Rezension über:

Maria Giuseppina Muzzarelli (ed.): From Words to Deeds. The Effectiveness of Preaching in the Late Middle Ages (= Sermo: Studies on Patristic, Medieval, and Reformation Sermons and Preaching; Vol. 12), Turnhout: Brepols 2014, X + 252 S., ISBN 978-2-503-54925-5, EUR 75,00
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Rezension von:
Simon Falch
Lehrstuhl für Ältere deutsche Literaturwissenschaft, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Simon Falch: Rezension von: Maria Giuseppina Muzzarelli (ed.): From Words to Deeds. The Effectiveness of Preaching in the Late Middle Ages, Turnhout: Brepols 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/25478.html


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Maria Giuseppina Muzzarelli (ed.): From Words to Deeds

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In ihrem Stellenwert als mittelalterliches Massenmedium wird die Predigt zunehmend nicht nur von philologischen, sondern auch aus der Perspektive kulturgeschichtlich orientierter Disziplinen beachtet. [1] Die international und interdisziplinär ausgerichtete Reihe "Sermo" des Brepols-Verlags umfasst mit dem vorliegenden Sammelband zur 2010 an der Università di Bologna stattgefundenen Tagung "From Words to Deeds" zwölf Bände, die einen Einblick in den Stand der Forschung zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Predigt gewähren. Im Mittelpunkt der Beiträge des vorliegenden Bandes stehen spätmittelalterliche Sermones mendikantischer Provenienz, beispielsweise von Johannes Kapistran, Bernhard von Siena oder Bernhard von Feltre. Aufgrund der unterschiedlichen Ausrichtung der drei Sektionen wird dennoch eine breite Übersicht über aktuelle Fragestellungen und methodische Ansätze nicht nur zur franziskanischen Ordens- und Predigtgeschichte, sondern zum Stellenwert der Predigt im Mittelalter allgemein geboten.

In der ersten Sektion werden Predigten aus philologisch-rhetorischer und kommunikationstheoretischer Perspektive betrachtet. Wie und wodurch kommt die Überzeugungskraft des Vortrags zustande? Welche außertextuellen Belege lassen sich für die (Massen-)Wirksamkeit dieses Mediums finden? Die Beiträge von Letizia Pellegrini, Shunji Oguro, Pietro Delcorno und Elisa Tosi Brandi sind allesamt informativ, behandeln aber Spezialfälle, ohne mögliche Parallelen in anderen Sprachräumen aufzuzeigen. [2] So vermittelt der Aufsatz von Pellegrini zwar einen Einblick in das Zusammenspiel von Wort und "dispositifs non verbaux (gestes, silences, actes, objects)" (34) in der Predigtaufführung vor allem Bernhards von Siena, doch werden Parallelen zu anderen Predigern wie Berthold von Regensburg oder Johannes Geiler von Kaysersberg kaum hergestellt. Den Beobachtungen von Pellegrini, dass zum Gelingen einer Predigt insbesondere auch eine Affekt hervorrufende, nonverbal-theatralische Inszenierung beitragen kann, tut dies keinen Abbruch: Predigt ist sicher auch ein "rite performatif" (25). [3] Oguro stellt in seinem Beitrag "From Ears to Hand, from Hand to Heart" zwei Predigtmitschriften vor. Am Beispiel der ersten, anonym überlieferten Florentiner reportatio zeigt er, dass dem Schreiber trotz seines Bemühens um eine authentische Wiedergabe - selbst die Struktur des sermo modernus mit seiner divisio sei reproduziert worden (49, 54) - diese nur eingeschränkt gelang. Wie der Fall zeigt, ist stets mit Erinnerungs- und Verständnislücken in Predigtmitschriften zu rechnen, die hier vom Schreiber sogar explizit thematisiert wurden. Die Mitschrift wird so zum "self-dialogue" (50). Die reportatio Margheritas di Tommaso Soderini, der zweite von Oguro behandelte Fall, ist hingegen skizzenhaft. Der Verfasser macht hier deutlich, in welchem Maße Form und Stil der Mitschriften wesentlich von Bildung und Intentionen der Rezipienten abhängen: "In most cases the repetition is accompanied by modification, expansion, and eventually the writer's own interpretation of the preacher's words" (49). Ist die Schreiberin beziehungsweise der Schreiber also aufgrund fehlender "tools" nicht in der Lage, "to sufficiently reproduce the preacher's speech" (50), werden reportationes kaum dem unmittelbaren Predigtvortrag näher kommen als beispielsweise im Druck verbreitete volkssprachige Sermones. Nach wie vor dürfte gelten, dass es keine authentischen Mitschriften von Predigten im Mittelalter gibt. [4] Reportationes vermitteln, so die These von Oguro, aber einen Einblick in die Frömmigkeitspraxis "of rumination by writing" (59 f.), also von einer zunächst in Klöstern gepflegten Technik der Textaneignung, die schließlich auch von einer zunehmend alphabetisierten Öffentlichkeit praktiziert wurde. Dabei dürfte es sich um ein typisch städtisches und frühneuzeitliches Phänomen handeln (ebenda), das noch weitergehender Erforschung bedarf. Von großem Gewinn wäre daher eine Studie, die die bekannten Fälle von Predigtnachschriften im Kontext ihres Entstehungsumfeldes vergleichend untersucht. Auch steht mit den nun (2015) von Williams-Krapp und Freienhagen-Baumgardt herausgegebenen Augsburger Predigten Johannes Geilers von Kaysersberg [5] eine exzellente Edition zur Verfügung, die sich als Referenz anbietet.

Jussi Hanska, Alberto Cadili, Marina Montesano und Yoko Kimura diskutieren in der zweiten Sektion die Bedeutung der Predigt für die Gesellschaft. Hanska verdeutlicht in seinem Beitrag "Mendicant Preachers as Disseminators of Anti-Jewish Literary Topoi", "that mendicant preaching was the most important means of communication in the thirteenth century and the closest equivalent to modern mass communication that medieval society could offer" (117). Damit unterstreicht er die schon früher beispielsweise durch Schütz oder D'Avray [6] erkannte Bedeutung dieser Gattung. Kimura stellt in seinem Beitrag die pazifizierende Funktion der Predigt dar. Wichtigste Strategie von Predigern wie Bernhard von Siena und Bernhard von Feltre sei dabei die Wahrung von Neutralität: "he did not support any faction but simply advocated unity and harmony under God" (175). Der Fall des "peace-preaching" illustriert dabei grundsätzliche Wirkungs- und Funktionsweisen der Predigt: "We can see the way peace-preaching was inherited over generations as a 'long-term continuum'" (176). Die Bedeutung der Gattung Predigt für die Tradierung und Vermittlung religiösen und säkularen Wissens, für die Stabilität der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft, für "Kontrolle und Normierung" [7] wird daher zu Recht auch für das Spätmittelalter - und nicht erst mit der Reformation einsetzend - betont.

Weil das 15. Jahrhundert, mit den zahlreich eingerichteten und von Weltgeistlichen versehenen Prädikaturen, eben eine Umbruchsepoche "der Predigtrealisierung" darstellt [8], wäre zu wünschen gewesen, dass in den Beiträgen von Ippolita Checcoli, Mara Ioriatti und Fabio Giunta in der dritten Sektion auf die Austauschbeziehungen zwischen Mendikanten und Weltklerikern eingegangen worden wäre. Auch Bert Roest, der in seinem Aufsatz "Franciscan Preaching in Germany and the Low Countries c. 1450-1550" genau jene Zeit fokussiert, lässt die Prädikaturen außen vor, obwohl gerade die Rezeption lateinischer Musterpredigten wie beispielsweise des Dormi secure Johanns von Werden (188) durch den Weltklerus [9] die von ihm überzeugend dargelegte These der anhaltenden Bedeutung der Bettelordenspredigt vor, während und nach der Reformation stützt. Besonders zuzustimmen ist Roest darin, dass es ein "lack of serious engagement with the many surviving Catholic sermon collections" zu beheben gilt.

Der von Maria Giuseppina Muzzarelli herausgegebene Sammelband und die Einleitung, die die Heterogenität der Beiträge zusammenzuführen versteht, leisten einen wichtigen Beitrag zur Schließung der Forschungslücken über die vormoderne Predigt.


Anmerkungen:

[1] Siehe etwa Jörg Oberste: Zwischen Heiligkeit und Häresie. Religiosität und sozialer Aufstieg in der Stadt des hohen Mittelalters, Bd. 1: Städtische Eliten in der hochmittelalterlichen Kirche, Bd. 2: Städtische Eliten in Toulouse (= Norm und Struktur; Bd. 17), Köln / Weimar / Wien 2003. Zu "Prediger und Predigtpraxis" siehe auch die Beiträge in: Volker Mertens u. a. (Hgg.): Predigt im Kontext, Berlin / Boston 2013.

[2] Regina D. Schiewer: Die deutsche Predigt um 1200. Ein Handbuch, Berlin / New York 2008.

[3] Zur Predigt als Ritual siehe Bernhard Lang: Predigt als 'intellektuelles Ritual'. Eine Grundform religiöser Kommunikation kulturwissenschaftlich betrachtet, in: Peter Strohschneider (Hg.): Literarische und religiöse Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Berlin / New York 2009, 292-323.

[4] Regina D. Schiewer / Hans-Jochen Schiewer: Predigt im Spätmittelalter, in: Franz Simmler (Hg.): Textsorten und Textallianzen um 1500. Teil 1: Literarische und religiöse Textsorten und Textallianzen um 1500 (= Berliner Sprachwissenschaftliche Studien; Bd. 20), Berlin 2009, 727-771, hier 727.

[5] Kristina Freienhagen-Baumgardt / Werner Williams-Krapp (Hgg.): Johannes Geiler von Kaysersberg. Die Augsburger Predigten (= Deutsche Texte des Mittelalters; Bd. 92), Berlin / München / Boston 2015.

[6] Werner Schütz: Geschichte der christlichen Predigt, Berlin, New York 1972 (Sammlung Göschen; 7201), 77; David L. D'Avray: The Preaching of the Friars. Sermon diffused from Paris before 1300, Oxford 1985, 6 f.

[7] Thomas Ertl: Religion und Disziplin. Selbstdeutung und Weltordnung im frühen deutschen Franziskanertum (= Arbeiten zur Kirchengeschichte; Bd. 96), Berlin 2006, 40. Besprochen von Markus Schürer: http://www.sehepunkte.de/2007/06/12149.html.

[8] Rudolf Kilian Weigand: Historiographie, Exempel und Predigt. Kommunikationsinstrumente in funktionaler Verflechtung. Literatur und mediale Inszenierung, in: Cristina Andenna / Klaus Herbers / Gert Melville (Hgg.): Die Ordnung der Kommunikation und die Kommunikation der Ordnungen. Bd. 1: Netzwerke: Klöster und Orden im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts (= Aurora, Schriften der Villa Vigoni; Bd. 1,1), Stuttgart 2012, 181-202, hier 202.

[9] Ildikó Bárczi: Predigt als Hypertext. Hypertextualität als Schlüssel zum Verständnis der spätmittelalterlichen Predigt, in: Pál Kelemen / Ernö Kulcsár-Szabó / Ábel Tamás (Hgg.): Kulturtechnik Philologie. Zur Theorie des Umgangs mit Texten (= Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften; Bd. 131), Heidelberg 2011, 277-290, hier 277.

Simon Falch