Rezension über:

Christopher M.S. Johns: The Visual Culture of CATHOLIC ENLIGHTENMENT, University Park, PA: The Pennsylvania State University Press 2015, XXII + 413 S., 56 Farb-, 104 s/w-Abb., ISBN 978-0-271-06208-2, USD 89,95
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Rezension von:
Angelika Dreyer
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Angelika Dreyer: Rezension von: Christopher M.S. Johns: The Visual Culture of CATHOLIC ENLIGHTENMENT, University Park, PA: The Pennsylvania State University Press 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/27027.html


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Christopher M.S. Johns: The Visual Culture of CATHOLIC ENLIGHTENMENT

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Fragestellungen bezüglich der Reformansätze und Ziele der katholischen Aufklärung und ihrer Umsetzung in der bildenden Kunst lassen sich spätestens seit der letzten Jahrtausendwende vermehrt in den kunsthistorischen Forschungen nachweisen. Damit folgen die Kunst- und Bildwissenschaften einer Richtung, die unter (Kirchen-) Historikern bereits in den frühen 1990er-Jahren einen Zenit erreicht hatte. [1] Christopher M. S. Johns legt mit seinem Buch The Visual Culture of CATHOLIC ENLIGHTENMENT erstmals eine weitreichende Auseinandersetzung zu den Aufträgen und Bildzeugnissen vor, die im Umkreis des Heiligen Stuhls in Rom entstanden.

Dezidiert nicht als Sammelwerk päpstlicher Auftragskunst im 2. und 3. Viertel des 18. Jahrhunderts konzipiert, konzentriert sich Johns ganz auf die Visualisierung von Leitideen der katholischen Aufklärung unter dem päpstlichen Patronat. Dieser Absicht folgend arbeitete sich der Autor auch in scheinbar entlegene Themenbereiche ein. So werden gleichermaßen Neuerungen der medizinischen Versorgung oder die Vereinfachung von Zeremonien am päpstlichen Hof im Kontext der erstaunlich vielfältigen visuellen Zeugnisse dieser Epoche erörtert. Stadtplanerisch motivierte Architekturaufträge und denkmalpflegerische Restaurierungsmaßnahmen finden dabei ebenso Beachtung wie Altargemälde, Messgewänder oder Trinkgefäße. Der zeitliche Rahmen umfasst das Pontifikat von Benedikt XIII. (1724-1730) bis Clemens XIV. (1769-1774), mit dem Fokus auf die beiden herausragenden Reformpäpste Clemens XII. (1730-1740) und vor allem Benedikt XIV. (1740-1758).

Wohltuend entziehen sich Johns' Ausführungen dabei der bis heute andauernden Diskussion um die angeblich begriffliche Unvereinbarkeit von Katholizismus und Aufklärung. Immer wieder verweist er stattdessen auf die eher prozessuale als programmatische Vorgehensweise in der katholischen Kirche. Einerseits begeisterten sich die Päpste für die progressiven Reformideen, andererseits strebten sie danach, zentrale Grundsätze kirchlicher Tradition zu festigen anstatt zu verändern. Permanent zwischen politischen Erfordernissen und moderaten Kompromissen auslotend, blieben die Ziele des Tridentinums für das aufgeklärte Papsttum weiterhin bestimmend. Einzig der Blick verschob sich zugunsten innerkonfessioneller Reformansätze, denn nun widmeten sich die Heiligen Väter verstärkt auch gemeinnützigen Aufgaben. Bestimmungen bezüglich einer wirtschaftlich verträglichen Feiertagsreglung oder einer sinnvollen Umstrukturierung bischöflicher Verwaltungen leiteten zudem umfangreiche gesellschaftsrelevante Verbesserungen in den katholischen Territorien ein.

Um die neue Frömmigkeitsauffassung und Spiritualität in Form von Bilderzeugnissen, wie etwa Altären, Skulpturen oder Medaillen aufzeigen zu können, dringt Johns tief in die Heilig- und Seligsprechungsprozesse jener Epoche ein. Überzeugend zeigt er am Beispiel der Kanonisierung die fundamentalen Auseinandersetzungen der Zeitgenossen mit der quellenkritischen Geschichtsforschung nach maurinischem Vorbild und den hagiografischen Veröffentlichungen der Bollandisten in der Acta Sanctorum. Tugendhafter Lebenswandel oder selbstlose Aufopferung im Hospizdienst rückten nun ins Zentrum der Betrachtung und lösten mystische Erfahrungen oder Wundertätigkeit als primäres Kriterium gottesfürchtiger Heiligkeit ab. Damit einhergehend konnte Johns eine Abkehr von den auf Überwältigung des Betrachters abzielenden, barocken Kompositionsweisen und einen Verzicht auf die Darstellung übernatürlicher Erscheinungen feststellen. Er weist nach, wie stattdessen nun historische Richtigkeit und eine glaubwürdig ausgestattete Szenerie zu künstlerischen Qualitätsmerkmalen avancieren.

Päpstliches Mäzenatentum und Verantwortung für das allgemeine Wohl waren im Zeitalter der katholischen Aufklärung untrennbar miteinander verbunden. Ausgelöst durch die öffentliche Empörung über den Verkauf prominenter Kunst- und Antikensammlungen ins Ausland, fand der päpstliche Stuhl völlig neue Lösungen zur Sicherung seines historischen Erbes. Eingehend untersucht der Autor die kunst- und kulturhistorisch relevante Gründung des Kapitolinischen Museums durch Papst Clemens XII. im Jahr 1734. In einem gesonderten Kapitel widmet sich Johns den musealen Erweiterungen unter dem nachfolgenden Pontifikat von Benedikt XIV., der die Pinacoteca Capitolina und die Accademia del Nudo sowie das Museo Cristiano gründete.

Eingängig ordnet Johns zahlreiche römische Neu- und Umbauten für politisch-administrative wie auch für karitativ-kirchliche Zwecke dem päpstlichen Reformwillen zu. Neuartige, dem wissenschaftlichen Fortschritt geschuldete Ausstattungen, wie etwa ein anatomisches Theater finden ebenso Beachtung wie ein Kirchenneubau oder ein Frauengefängnis. Aufgrund seiner eingehenden Quellenstudien spart der Verfasser auch nicht mit praxisorientierten Angaben zu Kostenfragen oder Auftragsvergaben und erweitert den Horizont bezüglich der Fragestellung nach Prachtentfaltung im Zeitalter der Aufklärung auf fundierte Weise.

Dem Fokus auf die visuelle Sichtbarkeit von Reformgedanken bleibt Johns auch in seiner abschließenden Auseinandersetzung mit dem Ideal des 'guten Bischofs' treu. Grundlegend untersucht er die umfangreichen Stiftungen von Papst Benedikt XIV. an dessen ursprünglichen Wirkungsstätten als Bischof von Bologna und Ancona.

In Sprache und Form wurzelt das Buch tief in der angelsächsischen Tradition der allgemeinverständlichen Darlegung wissenschaftlich differenzierter Inhalte. Die einzelnen Kapitel sind in Bezug auf ihre Verständlichkeit unabhängig voneinander konzipiert, auch wenn deshalb, obgleich selten, der Kompromiss möglicher Redundanzen in Kauf genommen werden musste. Auszüge historischer Korrespondenzen oder italienischsprachige Titel übertrug oder paraphrasierte der Autor im Fließtext stets ins Englische. Auch der Anmerkungsapparat beugt sich dem Diktat der Benutzerfreundlichkeit und ist auf ausgesuchte weiterführende Hinweise reduziert.

Literarisch ansprechend spannt dieses vorgelegte Kompendium einen weiten Bogen. Es führt vom päpstlichen Rom zu europäischen Machtzentren und zu scheinbar unbedeutenden Enklaven der katholischen Aufklärung. Die Spannweite von Paris bis Polling zieht zwangsweise eine exemplarische Vorgehensweise nach sich und offenbart zugleich die immer noch umfangreichen Desiderate der kunsthistorischen Forschung zu diesem Epochenphänomen. Ausgehend vom Epizentrum jenes paradigmatischen Wandels im 18. Jahrhundert bietet Christopher M. S. Johns' Werk zugleich eine exzellente Zusammenführung zahlreicher Einzelaspekte. Für das hochaktuelle Forschungsgebiet der visuellen Umsetzung von Reformideen der katholischen Aufklärung liegt mit dieser Veröffentlichung zweifellos ein grundlegendes Standardwerk vor.


Anmerkung:

[1] Z.B. Harm Klueting / Norbert Hinske / Karl Hengst (Hgg.): Katholische Aufklärung - Aufklärung im katholischen Deutschland, Hamburg 1993.

Angelika Dreyer