit einem Überblick über die Standorttopografie und die Geschichte des Ortes, bevor die Ikonografie und die Ikonologie in den Mittelpunkt rücken. Dabei werden in Bezug auf die bauliche Gestaltung drei große Denkmalphasen deutlich: Die Errichtung des tempelähnlichen Säulenbaus mit dem Reiterstandbild Wilhelms I. auf der schiffsbugartig aufgeschütteten Flussmündung 1897, die Umgestaltung 1953 nach der Zerstörung des Reiters am Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Aufstellung der Nationalflagge auf dem Denkmalssockel und den Länderwappen (und -flaggen) sowie die Wiedererrichtung des Reiterstandbildes 1993 mit der Weiterführung und Erweiterung der Flaggensymbolik.

Die eigentliche Zuwendung zu den Denkmalstiftungen und Umwidmungen läuten den in Umfang und Inhalt bedeutendsten Teil der Studie ein, dessen erstes Unterkapitel das "Kaiserdenkmal als national-monarchisches Traditionsmal" thematisiert. Die Diskussion um die Errichtung eines Reiterstandbildes setzte direkt nach dem Tod Wilhelms I. ein, wobei die auf Wilhelm reduzierte Darstellung die Monumentalisierung des Kaiserkults unterstrich. Gleichzeitig lud der Ort das Denkmal in seiner Semantik auf: Vor allem der Mythos vom Rhein als Schicksalsfluss der Deutschen und jener des Deutschen Ordens verbanden sich mit dem Reiterstandbild und verstärkten die Wirkungsabsicht als Nationaldenkmal (391). Zeitgenössische Publikationen unterstützten die "bewusste Mythensetzung", indem sie das Kaiserpaar mit den tradierten Narrativen zum Deutschen Eck in Zusammenhang brachten (89).

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Denkmal zum Teil als "Erinnerungszeichen" (395) an das vergangene Kaiserreich gedeutet. Diese Lesart in Verbindung mit der monumentalen Gestalt des Denkmals in der malerischen Kulisse der Flusstäler ergänzt durch den Ehrenbreitstein und St. Kastor machten den Ort in den 1920er Jahren zunehmend zum Touristenmagneten, womit der wirtschaftliche Aspekt einer Denkmalerrichtung in den Fokus rückte. Zunehmend verband sich mit dem Deutschen Eck die Abgrenzung gegen die Besatzungsmacht. Erneut lud sich der Rheinmythos von Einheit und Freiheit auf das Denkmal. Zerwas spricht von einer "kulturpolitische(n) Austragung eines Krieges gegen die Besatzer" (182). In der Zeit des Nationalsozialismus war das Denkmal häufig gewählte Kulisse für Aufmärsche (191, Abb. 20) und wurde dabei als "politisch-religiöser Ort" (191) inszeniert. Die Verbindung zwischen dem obrigkeitsstaatlich-monarchistischen und dem nationalsozialistischen Kultort veranlasste schließlich 1945 die Alliierten, das Reiterstandbild zu zerstören.

Die besondere Geschichte des Denkmals bedingt, dass gerade die Zeit, als der eigentliche Denkmalbau durch die Zerstörung des Reiterstandbildes im Zweiten Weltkrieg nur noch als Torso vorhanden war, für die geschichtsdidaktische Fragestellung nach Bewusstseinsprozessen von großem Interesse ist. Dabei zeigen die immer wieder aufflammenden Debatten um die Neugestaltung bzw. Umgestaltung (z.B. als Vertriebenendenkmal, 259ff.), welche Geschichtsdeutungen in verschiedenen Gesellschaftsgruppen mit dem Ort verbunden wurden.

Mit der Umwidmung zum 'Mahnmal der Deutschen Einheit' im Jahr 1953, maßgeblich initiiert durch die Landesregierung Altmeyer, sollte das Streben nach einer Wiedervereinigung innerhalb einer westeuropäischen Gemeinschaft neu kontextualisiert werden und sich damit vom Einheitsgedanken in der Kaiserzeit abgrenzen. Zerwas setzt sich dabei intensiv mit der Frage auseinander, wie die Aspekte Einheit, Mahnmal und Völkerverständigung rezipiert und in der Bevölkerung übernommen wurden (255). Als 1987 die Initiative des Koblenzer Zeitungsverlegers Theisen zur Komplettrestaurierung mit Wiederherstellung des Reiterstandbildes anlief, begann eine fast beispiellose Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit der deutschen Geschichte. Wie im geschichtskulturellen Brennglas lässt sich die Bedeutung von Denkmälern und die mit ihnen verbundenen Zuschreibungen und Identitätsfragen am Deutschen Eck analysieren, wie Zerwas an diesem Konflikt um Deutungshoheiten, Semantisierungen und Raumkonstruktionen aufzeigt.

Für die weitere Geschichte des Denkmals bis in die heutige Zeit diagnostiziert der Autor eine Loslösung vom ursprünglichen Denkmalsinn. Das Deutsche Eck ist nicht der Erinnerungsort der deutschen Einheit, diese Funktion repräsentieren andere Orte, wie beispielsweise das Brandenburger Tor. Das Koblenzer Denkmal trägt keine eindeutige Sinnzuschreibung mehr, vielmehr prägen die jeweiligen Akteure, die von der Tourismusbranche bis zur avantgardistischen Künstlerszene reichen, die Zuschreibungen. Für Touristen beispielsweise spielt vor allem "der Reiz des Ortes, der aus der Monumentalität des Gesamtbauwerks und seiner ästhetisierten Integration in die Landschaft der beiden Flusstäler herrührt" eine Rolle (400). Das Denkmal stehe "mittlerweile scheinbar beliebig bespielbar im öffentlichen Raum", urteilt Zerwas (404).

Der pragmatische Teil ist der Bedeutung des Themas für den Unterricht gewidmet. Das Denkmal wird als historischer Lern- und Erlebnisort für Schüler diskutiert und das didaktische Potential aus der vorhergehenden empirischen Analyse abgeleitet. Eine schulische Lerneinheit zum Deutschen Eck schließt diesen Teil ab.

In ihren ureigenen Themenfeldern ist die Studie differenziert ausgearbeitet und sorgfältig formuliert, nur bei dem sehr ambitioniertem Anliegen einer Gesamtgeschichte des Deutschen Ecks (36) gerät die Darstellung in einzelnen Abschnitten zu allgemein (z.B. Ost-West-Konflikt, 216f.; Deutscher Orden, 58-60), fügt im Streben nach möglichst vollständiger Kontextualisierung etwas pauschale oder mitunter problematische Urteile und Deutungen ein (z.B. Positionierung der liberalen Parteien nach 1866/67, 114; Personalisierung der Wiedervereinigung auf Helmut Kohl, 282) und kann aufgrund des zu weit gefassten Anspruchs die vertiefende Diskussion der Forschungsmeinungen oder Reflexion der Selektivität nicht mehr berücksichtigen. Dieser Einwand soll aber die Stärken des Buches nicht überlagern, da sich diese auf Studienschwerpunkte beziehen und viel über Bewusstseinsbildungsprozesse, Kontinuität und Diskontinuität von Deutungsmustern und über die Wechselbeziehungen von Semantik und Gedächtnis erklären - weit über das Beispiel des Deutschen Ecks hinaus. Zerwas selbst sieht im "komparatistische[n] Element eine entscheidende Analysebedingung" für geschichtskulturelle Fragestellungen (S. 39). Diese methodische Forderung an die Disziplin setzt er überzeugend um. Die breite und profunde Einordnung und Abgrenzung zu Vergleichsobjekten und ähnlich konstruierten Räumen bietet eine gute Grundlage, um die Diskussionen um das Deutsche Eck schärfer zu konturieren (z.B. 120-148). Dabei erarbeitet der Autor einen Katalog von Mythen, die Erzählungen zur deutschen Einheit und Teilung immer wieder prägen und in unterschiedlichen Deutungsmustern zu einer je spezifischen Memoralisierung genutzt werden. Die Studie erfüllt den im Titel gesetzten Anspruch in Bezug auf eine Analyse der "Variabilität geschichtskultureller Deutungsmuster" und blickt dabei stets auf verschiedene Akteure und Rezipienten mit ihren "individual- und kollektivpsychologisch(en)" Motiven (405). Die Weiterführung zu einer Beschäftigung mit den Lernpotentialen des Deutschen Ecks ist konsequent an den eigenen Ergebnissen ausgerichtet. Zu den Ausarbeitungen bis hin zu konkreten Arbeitsaufträgen und Lernarrangements kann man aus Fachleiterperspektive einige kritische Anmerkungen anfügen, die didaktischen Reflexionen sind aber fundiert, so dass die Potenziale des 'Deutschen Ecks' als historischer Lern- und Erlebnisort für Schülergruppen deutlich werden.


Anmerkung:

[1] Stellvertretend für viele andere Beiträge zur öffentlichen Diskussion sei verwiesen auf: "Torte mit Zahnstocher: Wer kommt aufs Deutsche Eck - Wilhelm I. oder Jesus?", Der Spiegel 10/1989.

Meike Hensel-Grobe