Rezension über:

Francesco Guidi Bruscoli: Bartolomeo Marchionni "homem de grossa fazenda" (ca. 1450-1530). Un mercante fiorentino a Lisbona e l'impero portoghese (= Biblioteca Storica Toscana; LXXIII), Florenz: Leo S. Olschki 2014, XXVI + 272 S., ISBN 978-88-222-6300-1, EUR 32,00
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Rezension von:
Heinrich Lang
Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Lang: Rezension von: Francesco Guidi Bruscoli: Bartolomeo Marchionni "homem de grossa fazenda" (ca. 1450-1530). Un mercante fiorentino a Lisbona e l'impero portoghese, Florenz: Leo S. Olschki 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 11 [15.11.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/11/25759.html


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Francesco Guidi Bruscoli: Bartolomeo Marchionni "homem de grossa fazenda" (ca. 1450-1530)

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Für das erste Viertel des 16. Jahrhunderts gilt die Hafenstadt und Metropole Lissabon als Inkubationsraum einer Globalisierungsentwicklung - bekannt als Carreira da Índia im entstehenden portugiesischen Weltreich. Vor allem Florentiner und Süddeutsche Kaufmannbankiers spielten dabei als Financiers und Organisatoren der Flotten sowie des dazugehörigen Handels die Rolle von Agenten dieser weltumspannenden Wirtschaftsbewegung. Insbesondere König Manuel I. überließ die logistischen Aufgaben den Merchant bankers, griff aber durch die hohen Abgaben auf das Einfuhrprivileg regulierend in die Preisbildung für die jeweiligen Güter ein und ließ an den Produktions- und Handelsstützpunkten feitores (königliche Faktoren) einsetzen. In Europa bildeten Antwerpen und Lyon die wichtigsten Redistributions- bzw. Finanzierungszentren für den über Lissabon abgewickelten Export nach Afrika und Asien sowie die Einfuhren aus Übersee.

Eine der Schlüsselfiguren bei diesen Vorgängen war der 1470 zunächst als Vertreter des Florentiner Handels- und Bankhauses Cambini nach Lissabon gesandte Bartolomeo Marchionni. Nach dem Falliment der Florentiner Firma Cambini im Jahr 1482 war er auf eigene Rechnung am Tejo tätig und knüpfte Beziehungen ins höfische Umfeld bis zum König selbst, um ein Netz zuverlässiger Informanten aufzubauen und um dann an den Indienpartien der portugiesischen Kapitäne mitwirken zu können.

Mit der vorliegenden Untersuchung bewegt sich der international profilierte Wirtschaftshistoriker Francesco Guidi Bruscoli (Universität Florenz) auf einem gut erforschten Terrain. Seine eigenen Archivarbeiten und die synoptische Darstellung entlang an der Person des Bartolomeo Marchionni gewähren einen ebenso faszinierenden wie inspirierenden Einblick in die Entwicklung des transozeanischen Handels und illustrieren damit die Bedeutung des mediterranen Wirtschaftsgefüges als Rückgrat für diese globalgeschichtliche Perspektive.

Zwar hatte die portugiesische Historikerin Virginia Rau mit tatkräftiger Unterstützung des bedeutenden italienischen Kollegen Federigo Melis den aus Florenz stammenden Kaufmann für eigene Forschungsvorhaben beansprucht, aber die angekündigten Arbeiten wurden nie zu Ende geführt. Guidi Bruscoli, der diese Forschungsgeschichte in der Einleitung seiner Monografie schildert, legt jetzt auf der Basis der Cambini-Geschäftsbücher sowie der in toskanischen Archiven überlieferten Korrespondenzen und Rechnungen verschiedener in Lyon niedergelassener Florentiner Firmen eine systematisch angelegte Studie zu Bartolomeo Marchionni vor. Die Rechnungsunterlagen und Missiven aus dem portugiesischen Nationalarchiv ergänzen dabei die Analyse um die Bestände zum überseeischen Handel und den dazugehörigen Flotten.

Im ersten Teil der Untersuchung (Kapitel 1, 3-36) erarbeitet der Autor eine biografische Skizze Bartolomeo Marchionnis, der 1482 vom portugiesischen König naturalisiert wurde, mehrere Kinder von mindestens zwei Portugiesinnen hatte und seinen Nachwuchs in Lissabon auch groß werden sah. Das anschließende zweite Kapitel (37-77) rekonstruiert das Netzwerk seiner Korrespondenten, das vorwiegend aus Florentiner Kaufmannbankiers bestand. Dabei wird erkennbar, dass Marchionni griffige Kontakte zu in Lissabon weilenden Partnern für den Überseehandel suchte, aber auch zu Kaufmannbankiers auf der Iberischen Halbinsel und in Flandern, Lyon oder Venedig, die mit ihm sowohl die Finanzierung seiner Geschäfte als auch Einkauf und Absatz der transferierten Güter abwickelten.

Der zweite Teil des vorliegenden Buches betrachtet die verschiedenen Geschäftsfelder, in denen Bartolomeo Marchionni tätig war. Hierbei zeigen sich zunächst die intensiven Handelsaktivitäten aus dem Kontext der Cambini, die auf verschiedenen Handelsrouten die Märkte des atlantischen Raumes mit den Wegen entlang an den westlichen Mittelmeerküsten, nach Flandern, Lyon und Italien über Lissabon als Drehscheibe miteinander verbanden (81-110). Gesondertes Augenmerkt richtet Guidi Bruscoli auf den Sklavenhandel (111-134): Während die Größenordnung dieses Geschäftsfeldes umstritten bleibt, lassen sich der Florentiner Cesare Barzi in Valencia und seine Landsleute Giannotto Berardi und Piero Rondinelli in Sevilla als wichtigste Vermittler von Geschäften mit Sklaven fassen. Detailliert geht Guidi Bruscoli auf Marchionnis Engagement bei den Indienfahrten ein (135-186). Der Florentiner Kaufmannbankier trat bei den Reisen der portugiesischen Flotten zwischen 1500 bis 1509 sowie 1518 und letztmalig 1520 als Investor und Schiffseigner auf. Überdies widmete er sich der Organisation und Koordination anderer Investoren wie der Florentiner Bankiers Frescobaldi-Gualterotti aus Brügge oder dem Cremoneser Giovan Francesco degli Affaitati. Daneben entbot er eigene Repräsentanten für die Partien und erstand größere Mengen von Gewürzen an der Casa da Índia, wobei der Absatz keineswegs immer in Bargeld, sondern auch mit Gütern wie dem Zucker von Madeira im Tausch ausgeglichen wurde. Der Autor präsentiert - soweit rekonstruierbar - die Ladungen der Schiffe und zeigt die Kooperation mit den reichsstädtischen Kapitalgebern aus Nürnberg und Augsburg, die erstmalig 1503 an der Flottenfinanzierung mitwirkten.

Guidi Bruscoli fügt seiner Analyse einen aufschlussreichen dokumentarischen Anhang bei (19 Dokumente, 195-224). Umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnisse sowie ein Register runden den sehr erfreulichen Eindruck des Buches ab. An manchen Stellen hätte sich der Rezensent eingehendere Interpretationen der berichteten Informationen gewünscht. Die qualitativ hochwertige Monografie bleibt auf diese Weise manches Mal auf der Ebene der nüchternen Darstellung, die zwar eine Fülle von in die bisherige Forschung eingepassten Einzelheiten bereit hält, die Einbettung des Phänomens Bartolomeo Marchionnis in die Zusammenhänge der frühen Globalisierung aber kommt etwas kurz. Um eine Leserschaft außerhalb der italienischen Sprachgrenzen zu erreichen, wäre dem sorgfältig gearbeiteten Buch eine gekonnte Übersetzung zu wünschen.

Heinrich Lang