Rezension über:

Christina Ada Anders (Hg.): "Vorläufig muß ich leben bleiben". Alfred Ahner - Aus den Briefen und Tagebüchern des Weimarer Künstlers (1890-1973). Mit einem Vorwort von Thomas Bürger und einer Einführung von Jutta Penndorf (= Lebensberichte - Zeitgeschichte), Hildesheim: Olms 2014, 381 S., 20 Abb., ISBN 978-3-487-08551-7, EUR 19,80
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Rezension von:
Barbara Martin
Landesmuseum Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Jessica Petraccaro-Goertsches
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Martin: Rezension von: Christina Ada Anders (Hg.): "Vorläufig muß ich leben bleiben". Alfred Ahner - Aus den Briefen und Tagebüchern des Weimarer Künstlers (1890-1973). Mit einem Vorwort von Thomas Bürger und einer Einführung von Jutta Penndorf, Hildesheim: Olms 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/26876.html


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Christina Ada Anders (Hg.): "Vorläufig muß ich leben bleiben"

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Nicht nur in Malerei und Grafik verlieh der thüringische Künstler Alfred Ahner seiner Sicht auf die Welt Ausdruck. [1] In umfangreichen Schriften kommentierte er Kunst, Gesellschaft und Politik seiner Zeit. Mehr als 7.600 Dokumente - darunter Gedichte, Korrespondenz, Tagebücher und Notizen - umfasst sein schriftlicher Nachlass, der in der Sächsischen Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek Dresden verwahrt wird. Basierend auf einer Abschrift der Tochter Maria-Erika Ahner versammelt die nun vorliegende Edition eine umfangreiche Auswahl von Briefen und Tagebucheinträgen aus den Jahren 1905 bis 1973 - der zeitliche Bogen reicht von frühen Gedanken zur Kunst, die der 15-jährige Ahner artikulierte, bis zu den letzten Aufzeichnungen des Künstlers vor seinem Tod. Anders als in den zahlreichen Gedichten Ahners, die der Band außen vorlässt, wird in den hier publizierten Texten kein literarisch-künstlerischer Anspruch erkennbar; in schlichter Alltagssprache gehalten, sind sie als dokumentarische Zeugnisse eines bewegten Künstlerlebens zu verstehen, verleihen Ahners subjektiver Sicht auf das Zeitgeschehen Ausdruck.

Chronologisch und thematisch nach Lebensstationen geordnet, zeichnen die Texte Alfred Ahners Werdegang nach, offenbaren sein fortgesetztes Ringen mit der eigenen Kunst, aber auch immer wieder den Kampf um das tägliche Auskommen. Meinungsfreudig bezieht der Verfasser zu künstlerischen Entwicklungen seiner Zeit und dem von ihm konstatierten Niedergang der Kultur ebenso Stellung wie zum Status quo der Gesellschaft. Breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit der Politik ein - Ahner erlebte den Wechsel von vier Systemen, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Herrschaft bis zur DDR.

1890 in Wintersdorf bei Altenburg geboren, absolviert Alfred Ahner in Gera eine Lithografenlehre, bevor er 1911 in München sein Kunststudium aufnimmt - zunächst an einer privaten Zeichenschule, später an der Akademie. Er verkehrt in den Kreisen der Münchner Bohème, ist unter anderem bekannt mit Frank Wedekind, Henry Bing und Albert Weißgerber. 1913 erfolgt der Wechsel an die Stuttgarter Kunstakademie, wo Ahner unter anderem bei Adolf Hölzel studiert. So inspirierend diese frühen Jahre gewesen sein mögen - die Texte aus dieser Zeit enttäuschen in ihren knappen Berichten, die kaum auf die Bekanntschaften und Erlebnisse des jungen Künstlers eingehen. Äußerst lebendige, ja packende Zeitzeugnisse sind dagegen die Briefe, die Ahner als Soldat im Ersten Weltkrieg an seine Familie und die spätere Ehefrau Erna Oschatz schreibt: Eindrücklich schildert er die Gefahren und zermürbenden Entbehrungen, die er als Sanitäter und Hundeführer miterlebt. Scheint anfangs noch hin und wieder Begeisterung für das Schauspiel des Kampfes auf, so lassen Ahners Briefe bald deutlich seine pazifistische Haltung erkennen.

Das Gros der Texte jedoch stammt aus Ahners Zeit als freier Künstler in Weimar: 1922 siedelt er mit Erna Oschatz in die "Weltkleinstadt" (333) über, mit der er lebenslang hadert, erscheint sie ihm doch allzu provinziell und konservativ: "Kleinstadt bleibt Kleinstadt - ist Peinstadt!" (281) Eine Auseinandersetzung mit den progressiven Tendenzen des Bauhauses findet in den ausgewählten Texten ebenso wenig wie in Ahners bildkünstlerischem Werk statt. Auch zu seinen politischen Aktivitäten äußert sich der Künstler kaum einmal: 1919 tritt Ahner in die SPD ein, 1923 wird er vorübergehend Mitglied der KPD und begründet 1932 die Weimarer Ortsgruppe der "Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Ostdeutschlands" (ASSO) mit. Deutlich und in ausführlicher Argumentation bezieht Ahner dagegen Position gegen den Nationalsozialismus, dessen Gefahren er früh erkennt: "[...] dieser Frieden des Hasses und der Gemeinheit und Volksherrschaft der Emporkömmlinge - [...] ist auch nichts anderes, als tägliches [M]orden! - Das tägliche Morden ist längst vergessen und man will wieder ein neues!" (197) Konsequent lehnt Ahner Auftragsarbeiten des NS-Regimes ab und wählt den Weg der inneren Emigration. Hart trifft ihn der Tod des Sohnes Karl-Hermann, der 1943 als Soldat im Zweiten Weltkrieg fällt; Alfred Ahner selbst wird 1944 noch einmal als Sanitätssoldat eingezogen. Auch nach dem Krieg setzt sich Ahner mit den nationalsozialistischen Gräueltaten auseinander; wiederholt zeichnet er etwa das Konzentrationslager Buchenwald. In der DDR, wo Ahner seit den 1960er-Jahren späte künstlerische Anerkennung erfährt, behält er seine kritische Haltung bei, spricht die Unterdrückung durch den Staat trotz andauernder Furcht vor Denunzierung offen an.

Positiv hervorzuheben ist die leserfreundliche Gestaltung der Publikation: Dem Band vorangestellt ist eine tabellarischer Biografie, die einen schnellen Überblick über Ahners Werdegang bietet; zudem wird jedes Kapitel durch einen kurzen Text mit Erläuterungen zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen sowie zur persönlichen Situation des Künstlers im jeweiligen Lebensabschnitt eingeleitet. Ein Personenregister sowie die Volltext-Suchfunktion der Onlineausgabe ermöglichen eine gezielte Recherche. Der umfangreiche Endnotenapparat liefert zusätzliche Informationen, erscheint hierin jedoch etwas unausgewogen - so hätte der Leser grundlegender biografischer Angaben zu Dürer oder Goethe wohl nicht zwingend bedurft, während man an anderer Stelle gern mehr über die Hintergründe der von Ahner geschilderten Ereignisse und Bekanntschaften erfahren hätte. [2]

Zu hinterfragen ist die Entscheidung, nicht die ursprünglichen Textquellen selbst auszuwerten, sondern die Auswahl basierend auf den gekürzten Abschriften der Tochter des Künstlers vorzunehmen - nach welchen Kriterien Maria-Erika Ahner Kürzungen vornahm, was hierbei möglicherweise ganz wegfiel, wird nicht thematisiert. Der vorliegende Band bietet so einen Einstieg in die abwechslungsreiche Biografie und Weltsicht des Künstlers, reicht jedoch als alleinige Grundlage für eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung nicht aus. Um Ahner als Mensch und Künstler erfassen zu können, wären zudem zumindest Seitenblicke auf dessen bildnerisches und dichterisches Werk vonnöten gewesen, die eng mit dem schriftlichen Nachlass verbunden sind [3] - beides klammert die Publikation jedoch gänzlich aus.


Anmerkungen:

[1] Einen Einstig in Ahners künstlerisches Werk bietet u. a.: Helmut Scherf: Alfred Ahner. Persönlichkeit und Werk, Dresden 1990; Alfred Ahner (1890-1973): Zeichnungen und Pastelle, Ausst. Kat. Galerie am Fischmarkt Lindenau Erfurt u. a., Erfurt 1990; Stadtmuseum Weimar (Hg): Alfred Ahner 1890-1973. Künstler und Chronist, Ausst. Kat. Kunstkabinett am Goetheplatz und Bertuchhaus Weimar, Weimar 1993.

[2] So etwa über sein Verhältnis zu Otto Dix, den Ahner während seiner Ausbildung in Jena kennenlernte, oder über die Ausstellungen, in denen Ahners Werke vertreten waren.

[3] So die Herausgeberin selbst im Vorwort der Publikation, vgl. dort 3.

Barbara Martin