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Robert Barnes: The US, the UN and the Korean War. Communism in the Far East and the American Struggle for Hegemony in the Cold War, London / New York: I.B.Tauris 2014, XII + 372 S., einige s/w-Abb., ISBN 978-1-7807-6368-2, GBP 68,00
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Rezension von:
Ragna Boden
Münster
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Ragna Boden: Rezension von: Robert Barnes: The US, the UN and the Korean War. Communism in the Far East and the American Struggle for Hegemony in the Cold War, London / New York: I.B.Tauris 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/26461.html


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Robert Barnes: The US, the UN and the Korean War

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Barnes' Buch erstaunt zunächst dadurch, dass es sein Hauptthema nicht im Titel nennt: Im Zentrum steht das Commonwealth of Nations als eigenständige Akteursgruppe und potentielles Korrektiv zu den USA in den Verhandlungen der UN zum Koreakrieg. Die Studie ist das Ergebnis einer PhD-Arbeit von 2011 an der London School of Economics. Sie bedient gleich mehrere Themen, die historische wie aktuelle Fragen der Globalpolitik berühren: den Ost-West-Konflikt, Verhandlungsoptionen in internationalen Gremien unter dem dominierenden Einfluss Washingtons und die Zukunftsfähigkeit und Gestalt von Imperien.

In den Forschungen zum Koreakrieg als erster großer militärischer Konfrontation im Kalten Krieg waren internationale Politik und Diplomatie sowie transnationale Akteure naturgemäß immer ein zentrales Thema. Das Commonwealth spielte darin oft allenfalls eine Nebenrolle. Dieses "informal empire" [1] der einstigen Weltmacht Großbritannien mit ihren ehemaligen Kolonien sollte nach dem Willen der damaligen Labourregierung zu einem zeitgemäßen Instrument britischen Einflusses in der Welt umgebaut werden. [2] Seine Funktion in den UN-Verhandlungen zum Koreakrieg wurden bisher sowohl als "greatest example of cooperation" gedeutet wie auch als Beweis dafür, dass sich die Pax Britannica selbst in veränderter Form nicht gegen die Pax Americana hätte durchsetzen können. [3]

Beiden Deutungen schließt sich Barnes an. Er stellt die Rolle des Commonwealth als "agent of constraint" (8) gegenüber dem beherrschenden Einfluss der USA in den Mittelpunkt. Ziel seiner Studie ist es, zu zeigen, worauf die "einzigartige" Position des Commonwealth beruhte und unter welchen Bedingungen diese Gemeinschaft Einfluss ausüben konnte. Dem Commonwealth sei es zu verdanken, dass eine weitere Eskalation des Koreakrieges habe verhindert werden können.

In der Phase der globalen Neuordnung Mitte des 20. Jahrhunderts sucht Barnes nach der historischen Chance des postkolonialen Staatenverbundes zur Gestaltung der Weltpolitik. Schließlich teilten seine Mitglieder nicht nur eine partiell gemeinsame Geschichte, sondern auch - so Barnes - einen Kanon liberal-demokratischer Werte (6). Der Einfluss erhöhte sich dadurch, dass neben Großbritannien als ständigem Mitglied des UN-Sicherheitsrates während der Zeit des Koreakrieges nacheinander Indien, Pakistan und Neuseeland zwischen 1950 und 1955 gewählte Mitglieder waren. Nicht zuletzt hatte das Commonwealth auch eine eigene Division mit 33.000 Soldaten, befehligt von einem australischen General. Gestellt wurden sie vorwiegend von den "alten" Commonwealth-Staaten, mit der Ausnahme eines indischen Krankenfahrzeugs und südafrikanischer Offiziere.

Tatsächlich hatten einige Interventionen des Commonwealth Erfolg, indem sie die Position der USA in der UN abmilderten. Dies war der Fall, als die Commonwealth-Staaten verhinderten, dass die Volksrepublik China nach dem Einmarsch in Korea im Oktober 1950 von der UN umgehend als Aggressor verurteilt wurde, ohne eine Erklärung dazu abgegeben zu haben. Die ausgehandelte Verzögerung fiel in eine der kritischen Zeiten des frühen Kalten Krieges, in dem eine u.a. von General MacArthur befürwortete Eskalation bis hin zum Einsatz atomarer Waffen drohte. Die Verzögerung kam letztlich sogar den UN-Truppen zupass (89). Sie verhinderte jedoch nicht, dass China im Februar 1951 schließlich doch von der UN-Vollversammlung gerügt wurde.

Ein zweites Beispiel war die 1952 von Indien eingebrachte Resolution über die Errichtung einer Repatriierungskommission für Kriegsgefangene. Sie fiel in die Zeit der Ablösung Trumans als Präsident und wurde gegen den anfänglichen Willen der USA von der UN-Vollversammlung angenommen, von China allerdings zurückgewiesen.

Barnes erklärt die Erfolgsfaktoren für das Commonwealth im Koreakonflikt wie folgt: Die Mitgliedsstaaten mussten sich einig sein. Einig waren sie, wenn der Konflikt weiter zu eskalieren drohte, wenn einflussreiche Persönlichkeiten im Commonwealth sich für eine Sache einsetzten und nicht zuletzt, wenn die US-Regierung willens war, sich dem Commonwealth-Einfluss zu beugen. Motiviert waren die Mitglieder vorwiegend dadurch, dass sie sich erhöhte Durchsetzungskraft ihrer jeweiligen Interessen versprachen, wenn sie im Verbund agierten. Parallel dazu pflegte jeder der Staaten bilaterale Beziehungen zu den USA und anderen Akteuren, wie Indien zur Sowjetunion. Darüber hinaus bot die Zusammenarbeit in der UN Möglichkeiten des persönlichen Austauschs als Ersatz für zum Teil fehlende Strukturen innerhalb des Commonwealth.

In sieben chronologisch angeordneten Kapiteln beleuchtet Barnes Interaktionen der Commonwealth-Staaten untereinander sowie mit der US-Politik. Dazu wertet er Unterlagen aus Archiven der UN, einiger Commonwealth-Staaten und der USA aus. Abgerundet wird der Band durch den Abdruck von zwanzig Beschlüssen des UN-Sicherheitsrates und der UN-Vollversammlung im Anhang, einer Bibliographie englischsprachiger Literatur, einem Index, Karten, zwei Karikaturen des 'Washington Evening Star' sowie einigen Fotos, die anderen Publikationen entnommen sind.

Barnes schildert in klassischer politik- und diplomatiegeschichtlicher Manier das Vorgehen der Commonwealth-Staaten, unter denen auch das gerade unabhängig gewordene Indien erfolgreich Initiative übernahm. Insofern ist seine Studie als Beispiel für die Verflechtung inter- und transnationaler Organisationen wie UN und Commonwealth mit nationalstaatlichen Interessen zu begrüßen. Das Fallbeispiel des Koreakrieges zeigt, dass Chancen, die Entwicklung der Weltpolitik mitzugestalten, durchaus wahrgenommen wurden. Dass die bilaterale Politik schließlich das Bündnis in den Hintergrund treten ließ, war eine Folge der verstärkten Antagonismen im Gefolge des Dekolonisierungsprozesses und der Entwicklung weiterer transnationaler Akteure wie der sogenannten blockfreien Staaten auf der Bandung-Konferenz 1955.


Anmerkungen:

[1] John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600-1997, Frankfurt / New York 2013, 360.

[2] Ebd., 372.

[3] Patrick Gordon Walker: The Commonwealth, London 1962, 303; Ritchie Ovendale: The English-Speaking Allicance. Britain, the United States, the Dominions and the Cold War 1945-1951, London/Boston / Sydney 1985, 221; Darwin: Das unvollendete Weltreich, 376.

Ragna Boden