Rezension über:

Tatjana Niemsch: Reval im 16. Jahrhundert. Erfahrungsräumliche Deutungsmuster städtischer Konflikte (= Kieler Werkstücke. Reihe G: Beiträge zur Frühen Neuzeit; Bd. 6), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, LX + 207 S., ISBN 978-3-631-62770-9, EUR 49,95
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Rezension von:
Robert Riemer
Historisches Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Robert Riemer: Rezension von: Tatjana Niemsch: Reval im 16. Jahrhundert. Erfahrungsräumliche Deutungsmuster städtischer Konflikte, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 11 [15.11.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/11/27983.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Tatjana Niemsch: Reval im 16. Jahrhundert

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Bei der vorliegenden Arbeit von Tatjana Niemsch handelt es sich um die Druckfassung ihrer an der Kieler Universität entstandenen Dissertation, deren Titel in der ursprünglichen Fassung mit "Drinnen und Draußen. [...]" begann (5) und den Gegenstand dieser Untersuchung - den Bezug zwischen städtischen Konflikten und sich konstituierenden Räumen - sehr gut widerspiegelt. Die Grundannahme ist plausibel und letztlich alltäglich: Das Zusammenleben von Menschen erzeugt Konflikte, die bewältigt werden müssen. Die Betrachtung der Konflikte und der in ihnen erkennbaren Merkmale lässt Aussagen zum Alltagsleben für den Ort des Zusammenlebens - den "Erfahrungsraum" - zu (22f.). Dies ist am Beispiel Revals im 16. Jahrhundert offensichtlich besonders gut möglich, da "[d]ie starke Segmentierung der Revaler Gesellschaft sonderlich durch die Zweiteilung in Ober- und Unterstadt und durch ihren Status als Fernhandelsstadt, [...] neben ausgebildeten Koexistenzmechanismen die Entwicklung ausgeprägter Konfliktbewältigungssysteme" erforderte (22). Eine tiefer gehende Analyse der innerstädtischen Konflikte ist vor allem auch deshalb in Reval gut möglich, weil trotz der "so faszinierende[n] topographischen Nähe von Ober- und Unterstadt" (27), die zunächst eine weniger ausgeprägte schriftliche und dafür stärkere mündliche Kommunikation unter den Beteiligten vermuten lässt, umfangreiche Materialien im Tallinner Stadtarchiv sowie im Herder-Institut in Marburg überliefert sind (Prozessakten, Stadtbücher, Bürgerbücher und so weiter), die einen Einblick in die Konflikte der circa 7000 Einwohner gewähren.

Die Studie umfasst mehrere Kapitel, die hier jedoch nicht ausführlich vorgestellt, sondern nur kurz genannt werden. Nach der Einleitung mit dem üblichen Inhalt (Vorstellung des Themas, Forschungsstand, Fragestellung, Quellen) folgen eine allgemeine Definition städtischer frühneuzeitlicher Konflikte (Kapitel 2), die Vorstellung des Konzepts "Erfahrungsraum als geschichtswissenschaftliche Erkenntniskategorie" (Kapitel 3) sowie die Erläuterung des Gruppenbildungsprozesses auf Basis von Identität und Alterität (Kapitel 4), die für die Ausbildung eines bestimmten sozialen Handelns sorgt, je nachdem, ob man zur Gruppe in einem bestimmten Erfahrungsraum gehört ("Drinnen") oder nicht ("Draußen") (69 f.). Die Kapitel 5 und 6 sind die beiden Hauptabschnitte der Arbeit und beschreiben die verschiedenen "Revaler Erfahrungsräume im 16. Jahrhundert" sowie die "Städtische[n] Konflikte in Reval", die wiederum auf verschiedene Räume bezogen werden. Neben Konflikten zwischen Akteuren aus der Unterstadt (Kapitel 6.2) rücken auch Auseinandersetzungen zwischen Parteien aus der Unter- und Oberstadt (Kapitel 6.1) und solche zwischen Einwohnern oder Institutionen der Stadt und dem Umland (Kapitel 6.3) in den Fokus. An die Schlussbetrachtung schließen sich unter anderem ein Abbildungsverzeichnis, ein dreiteiliges Register (Orte, Personen, Sachen) und eine dreisprachige Zusammenfassung (Deutsch, Estnisch, Englisch) an.

Niemsch kann die Kategorie "Erfahrungsraum" für ihre Untersuchung nutzbar machen und mithilfe verschiedener Ansätze (soziologisch, geografisch, sozialgeschichtlich, kulturgeschichtlich) die städtischen Konflikte erforschen, ohne sich dabei auf offene soziale Unruhen beschränken zu müssen. Demzufolge wurden die Handlungsmotivationen der Beteiligten von den sozialen und topografischen Raumerfahrungen beeinflusst. Dies bedeutet konkret, dass sich die Revaler Einwohner etwa bei äußeren Bedrohungen (zum Beispiel seitens des Deutschen Ordens) kurzfristig zur Abwehr der Gefahr vereinigten und dabei verschiedene soziale oder auch geografische Grenzen überwanden. Damit ist etwa das gemeinsame Agieren von Handwerkern, Ratsangehörigen und Bauern gemeint, wobei Letztere aus dem Umfeld der Stadt stammten. Ziel der gemeinsamen Anstrengungen war eine "selbstbestimmte Stadtherrschaft" (203) etwa in Auseinandersetzungen mit dem bereits genannten Deutschen Orden oder auch anderen Mächten, die im Baltikum um Einfluss rangen. Die Konflikte stellten sich dabei als "Handlungen zwischen Akteuren" dar, "die Erfahrungsräume situativ nutzbar machten" (205). Diese Räume wurden "zum Konfliktzeitpunkt konzipiert" (205) und errichteten Grenzen zwischen den Konfliktbeteiligten - oder hoben diese auf, zum Beispiel dann, wenn die Bauern aus dem Umland Revals die Stadt mit deren Einwohnern gegen die externe Bedrohung verteidigten und damit zugleich von dem Schutz profitierten, den die Stadt situativ anbot.

Ein konkretes Beispiel soll die differierende Raumerfahrung verdeutlichen: Niemsch greift den "wohl bekanntesten" Gerichtsfall "des Revaler 16. Jahrhunderts" (171) auf. Die Stadt ließ 1535 den Adeligen Johan Uexküll von Rissenberg hinrichten, nachdem dieser einen seiner Bauern wegen eines angeblichen Diebstahls im Zuge der Bestrafung zu Tode gebracht hatte. Dass der Rat der Stadt in dieser Sache ein Todesurteil aussprach, sei laut Niemsch bereits ungewöhnlich, doch interessant ist auch die differierende Wahrnehmung räumlicher Grenzen; in diesem Fall hinsichtlich des Rechtsraumes und des Machtbereichs einzelner Obrigkeiten. Die Stadt hatte wegen des Vorgehens Uexkülls dessen Geleit auf städtischem Gebiet aufgehoben, so dass eine Anklage drohte. Zur Verhaftung, Anklage und Urteil gefolgt von der Hinrichtung kam es dann auch prompt, da Uexküll mit dem Überschreiten der Stadtgrenze in den städtischen Rechtsraum wechselte und damit wie ein "gewöhnlicher" Einwohner der Stadt nach lübischem Recht behandelt wurde - obwohl er kein Einwohner der Stadt war und die Tat nicht auf städtischem Gebiet geschah. Dennoch hatte sich mit der Grenzüberschreitung Uexkülls Statuszugehörigkeit von "Draußen" auf "Drinnen" gewandelt, er wurde also als Teil einer Gruppe betrachtet, zu der er vorher nicht gehört, was aber rückwirkend Einfluss auf sein vorheriges Handeln gehabt hatte. Die Autorin stellt fest, dass sich Uexküll "dieser Grenzüberschreitung nicht bewusst gewesen sein [wird], zumindest entsprach es sicherlich nicht seinen Erwartungen, dass die Stadt Reval über ihn Recht sprechen würde. [...] Der soziale Erfahrungsraum des Adeligen [Uexküll] schloss die Stadt ein, nicht aber die Kenntnis, dass diese ihren eigenen [Rechts-]Raum [/Einflussbereich] anders definieren oder gar verteidigen würde" (172) Niemsch vermutet, dass hier nicht nur ein einzelner Adeliger abgeurteilt werden sollte, sondern die Stadt ein Zeichen gegen andere potenzielle Konfliktgegner von "Draußen" zu setzen versuchte - weder der getötete Bauer "noch die Prävention gegen ähnliche Fälle [spielten] eine entscheidende Rolle, sondern die Verteidigung politischer Interessen auf Grundlage erfahrungsräumlicher Erwartungen in dem sozialtopographisch abgegrenzten Gebiet der Unterstadt" (173).

Die gut lesbare Studie greift mit dem Bezug zur Raumdebatte ein aktuelles Thema auf, verarbeitet die zurzeit (2012/13) verfügbare Literatur zu dem Forschungsfeld gewinnbringend und bereichert die Kenntnisse zur Revaler Stadtgeschichte in der Frühen Neuzeit.

Robert Riemer