Rezension über:

Dan Stone (ed.): The Oxford Handbook of Postwar European History, Oxford: Oxford University Press 2012, XXVIII + 767 S., 1 Karte, ISBN 978-0-19-956098-1, GBP 95,00
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Rezension von:
Andreas Rödder
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Rödder: Rezension von: Dan Stone (ed.): The Oxford Handbook of Postwar European History, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/23290.html


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Dan Stone (ed.): The Oxford Handbook of Postwar European History

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Die enzyklopädischen Überblicke der "Oxford Handbooks" haben Konjunktur: Von der Ernährung über die Weltgeschichte bis zum Nationalismus sind inzwischen allein 37 historische Enzyklopädien erschienen, die allesamt vor der Herausforderung stehen, in Zeiten des Abschieds von der "großen Erzählung" den großen Bogen zu schlagen, gleichsam Ganzheit ohne Ganzheit zu leisten. An der Spannung zwischen Kohärenz und Vielgestaltigkeit setzt das von Dan Stone (London) herausgegebene "Oxford Handbook of Postwar European History" konzeptionell an. Bewusst wählt es eine thematische statt einer chronologischen Anordnung von 35 Beiträgen in sieben Sektionen. Zudem richtet es den Fokus nicht in erster Linie auf den Ost-West-Konflikt, obgleich dieser weiterhin eine wichtige Rolle spielt, sondern in besonderem Maße auch auf kulturgeschichtliche Themen. So entsteht ein breites Panorama, das auf eine unideologische Weise entfaltet wird, wie es der anglo-amerikanischen Geschichtswissenschaft deutlich besser gelingt als der deutschen. Zugleich wirft es in seiner netzwerkartigen statt systematischen Struktur Fragen an die Vereinbarkeit von Kohärenz und Vielgestaltigkeit auf.

Einem ersten Teil mit fünf grundsätzlichen Beiträgen über die Nachkriegsordnung Europas folgt ein zweiter Teil mit Beiträgen über die Gesellschaften, konkret: über ethnische Säuberungen, Migration, Geschlechterpolitik, Amerikanisierung, "1968" und das Leben unter dem Kommunismus - während klassische Themen der Sozialgeschichte wie die indigene demographische Entwicklung oder die sozialstrukturelle Entwicklung unberücksichtigt bleiben. Zugleich findet sich ein Beitrag über die Konsumgesellschaft im vierten Teil über "Re-Construction: Starting a Fresh or Rebuilding the Old" (was auch immer diese Überschrift bedeuten mag) wieder, der außerdem Beiträge über nukleare Sicherheitspolitik, den Nachkriegsboom, die europäische Integration und die ökonomische Entwicklung von 1973 bis 2009 enthält. Zuvor werden in einem dritten Teil unter der Überschrift "Blöcke, Parteien, politische Macht" der Nachkriegskommunismus, "Europas Kalter Krieg", der westeuropäische Wohlfahrtsstaat sowie die Beziehungen zwischen den Ostblockstaaten verhandelt, nicht hingegen Fragen der politischen Kultur, politischer Parteien oder der politischen Systeme. Ähnlich bunt, aber gerade nicht kohärent vereint Teil V unter dem Titel "Furcht" Überlegungen zur Strategie der nuklearen Abschreckung, nationalem Stalinismus, kolonialen Phantasien (Postkolonialismus folgt im nächsten Teil über Kultur), den postdiktatorischen (!) Zuständen in Spanien, Griechenland und Portugal (die Überschrift "After the Fear Was Over?" geht nicht einmal als salvatorische Formulierung durch), Postkommunismus und Ethno-Nationalismus im zerfallenden Jugoslawien. Demgegenüber wirkt der sechste Teil zur "Kultur" - Land und Stadt, Kunst, Architektur, Wissenschaft, Krieg und Fernsehen - ebenso wie der siebte über die Erinnerungskulturen an den Zweiten Weltkrieg nachgerade konzise.

Könnte gerade in dieser assoziativ-netzwerkartigen anstelle einer logisch-systematischen Anlage des Buches seine übergreifende Aussage, die Kohärenz im Sinne einer condition postmoderne liegen (so etwa Luisa Passerini über europäische Identität als Teil multipler, hybrider Identitäten)? Aus der Einleitung des Herausgebers über "Postwar as History" bestätigt sich diese Möglichkeit allerdings nicht. Stone stellt dort den Zweiten Weltkrieg als Nukleus vor, aus dem Gewalterfahrungen, Dekolonisierung und der Ost-West-Konflikt hervorgingen, dem aber auch ganz anders gelagerte Entwicklungen des Wandels folgten, etwa auf dem Gebiet der Geschlechterordnung und des Massenkonsums. Im Gegensatz zur Anlage der Enzyklopädie steht im Zentrum der Einführung ein chronologischer Zugriff, der allerdings wenig Neues und abermals keine übergreifenden historischen Deutungslinien anbietet. Angedeutet, aber nicht expliziert wird die zunehmend verbreitete, stets normativ aufgeladene Lesart einer Zweiteilung der Nachkriegsgeschichte in einen wohlfahrtsstaatlichen Nachkriegskonsens bis zu den frühen Siebzigern und den "Neoliberalismus" danach, die auch der Beitrag Ivan T. Berend stark macht und die auch andere Beiträge reflektieren, die freilich kritische zu diskutieren wäre. Als Hauptmerkmal der europäischen Ordnung nach 1989 erachtet Stone die Stabilität in Ostmitteleuropa, was, nicht zuletzt im historischen Vergleich zur Zwischenkriegszeit, grundsätzlich sicher richtig ist (die Ausnahme Jugoslawiens benennt er selbst), allerdings der argumentativen Einordnung bedürfte.

Alles in allem wird man viele der sehr unterschiedlichen Beiträge des Bandes mit Gewinn lesen (etwa Stephen Castles über Migration und Asyl oder Jussi Hanhimäki über Europa und den Kalten Krieg). Das ist der Vorzug dieses Bandes, dessen Anlage freilich Zweifel hinterlässt, ob ihre Vielgestaltigkeit nur aus konzeptioneller Überzeugung oder nicht mindestens ebenso sehr aus analytischer Verlegenheit hervorgeht. Jedenfalls riskiert die Geschichtswissenschaft mit solchen Formen netzwerkartiger Konzeptualisierung, in der alles mit allem zusammenhängen mag, die einzelnen Beiträge aber kaum etwas miteinander zu tun haben, nicht nur ihre interne Debattenfähigkeit, sondern auch ihre Kommunikationsfähigkeit nach außen.

Andreas Rödder