Rezension über:

Silvia Jacobs: Familie, Stand und Vaterland. Der niedere Adel im frühneuzeitlichen Mecklenburg (= Quellen und Studien aus den Landesarchiven Mecklenburgs und Vorpommerns; Bd. 15), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, 374 S., 60 Abb., ISBN 978-3-412-22210-9, EUR 49,90
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Rezension von:
Anke Hufschmidt
Hagen
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Anke Hufschmidt: Rezension von: Silvia Jacobs: Familie, Stand und Vaterland. Der niedere Adel im frühneuzeitlichen Mecklenburg, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/26554.html


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Silvia Jacobs: Familie, Stand und Vaterland

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Den Ausgangspunkt dieser 2010 an der Universität Rostock angenommenen Dissertation bildet die gedruckte Familienchronik des Jacob Friedrich Joachim von Bülow aus dem Jahr 1780. Dem umfangreichen Werk entnimmt Silvio Jacobs drei Begriffe, von denen er als Arbeitshypothese annimmt, dass sie das Denken und Handeln des mecklenburgischen Adels in der Frühen Neuzeit "in herausragendem Maße beeinflussten und steuerten" - Familie, Stand, Vaterland. Sie sollen in ihrer Genese betrachtet werden (11). Methodisch strebt der Verfasser einen an Pierre Bourdieu angelehnten kultursoziologischen Zugriff an, mit dem er Kultur- und Sozialgeschichte miteinander verbinden möchte und zwar in einer Kombination von makro- mit mikrohistorischer Analyse. Untersuchungsgegenstand sind dabei etwa einhundertfünfzig bis zweihundert Adelsgeschlechter, die im Durchschnitt in Mecklenburg im Untersuchungszeitraum begütert waren.

Aus der umfangreichen neueren Adelsforschung, deren Tendenzen auf knapp zweieinhalb Seiten mehr angedeutet als referiert werden, ließ sich offenbar für Mecklenburg keine konkrete Fragestellung generieren. Als ebenso wenig anregend erwies sich die Forschung zum mecklenburgischen Adel, die im Vergleich zu anderen regionalen Adelsgruppen viele Desiderate aufweist, obwohl die bereits von Karl Lamprecht geprägte Bezeichnung Mecklenburgs als "Adelsrepublik" auf die herausragende Bedeutung des niederen Adels für das Staatswesen schließen lassen könnte. So ist es vor allem Ziel der Arbeit, "zu allgemeingültigen Aussagen über das Phänomen adliger Existenz, das in Mecklenburg in besonderer Weise zutage trat, zu gelangen" (11).

Die Arbeit ist in drei Kapitel unter den Begriffen Familie - Stand - Vaterland gegliedert. Das Kapitel über die Familie enthält Aussagen zu familialer Repräsentation und Memoria, zum "familienhistorischen und -genealogischen Bewusstsein" sowie zu Erbstreitigkeiten. "Stand" wird unter den Aspekten mecklenburgische Adelskultur, Einkommen und Auskommen sowie Verflechtung und Interaktion behandelt. "Vaterland" schließlich ist in die Unterkapitel "Landesväter und Vaterlandsliebe" sowie "Landtag und Landespolitik" gegliedert.

Erfreulich ist, dass der Verfasser in seine Darstellung neben einer Vielzahl schriftlicher Quellen die dreidimensionale Überlieferung beispielsweise in Form von materieller Memoria (Epitaphien) und Gebäuden einbezieht, was insbesondere die Ausführungen zum familienhistorischen Bewusstsein sehr anschaulich werden lässt - auch wenn der Verlag leider nur bereit war, die Abbildungen in Schwarzweiß zu reproduzieren. Unter den nach den Überschriften klar gegliederten Kapiteln und Unterkapiteln verbirgt sich eine Vielzahl interessanter Quellenbefunde, die aber nicht unbedingt einen Bezug zum jeweiligen Thema aufweisen. Trotz oder vielleicht eher wegen der vielen geschilderten, potenziell aufschlussreichen Begebenheiten und Äußerungen zahlreicher Adliger gelingt es dem Verfasser kaum, eine stringente Argumentation zu entwickeln. Wiederholungen und Exkurse erschweren ebenso eine Zusammenfassung der Ergebnisse wie indifferente Einschätzungen, oft eingeleitet mit "nicht selten".

Zudem war sich der Verfasser etwas unsicher, wie die sich in mikrohistorischer Perspektive gewonnenen Einsichten auf die Gesamtgruppe übertragen und gegebenenfalls verallgemeinern lassen. Aufgrund des umfassenden Anspruchs, zahlreichen Entwicklungen in der personenreichen Gruppe des mecklenburgischen Adels nachspüren zu wollen, konnten viele Phänomene, über deren Ausprägung man im Vergleich zu anderen Adelslandschaften gern mehr erfahren hätte, nur angerissen und nicht mit der vielfach vorhandenen (Spezial-)Forschung verknüpft werden. Bedauerlich ist dies beispielsweise im Hinblick auf die Beteiligung des mecklenburgischen Adels an den frühneuzeitlichen Söldnerheeren, zu der es laut Fußnoten einige Quellen gibt. Hier wäre ein Vergleich mit dem gut erforschten Adel des Weserraums hinsichtlich der in Militärdiensten erzielten Einkünfte und deren Einsatz in der adligen Ökonomie aufschlussreich gewesen, um so die möglicherweise vorhandenen Besonderheiten des Mecklenburger Adels herauszuarbeiten. Wie überhaupt die ökonomische Grundlage von Familie und Stand sehr allgemein behandelt wird, der Abschnitt über Ein- und Auskommen (169¬-203) enthält kaum eine konkrete Angabe zu den finanziellen Dimensionen adligen Lebens. Dabei lässt sich etwa an den Brautschätzen, die zwischen den Familien ausgehandelt wurden, sehr gut ausloten, wo die Grenzen des "Standesgemäßen" und damit des Standes verliefen. Auch die Entstehung einer für den Adel so zentralen Einrichtung wie die des Fideikommisses wird nur sehr knapp referiert, aber in ihren Auswirkungen auf das System der adligen Familie kaum weiter problematisiert (118).

Trotz einer durchaus breiten Quellen- und Literaturgrundlage gelingt es dem Verfasser in seinem Resümee (313-318) nicht, Entwicklungslinien im Hinblick auf das Verständnis von "Familie", "Stand" und "Vaterland" in einem Untersuchungszeitraum von zweihundert Jahren aufzuzeigen und die Besonderheit des Mecklenburger Adels im Vergleich mit anderen regionalen Adelsgruppen herauszuarbeiten, was ohne die Einordnung seiner Beobachtungen in die neuere Adelsforschung allerdings auch schwierig ist. So bietet die Arbeit zahlreiche Anknüpfungspunkte für zukünftige Untersuchungen, denn sie enthält mit dem Dreiklang Familie - Stand - Vaterland vielleicht eher unbewusst ein Plädoyer für die engere Verknüpfung einer mikro- und sozialhistorisch orientierten Adels- und einer interdisziplinär angelegten Landesgeschichte.

Anke Hufschmidt