Rezension über:

Harald Tersch: Die Autobiographie von Stephan Andreas Haslinger (1740-1807). Violinist, Freimaurer und Hofagent im josephinischen Wien (= Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; Bd. 10), Wien: Böhlau 2013, 144 S., ISBN 978-3-205-78911-6, EUR 29,80
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Rezension von:
Britta Kägler
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Britta Kägler: Rezension von: Harald Tersch: Die Autobiographie von Stephan Andreas Haslinger (1740-1807). Violinist, Freimaurer und Hofagent im josephinischen Wien, Wien: Böhlau 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/25371.html


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Harald Tersch: Die Autobiographie von Stephan Andreas Haslinger (1740-1807)

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Harald Tersch legt mit der edierten Lebensbeschreibung von Stephan Andreas Haslinger eine Autobiografie vor, die aus der Retrospektive den Aufstieg des Autors vom Schneidersohn zum Violinisten und schließlich zum Hofagenten im josephinischen Wien nachzeichnet. Haslingers Weg zu Besitztümern und Adelsstand wird in der Autobiografie zum roten Faden. Er beginnt mit dem Umzug von Wien nach Bratislava und erreicht einen Höhepunkt, als mit der Nobilitierung am 18. November 1790 und dem Erwerb der beiden Banater Herrschaften Sarasan (Sărăzani) und Bottinest (Botineşti) der soziale Aufstieg besiegelt wird (66). Schreibanlass ist Haslingers Bedürfnis, seinen Nachkommen diesen sozialen Aufstieg zu vergegenwärtigen. Ganz konkret geht es ihm aber auch darum, seinen Kindern Lebensratschläge zu geben und von ihnen Dankbarkeit gegenüber den Eltern einzufordern (106f.). Dies geschieht ganz unmissverständlich, wenn er in seine Lebensgeschichte die direkte Anrede einflicht: "Liebe Kinder! Lebenslänglich seye Euch das Andenken eurer unvergesslichen Mutter heilig!" (52)

An anderer Stelle gibt Haslinger seinen Kindern ein Vorbild, wenn er beschreibt, wie verantwortungsbewusst und liebevoll er sich um seine älter werdende Mutter sorgte oder die Behandlungskosten für seinen 1782 verstorbenen Vater übernahm, sodass dieser vertrauensvoll zu seinem behandelnden Arzt sagen konnte: "Helfen Sie mir noch, daß ich gesund werde, mein Sohn Stephan lässt es sich schon was kosten." (39) Darüber hinaus bietet die Autobiografie zahlreiche Einblicke in medizinische Behandlungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sei es, dass Haslinger selbst eine schmerzhafte Wucherung am Kinn operativ entfernt werden musste (34), sei es, dass er über schwierige Entbindungen und Fehlgeburten seiner Frau berichtet. So geht er etwa darauf ein, dass seine Frau für das erste gemeinsame Kind keine Muttermilch gehabt habe und der Knabe mit Wasser aufgezogen werden musste (46). Hinzu kommen kurze Vermerke, wenn die Kinder gegen Blattern geimpft wurden (49, 53). Der Tod seiner Ehefrau im Jahr 1795 machte Haslinger schwer zu schaffen, sodass ihm sein Bruder und sein Schwager wochenlang beistanden, "wodurch mein heftiger Schmerz etwas erträglicher gemacht wurde [...] und halfe mir den stillen Kummer, so mich verzehrte, tragen" (53). Nach diesem Schicksalsschlag bricht die Erfolgsgeschichte des "self-made-man" ein, Sorgen und Nöte der Gegenwart nehmen breiteren Raum ein, wenn er erstmals Berichte über das lange, kalte Wetter aufnimmt, später dann auf die französische Besatzung von 1805, auf das Kriegsgeschehen und die Teuerungsrate eingeht.

Die Aufzeichnungen werden in einer knappen Kanzleisprache zu Papier gebracht, in der Tersch den Beamten Haslinger ausmacht, der mit dem Mittel der Sprache gezielt Rechtschaffenheit und Glaubwürdigkeit vermitteln wolle (120). Tersch ordnet die Autobiografie in diesem Zusammenhang auch in die "Flut von Memoirenliteratur" (12) von Habsburgischen Beamten aus dem höheren und mittleren Dienst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ein. Er beurteilt den Wert von Haslingers Autobiografie dabei aus zwei Perspektiven: Zum einen sind die meisten anderen dieser Memoiren erst im 19. Jahrhundert niedergeschrieben worden, sodass in ihnen die Zeit des Josephinismus aus der Retrospektive mit großem zeitlichen Abstand betrachtet wird. [1] Haslinger hingegen hält für die Nachwelt die Sicht eines "Altersgenossen Josephs II." fest (12). Zum anderen betont Tersch zu Recht, dass Haslinger eben gerade nicht an der Spitze der Habsburger Administration stand, sondern am Rand des Verwaltungsapparats zu verorten ist, was seinen Memoiren eine besondere sozialgeschichtliche Bedeutung zukommen lässt. Interessant mag an dieser Stelle auch sein, dass Haslinger eine autobiografische Schreibtradition innerhalb seiner Familie etablierte. So werden dem Leser immer wieder Bezüge zwischen Haslingers Lebensbeschreibung und den autobiografischen Texten seiner Nachfahren vor Augen geführt. Exemplarisch hervorheben lässt sich die Behandlung von Haslingers Funktion als "Hofagent", die Tersch ausbreitet: Zitiert er zunächst Haslingers Enkel selbst, der zwei Generationen später angibt, dass das Amt der Hofagenten gar keine Rolle mehr spiele, so verortet er die Hofagenten im ausgehenden 18. Jahrhundert in einem "Spannungsfeld von Berufsprofil und Verwaltungspraxis" (86). Mit Verweis auf die (literarische) Beschreibung der Hofagenten durch Johann Pezzl (1756-1823), der sie zwischen dem Gesandten und dem Anwalt der kleinen Dinge ansiedelt, geht Tersch schließlich auf die Instruktion von 1798 ein, der sich die Voraussetzungen für einen Eintritt in den Hofagentendienst entnehmen lassen (92f.).

Mit diesem kurzen Überblick wird deutlich, wie umfangreich Tersch die vorliegende Lebensbeschreibung in den zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext einordnet. Er legt nicht nur eine Edition der - vergleichsweise kurzen - Lebensbeschreibung von Haslinger vor, er ordnet den Text anschließend auch kenntnisreich in den Kontext zeitgleich entstandener Künstlerbiografien ein (70-75), spürt der Genealogie der Haslingers nach (63-70) und greift auf zahlreiche zeitgenössische Autobiografie-Fragmente zurück, mit denen er Haslingers Lebensumstände im Zeitalter Josephs II. beleuchtet. Zu Wort kommt sowohl die Perspektive von erklärten Kritikern des reformfreudigen Kaisers (z.B. Abt Dominikus Hagenauer, 1746-1811), als auch die Perspektive von dessen Biograf, Johann Pezzl. Auch geht Tersch auf Normen der Schreibkultur in der Zeit der Spätaufklärung ein, wobei es jedoch wünschenswert gewesen wäre, wenn er den Bezugsrahmen über Wien und die Habsburger Verwaltung hinaus erweitert hätte.

Der Editionstext basiert auf einer Xerokopie aus dem Bestand der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" am Wiener Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Die Edition orientiert sich an den "Empfehlungen zur Edition frühneuzeitlicher Texte" und verändert die Schreibweise der Handschrift nur in sehr wenigen begründeten und dokumentierten Einzelfällen. In der Einleitung werden die Editionsrichtlinien erläutert (21-26): So werden die diakritischen Zeichen über den Buchstaben u (ŭ) und y (ÿ) weggelassen und ae-Ligaturen getrennt. Zahlwörter wie "7ber" für "September" werden stillschweigend aufgelöst, alle anderen Abkürzungen in runden Klammern nachvollziehbar aufgelöst. Die Groß- und Kleinschreibung der Vorlage entspricht bereits weitgehend den heutigen Rechtschreibregeln, sodass keine modernisierenden Eingriffe vorgenommen werden mussten.

Mit einem Quellen-, Literatur- und Siglenverzeichnis sowie einem Personen- und Ortsregister schließt der Band ab, der jedem empfohlen sei, der sich mit der Beamtenschaft Josephs II. oder ganz allgemein dem Zeitalter der Aufklärung im Habsburgerreich beschäftigt.


Anmerkung:

[1] Entsprechend vergleichbare Wiener Autobiografien: Ignaz Franz Castelli: Memoiren meines Lebens. Gefundenes und Empfundenes, Erlebtes und erstrebtes, 4 Bde., Wien u.a. 1861; Caroline Pichler: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, 2 Bde., Wien 1844.

Britta Kägler