Rezension über:

Omar Kamil: Der Holocaust im arabischen Gedächtnis. Eine Diskursgeschichte 1945-1867 (= Schriften des Simon-Dubnow-Instituts; Bd. 15), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012, 237 S., 3 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-36993-7, EUR 49,99
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Rezension von:
Christine Schirrmacher
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Christine Schirrmacher: Rezension von: Omar Kamil: Der Holocaust im arabischen Gedächtnis. Eine Diskursgeschichte 1945-1867, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/25606.html


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Omar Kamil: Der Holocaust im arabischen Gedächtnis

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Thema dieser Studie - einer überarbeiteten Fassung der Habilitationsschrift Omar Kamils am Simon-Dubnow-Institut an der Universität Leipzig - ist die Rezeption des Holocaust als "Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte" (12) in den arabischen Gesellschaften von 1945-1967. Kamil möchte zeigen, dass die arabische Erinnerungskultur des Holocaust in den späten 1960er Jahren in Konkurrenz trat zu den kolonialen Erfahrungen der Gründung des Staates Israel sowie der Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 und von diesen Erfahrungen überlagert wurde. Laut Kamil ging der grundlegende Unterschied zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten und der kolonialen Eroberung Palästinas durch diese Überlagerung im arabischen Gedächtnis verloren. Die Folge waren Relativierung, Minimalisierung, Ausblendung und sogar Leugnung des Holocaust bei arabischen Intellektuellen, insbesondere von 1948 bis 1967.

Kamil verfolgt bei seiner Darstellung keinen historisch-deskriptiven, sondern einen punktuell-diskursiven Ansatz: Er analysiert die Verlautbarungen dreier einflussreicher europäischer Intellektueller zu Holocaust und Kolonialismus und deren Rezeption in der arabischen Welt hinsichtlich der Frage, ob deren Beurteilung der Gründung des Staates Israel es arabischen Intellektuellen unmöglich machte, den Holocaust als historische Tatsache anzuerkennen und seine Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft nachzuvollziehen.

Als wesentliche Quelle für seine Studie zog der Autor die 1933 gegründete, liberal ausrichtete arabische Wochenzeitschrift ar-risāla (Die Botschaft) heran, die sich intensiv mit politischen Entwicklungen in Europa beschäftigte und nach Auffassung Kamils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das prominenteste Forum für arabische Intellektuelle darstellte, in der Autoren aus Ägypten, Syrien, Libanon und Irak publizierten.

Nach einem Überblick über den Forschungsstand zu den unterschiedlichen Erklärungsansätzen für die weitgehende Leugnung des Holocaust in arabischen Gesellschaften widmet sich der Verfasser in drei Kernkapiteln der Darstellung und Analyse dreier europäischer Intellektueller mit biographischen Bezügen zu NS-Diktatur und Judenvernichtung, die durch ihre Verlautbarungen zum Holocaust und zur Staatsgründung Israels in den 1960er Jahren auf die arabischen Gesellschaften erheblichen Einfluss ausübten. Es folgt eine Zusammenfassung sowie ein Quellenteil, in dem der Autor sechs arabische Autoren in Übersetzung zu Wort kommen lässt.

Im Hauptteil nimmt Kamil als erstes den britischen Universalhistoriker Arnold Joseph Toynbee (1889-1975) in den Blick, der nicht nur jeden Rechtsanspruch der jüdischen Gemeinschaft auf einen Staat Israel ablehnte. Er betrachtete auch den "Sündenfall" der Zionisten als ungleich gravierender als den "Sündenfall der Nationalsozialisten" der Vernichtung des jüdischen Volkes. Die Gründung des Staates Israel, eine Variante des europäischen Kolonialismus und zionistisches Verbrechen, stellte für ihn folgerichtig einen "Raubüberfall" dar.

Demgegenüber setzte der französisch-jüdische Philosoph und Publizist Jean-Paul Sartre (1905-1980), der sowohl dem israelischen wie auch dem palästinensischen Anspruch Sympathie entgegenbrachte, auf Neutralität und Vermittlung zwischen beiden Konfliktparteien. Er wurde jedoch bis zu einem Besuch in Israel 1967, von dem ihn arabische Wortführer mit aller Entschiedenheit abzubringen versuchten, ausschließlich als antikoloniales Idol wahrgenommen und entsprechend einseitig vereinnahmt. Als er die an ihn gestellten Erwartungen hinsichtlich einer grundlegenden Verurteilung Israels endgültig mit seiner Parteinahme für Israel 1967 enttäuschte, nahm seine Rezeption in den arabischen Gesellschaften ein abruptes Ende.

Der französisch-jüdische Soziologe und Orientalist Maxime Rodinson (1905-2004), der seine Eltern während des Holocaust verloren hatte, stand als radikaler Antikolonialist zwar prinzipiell auf Seiten des palästinensischen Volkes und verurteilte scharf den Zionismus als koloniales Projekt, wies jedoch ebenso deutlich auf den grundlegenden Unterschied zwischen Judenvernichtung und Kolonialerfahrung hin. Sein Versuch, sein arabisches Publikum für die Leiderfahrung des Holocaust zu sensibilisieren, scheiterte.

Kamil bezeichnet diese drei Autoren als "Hauptakteure" in den sich überschneidenden europäischen und arabischen Gedächtniskulturen und macht ihre Verlautbarungen unmittelbar verantwortlich für die Marginalisierung und Leugnung des Holocaust in den arabischen Gesellschaften. Damit interpretiert er diese Leugnung als Antwort und Reaktion auf die Verlautbarungen europäischer Intellektueller in der Nachkriegszeit.

Natürlich hätte man sich hier gewünscht, noch andere Stimmen arabischer Intellektueller, die nicht dem links-säkularen bis marxistischen Spektrum angehören und ihre Begründungen für eine Leugnung des Holocaust kennenzulernen, was jedoch nicht in der Absicht dieser Studie lag, die bewusst punktuell Diskurse nachzeichnen möchte anstatt Überblicke anzubieten. Der Titel "Der Holocaust im arabischen Gedächtnis" lässt diese spezielle Fokussierung allerdings nicht unbedingt erkennen.

In jedem Fall geht aus Kamils Studie deutlich hervor, wie durch die selektive Wahrnehmung europäischer Intellektueller der Versuch der "Wiederfindung" der eigenen Position seitens arabischer Protagonisten unternommen wurde und dass diese Vereinnahmung aufgrund der Ausblendung des Zusammenhangs dieser europäischen Verlautbarungen letztlich scheitern musste: Im Zentrum der arabischen Rezeption stand die moralische Verurteilung des kolonialen Projektes Israels; ein Nachvollziehen europäischer Erfahrungen stand dabei zu keinem Zeitpunkt zur Debatte; im Gegenteil, ein derartiges Einbeziehen der europäischen Perspektive wurde als Verrat am Leiden des palästinensischen Volkes interpretiert.

Dass hier drei europäische Autoren als "Hauptakteure" und letztlich Hauptschuldige an der Leugnung des Holocausts in arabischen Gesellschaften präsentiert werden, ist eine These, die weitere Diskussionen mit Spannung erwarten lässt.

Christine Schirrmacher