Rezension über:

Franz Walter / Stephan Klecha / Alexander Hensel (Hgg.): Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, 304 S., ISBN 978-3-525-30055-8, EUR 39,99
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Rezension von:
Teresa Tammer
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Agnes Bresselau von Bressensdorf im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Teresa Tammer: Rezension von: Franz Walter / Stephan Klecha / Alexander Hensel (Hgg.): Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/26682.html


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Franz Walter / Stephan Klecha / Alexander Hensel (Hgg.): Die Grünen und die Pädosexualität

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Vor der Bundestagswahl 2013 traf Bündnis 90/Die Grünen erneut der Vorwurf, in der Vergangenheit Pädophilen eine Plattform gegeben und die Entkriminalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern befürwortet zu haben. Nachdem die Medienberichte bei den Grünen zunächst nur Schweigen ausgelöst hatten, beauftragte der Bundesvorstand schließlich eine Forschergruppe um den Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, Professor Franz Walter, den Umgang der Partei mit Pädosexualität wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die daraus entstandene Studie beleuchtet die ideologische und organisatorische Struktur der jungen Grünen und zeigt, wie und warum die Forderungen von Pädophilen in der Partei Anschluss finden konnten. Pädosexualität verwenden die Autorinnen und Autoren dabei als analytischen Begriff, um die verschiedenen Aspekte des Diskurses fassen zu können. Pädophilie bezeichnet dabei die konkrete sexuelle Neigung zu Kindern und ist Teil des Diskurses um Pädosexualität - eine Differenzierung, die in den verschiedenen Beiträgen allerdings nicht konsequent durchgehalten wird.

Das Buch stellt eindeutig fest, dass Befürworter von straffreiem Sex mit Kindern bis Mitte der 1980er-Jahre nicht zu einer Randgruppe innerhalb der Grünen gehörten, sondern ihre Forderungen in verschiedenen Positionspapieren durchsetzen konnten. Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie ist, dass eine Vielzahl bundesdeutscher Juristen, Politiker und insbesondere Wissenschaftler die Pädophilie-Debatte mitbestimmten, deren Erkenntnisse aber schon damals als äußerst zweifelhaft gelten mussten. Pädosexualität hat daher - wie der Titel des Bandes deutlich macht - nicht nur eine Grüne, sondern eine bundesdeutsche Geschichte.

Mit seiner zeithistorischen Perspektive auf das Thema Pädosexualität betreten die Autoren Neuland, denn bisher liegen keine vergleichbaren Untersuchungen zu diesem Teil der jüngsten deutschen Geschichte vor. Die Forscherinnen und Forscher präsentieren neues sowie umfangreiches Quellenmaterial und bieten zugleich interessante Erkenntnisse für die bislang ebenfalls nicht umfänglich erforschte Geschichte der Grünen, der Schwulenbewegung in Deutschland oder der pädagogischen Diskurse der Nachkriegszeit.

Tobias Neef und Daniel Albrecht zeigen in ihrem Beitrag, wie sich seit den 1950er-Jahren die Politisierung des Sex und damit ein Wandel in der Sexualwissenschaft vollzogen haben, sodass Pädophilie öffentlich diskutierbar wurde. Einfluss auf diesen Diskurs hatten besonders die Schriften des Psychoanalytikers und Sexualforscher Wilhelm Reich und des zeitgenössischen Sozialphilosophen Herbert Marcuse, deren Ideen von der sexuellen Befreiung ab Mitte der 1960er-Jahre vor allem in der Studentenbewegung große Resonanz fanden. Für Reich und Marcuse war die Befreiung der kindlichen Sexualität Element der gesellschaftlichen Loslösung von autoritärer Unterdrückung. In diesem Kontext wurde auch die "Befreiung" von Pädophilen Anfang der 1970er-Jahre erstmals thematisiert.

Wie sich dieser sexualmoralische Wandel auf die Strafrechtsdebatten auswirkte, zeichnet Franz Walter nach. Konkret untersucht er ein Hearing im Strafrechtssonderausschuss des Deutschen Bundestages im November 1970. Zahlreiche liberale Rechts- und Sexualreformer hatten dort die Möglichkeit, ihre Positionen zum Strafrecht vorzutragen. Der damals 30-jährige Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, die Hamburger Professorin für Jugendpsychiatrie, Thea Schönfelder, und der Oberarzt Reinhard Wille etwa argumentierten energisch gegen eine Bestrafung sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie konnten aber keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse vorweisen, die ihre Thesen stützten. Die radikalsten Forderungen vertrat der Abteilungsleiter im Pädagogischen Zentrum Berlin und spätere Professor für Sozialpädagogik in Hannover, Helmut Kentler. Er war nicht nur davon überzeugt, dass Sex zwischen Erwachsenen und Kinder keine negativen Folgen habe. Kentler vertrat die Meinung, dass sexuelle Beziehungen zwischen Betreuern und Betreuten für letztere sogar förderlich seien. Diese Wissenschaftler prägten die Pädophilie-Debatte der 1970er-Jahre und wurden bis weit in die 1980er-Jahre rezipiert.

Der Beitrag "Niemand sollte ausgegrenzt werden: Die Kontroverse um Pädosexualität bei den frühen Grünen" von Stephan Klecha widmet sich der Kernfrage des Buches. Klecha zeigt, dass die Grünen pädophilen Forderungen in den ersten Jahren offen gegenüber standen, die Mehrheit der Partei ab Mitte der 1980er-Jahre aber nicht mehr von einem pädofreundlichen Programm überzeugt werden konnte. Pädophile fanden innerhalb der Partei vor allem bei den organisierten Homosexuellen und den Aktivisten für Kinderrechte Anschluss. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Transsexuelle und Päderasten (SchwuP) stimmte beispielsweise im Frühjahr 1984 für die Streichung des gesamten Sexualstrafrechts. Anfang 1990 erfuhr die Partei, bedingt durch die Vereinigung mit dem ostdeutschen Bündnis 90, einen grundlegenden Transformationsprozess, im Zuge dessen sie sich eine neue politische Ausrichtung gab. Das Thema Pädosexualität wurde dabei von anderen, drängenderen Problemen überlagert und geriet sukzessive in Vergessenheit. Sehr detailliert und quellenreich zeichnet Klecha die internen Auseinandersetzungen auf den verschiedenen Ebenen der Partei nach, sodass ein differenziertes Bild von den Grünen entsteht.

Johanna Klatt, Alexander Hensel und Oliver D'Antonio beantworten die Frage, wie es in den 1980er-Jahren zu einer Marginalisierung des Themas Pädophilie und der Verdrängung der Pädophilen-Bewegung kam: Sie fand im linksalternativen Milieu selbst statt. Insbesondere die Kritik feministischer Frauengruppen an den herrschenden Geschlechterbilden und der sexuellen Unterdrückung von Frauen stellte der sexuellen "Befreiung" als Allheilmittel eine Sensibilisierung für die Opfer sexuellen Missbrauchs gegenüber. Feministische Wissenschaftlerinnen, so die Autoren, hatten entscheidenden Einfluss im Deutungskampf um Pädosexualität, indem sie die bis Anfang der 1980er-Jahre verbreitete These von der Unschädlichkeit sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern widerlegten.

Im abschließenden Kapitel geht Franz Walter auf den Umgang der Grünen mit ihrer Vergangenheit ein und spart dabei nicht mit Kritik: "Erst wurde verdrängt, dann bagatellisiert, schließlich relativiert, zuletzt ein Schweigesyndikat gebildet" (254). Dabei habe es die Partei auch verpasst darauf hinzuweisen, dass dieses "gerade bei den frühen Grünen besonders wertgeschätzte Öffentlichkeits- und Diskursprinzip dazu beigetragen [hat], pädophile Forderungen programmatisch vergleichsweise zügig zu ächten und zu tilgen" (264).

Solch klare Worte kommen den Grünen zweifellos zugute, hätten relativierende oder gar beschwichtigende Thesen die Studie doch schnell als politisches Reinigungsmanöver diskreditiert. Die Beiträge sind überwiegend leserfreundlich geschrieben und geben in der Zusammenschau ein gutes Beispiel für einen in sich stimmigen Sammelband. Der Aufsatz "'Stück für Stück holen wir uns unsere Kindheit zurück!' Antipädagogik und Paradoxien des Erziehungsdiskurses" von Katharina Trittel und Jöran Klatt bildet dabei die einzige Ausnahme. Durch unerwartete Sprünge und zu viele Zitate, bei denen nicht immer erkennbar ist, ob sie zeitgenössischen Quellen oder der Forschungsliteratur entnommen sind, bleibt der Text zum Teil unverständlich.

Insgesamt bildet die Studie mit ihrem kulturgeschichtlichen Ansatz überzeugend den politischen Diskurs um Sexualität und Kinder ab. Die Frage nach der Verantwortung Grüner sowie sexualwissenschaftlicher Selbstüberschätzung allerdings bleibt offen. Müssen diejenigen, die Pädophile darin bestärkten, ihre sexuelle Neigung ausleben zu dürfen, heute vielleicht auch der Tatsache ins Gesicht schauen, dass sie Missbrauch erleichterten, wenn nicht sogar legitimierten? Dazu ist in den Beiträgen nichts zu lesen. Weitergehenden Forschungen in diese Richtung, einem Vergleich mit der DDR oder einer europäischen Einordnung der Pädophilie-Debatte bietet das vorliegende Buch jedoch eine profunde Grundlage. Ihrem eigenen Anspruch ist die Studie mehr als gerecht geworden. Insbesondere die Verknüpfung von Grüner und bundesdeutscher Geschichte haben die Autorinnen und Autoren eindrucksvoll herausgearbeitet.

Teresa Tammer