Rezension über:

Regine Schiermeyer: Greif zur Kamera, Kumpel! Die Geschichte der Betriebsfotogruppen in der DDR, Berlin: Christoph Links Verlag 2015, 419 S., 40 s/w-Abb., ISBN 978-3-86153-833-2, EUR 39,90
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Rezension von:
Tilmann Siebeneichner
Freie Universit├Ąt Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Tilmann Siebeneichner: Rezension von: Regine Schiermeyer: Greif zur Kamera, Kumpel! Die Geschichte der Betriebsfotogruppen in der DDR, Berlin: Christoph Links Verlag 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/27019.html


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Regine Schiermeyer: Greif zur Kamera, Kumpel!

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Regine Schiermeyer hat sich mit ihrer an der Universität Heidelberg entstandenen Dissertation über die Betriebsfotogruppen in der DDR eines besonders reizvollen Untersuchungsgegenstandes angenommen: Sie greift mit der "künstlerischen Amateurfotografie" nicht nur eine bislang vergleichsweise selten genutzte und kaum reflektierte Quellengattung der DDR-Überlieferung auf und unterzieht sie erstmals einer systematischen Auswertung. Ihr Untersuchungsgegenstand zählt zugleich zu einem der "beliebteren Freizeitangebote" (9) in der DDR: Bei den Betriebsfotogruppen handelte es sich um Arbeitsgemeinschaften von Amateurfotografen, die ihrer Passion überwiegend in der Freizeit nachgingen. Damit befindet sich die Arbeit an der Schnittstelle von Öffentlichkeit und Privatheit im Staatssozialismus, die im Hinblick auf die Frage nach gesellschaftlicher Reichweite und Resonanz der SED-Diktatur weiterhin von zentralem Interesse ist. Denn auch wenn die Amateurfotografie in der DDR selbstständig und auf betrieblicher Basis organisiert wurde, gab es mit dem Kulturbund bzw. der 1959 gegründeten Zentralen Kommission Fotografie (die 1982 in der Gesellschaft für Fotografie aufging) eine Institution, die deren Aktivitäten anleitete, beobachtete und im Sinne der staatstragenden Ideologie zu regulieren versuchte. Schiermeyers übergreifendes Erkenntnisinteresse gilt deshalb der Frage, "inwieweit die staatlichen Ansprüche an die Organisation, die Arbeitsweise und die Fotos der Betriebsfotogruppen durchgesetzt werden konnten. Wo stieß die staatlich-parteiliche Steuerung und Durchdringung an Grenzen, und inwieweit ließ das staatliche (Bild-)Programm Freiräume für den einzelnen Amateurfotografen?" (17)

Zur Beantwortung dieser Fragen kombiniert Schiermeyer einen chronologischen Ansatz, der der Entwicklung der Amateurfotografie vom Anfang bis zum Ende der DDR nachgeht, mit systematischen Ausführungen zu ausgewählten Betriebsfotogruppen: Jedes Jahrzehnt wird nacheinander in einem eigenen Kapitel detailliert auf die seinerzeit virulenten staatlichen Ansprüche und Vorgaben untersucht. Seit der berühmten Bitterfelder Konferenz von 1959 - Schiermeyers Titel ist eine Anspielung auf den seinerzeit postulierten Slogan "Greif zur Feder, Kumpel!" - wurde die "künstlerische Selbstbetätigung" als Wesenszug des "neuen sozialistischen Menschen" betrachtet. Wie die gewöhnlichen Werktätigen mit derlei staatlichen Vorgaben umgingen und sie sich aneigneten, wird am Beispiel ausgewählter Betriebsfotogruppen rekonstruiert. Ein wenig bedauerlich ist dabei, dass hierfür (bis auf den "fotoclub ferrum") in den 1960er Jahren andere Gruppen untersucht werden als in den 1970er und 1980er Jahren. Wie Schiermeyer selbst reflektiert, ist dies wohl vor allem einer nur bruchstückhaften Überlieferungssituation geschuldet (21 f.). Diese verweist auf die bislang eher vernachlässigte Verwendung fotografischer Quellen, die wiederum vielfach noch der archivalischen Erfassung harren. Damit verpasst sie jedoch die Chance, die Entwicklung einzelner Betriebsfotogruppen über die Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen und dabei Veränderungen und Kontinuitäten in der Praxis der Amateurfotografie an konkrete Akteure rückzubinden. Das scheint jedoch umso wichtiger, als Schiermeyer selbst zu dem Ergebnis kommt, dass die DDR-Amateurfotografie "sich komplex und vielfältig" darstellte und "starken Wandlungsprozessen unterworfen" war (359).

Ohnehin befindet sich der systematisch angelegte Aufbau der einzelnen Kapitel in einem merkwürdigen Widerspruch zu Schiermeyers übergreifenden Schlussfolgerungen und verweist damit möglicherweise auf das, was Detlef Pollack einmal die "konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR" genannt hat: Einerseits vermittelt die genaue und umsichtige, über die gesamte Untersuchung hinweg bisweilen jedoch etwas redundant geratene Rekonstruktion und Diskussion staatlicher Ansprüche und Vorgaben von "oben" - die vom Anfang bis zum Ende der DDR auf der "Parteilichkeit" als wichtigstem Kriterium der sozialistischen (Amateur-)Fotografie fokussierten - den Eindruck einer massiven und intensiven staatlichen Regulierungspraxis. Andererseits lassen Schiermeyers Ausführungen zur Praxis einzelner Betriebsfotogruppen jedoch vielfältige Aneignungsweisen von "unten" deutlich werden, die vom Wunsch nach gemeinsamem Erleben über künstlerische Ambitionen bis hin zu gesellschaftskritischen Aktivitäten motiviert sein konnten und sich um die Vorgaben von "oben" offenbar nur bedingt scherten.

Obwohl die Studie durchaus ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur Visual History ist, weil sie eindrucksvoll real-existierende Sehgewohnheiten und Darstellungskonventionen rekonstruiert, bleibt jedoch offen, was von der Geschichte der Betriebsfotogruppen über die Geschichte der DDR-Gesellschaft zu lernen ist. Handelte es sich um eine Gesellschaft, die dermaßen "durchherrscht" war (Jürgen Kocka), dass individuelles und "eigensinniges" (Freizeit-)Verhalten nur in den vielbeschworenen "Nischen" möglich war (Günter Gaus)? Oder zeigen die Betriebsfotogruppen, dass es trotz aller politisch motivierten Regulierungsambitionen durchaus möglich war, ein "ganz normales Leben" in der Diktatur zu führen (Mary Fulbrook)? Verweist die vorsichtige Hinwendung zu individuelleren Darstellungen und freieren Vorgaben, die Schiermeyer für die 1970er und 1980er Jahre konstatiert, gar auf eine Modernisierung der DDR-Gesellschaft, die möglicherweise unter "sozialistischen" Vorzeichen genauer zu bestimmen wäre?

Schiermeyers Verdienst besteht darin, eine ebenso heterogene wie fragmentierte Quellengattung systematisch erschlossen und in historischer Perspektive entfaltet zu haben. Begrüßenswert ist außerdem, dass dies sowohl im Hinblick auf ästhetisch-theoretische Vorgaben und Verhandlungsmuster wie auch im Hinblick auf praktische Aneignungs- und Auslegungsweisen in der Diktatur erfolgt. Insofern stellt die Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Erschließung von ästhetischen Idealen wie auch zu individuellen Handlungsräumen in einem Staat dar, der über 40 Jahre um die Durchsetzung einer sozialistischen Ideologie und Identität bemüht war. Angesichts der Fülle an Material, das Schiermeyer auswertet, wäre eine Kontextualisierung innerhalb dieser Forschungsdebatten deshalb nicht nur naheliegend, sondern auch wünschenswert gewesen. Dennoch ist ihre Untersuchung ein wertvoller Beitrag zur weiterhin offenen "Widersprüchlichkeit der DDR".

Tilmann Siebeneichner