Rezension über:

Angelica Baum / Birgit Christensen (Hgg.): Julie Bondeli. Briefe, Zürich: Chronos Verlag 2012, 4 Bde., 1599 S., ISBN 978-3-0340-1083-2, EUR 140,00
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Rezension von:
Gabriele Jancke
Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Gabriele Jancke: Rezension von: Angelica Baum / Birgit Christensen (Hgg.): Julie Bondeli. Briefe, Zürich: Chronos Verlag 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/23198.html


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Angelica Baum / Birgit Christensen (Hgg.): Julie Bondeli

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Mit dieser vorbildlichen Edition liegen nunmehr sämtliche erhaltenen bzw. auffindbaren Briefe der bedeutenden Schweizer Aufklärerin, Philosophin und Salonnière Julie Bondeli gedruckt und ausführlich kommentiert vor. Ein umfangreiches und inhaltlich vielfältiges Quellenkorpus ist damit zugänglich geworden, das in vielen Bereichen neue Einsichten ins 18. Jahrhundert zu geben vermag - Geselligkeit, Briefkultur, dialogisches Denken, Gelehrtenwelt, um nur einige wenige zu nennen. Aus diesen Briefen lassen sich nicht zuletzt wichtige Aufschlüsse über die Aufklärung gewinnen, so etwa zu den von unterschiedlichen Akteuren und Akteurinnen favorisierten, debattierten und praktizierten In- und Exklusionsmechanismen oder zur Verflechtung des Denkens mit sozialen Beziehungen und Lebensformen. Insbesondere kreiste Bondelis Denken und Argumentieren auch um Geschlechterverhältnisse.

Die Berner Patriziertochter Bondeli (1732-1778), die das "Selbstdenken" längst vor Kants entsprechender Formulierung (1784 in: Was ist Aufklärung?) als ein leitendes Prinzip ihres Lebens betrachtete, mochte ihre Gedanken, Urteile und Kritiken nicht in gedruckter Form veröffentlichen. Aber sie schrieb Briefe, in denen sie ihren zahlreichen Korrespondenzpartnerinnen und -partnern ihre Gedanken zu vielen Themen und Büchern mitteilte. Sämtliche Briefe sind auf Französisch geschrieben - für Bondeli, wie sie erklärte, die erste Sprache, die sie erlernte. Ihre Briefe u.a. an Sophie von La Roche, Christoph Martin Wieland, Jean-Jacques Rousseau, Leonhard Usteri, Johann Georg Zimmermann, Albrecht von Haller, Suzanne Curchod verheiratet Necker, Johann Caspar Lavater und viele andere wurden weiter gereicht, abgeschrieben, als Schätze aufbewahrt, in einem Fall auch ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen publiziert. Bondeli erfreute sich zu Lebzeiten einer weit ausstrahlenden Wirkung, die sich in einem anhaltenden Interesse an ihrer Person und ihren Briefen auch durch das ganze 19. und frühe 20. Jahrhundert hindurch fortsetzte. Sie hat kein publiziertes Werk hinterlassen - aber die Briefe sind ihr Werk, wie diese Edition auf eindrucksvolle Weise deutlich macht. Damit steht Bondeli in einer langen Tradition der Brieflichkeit eines denkerischen Werkes - von den antiken Pythagoräerinnen wie Theano oder anderen antiken Philosophen wie Epikur über Hildegard von Bingen bis hin zur Aufklärung, als deren wichtigste deutsche Briefschreiberin Bondeli selbst bereits bezeichnet worden ist (vgl. 57), und darüber hinaus.

In Bondelis Briefen finden sich Erörterungen des Zeitgeschehens, Überlegungen zu Medizin, Ökonomie, Geschlechterverhältnissen, Religion ebenso wie Besprechungen neu erschienener Bücher oder Informationen zur Kindererziehung nach rousseauschen Grundsätzen in verschiedenen Berner Patrizierhaushalten. Einen Schwerpunkt der brieflich verhandelten Themen macht Geselligkeit mit ihren Praktiken und Akteurinnen und Akteuren aus - eine Fundgrube für die Forschung zur aufklärerischen Soziabilität, die u.a. zu den Geschlechterverhältnissen bereits wichtige Erkenntnisse aus diesem Korpus hat ziehen können. Die Korrespondenz zeigt, dass es neben Bondeli noch viele andere gelehrte Frauen gab, sowohl aus patrizischen Kreisen wie sie selbst (darunter etwa Marianne Fels) als auch aus Gelehrtenhaushalten (etwa Suzanne Curchod, verheiratet Necker). Geselligkeit und Haushalte ebenso wie weitverzweigte Netzwerke waren, so wird Seite für Seite deutlich, für diese Frauen auch zentrale soziale Felder ihrer eigenen, zum Teil inklusiven Gelehrtenkultur mit Geschlechtermischung und / oder sozialer Offenheit. Zeitlebens sah Bondeli eine unverheiratete Existenz als gelehrte Frau zusammen mit dem Beziehungstyp der Freundschaft als ihre zentralen sozialen Orientierungen an. Damit verfolgte sie eine dezidierte Vision von Gesellschaft und Geschlechterverhältnissen, die es genauer auszubuchstabieren lohnt. Sie versuchte dieses Konzept in einer realen sozialen Umwelt zu leben, die einer solchen Lebensform nur bedingt und für kurze Zeit günstig war.

Die Herausgeberinnen, beide promovierte Philosophinnen, haben in jahrelanger mühevoller Arbeit die noch auffindbaren 387 Briefe Bondelis zusammengesucht, ausführlich und detailliert kommentiert, im ersten Band mit einer Einleitung versehen und im letzten der vier Bände aufwändig zur Benutzung erschlossen. [1] In der Einleitung werden auch alle Briefwechsel Bondelis mit aufgeführt, die sich aus der erhaltenen Korrespondenz nur noch erschließen lassen. Ihr eigener Nachlass ist komplett verloren; nicht mehr auffindbar sind etwa die Korrespondenzen mit ihren engsten Berner Freundinnen und Freunden und mit Verwandten. Daraus ergibt sich, dass die vorliegenden drei Briefbände (der vierte Band der Edition enthält Apparate) nur einen kleinen Teil der tatsächlich geführten Korrespondenz ausmachen und auch in sich nicht vollständig sind; so fehlen sämtliche Briefe der Briefpartnerinnen und Briefpartner (die sich wohl in Bondelis eigenem Nachlass befunden haben). Der wichtige vierte Band schließlich enthält neben einer ausführlichen Erläuterung der Editionsprinzipien eine Reihe von Apparaten, mit denen die Brieftexte erst in ihrer Fülle an Informationen für weitere Arbeiten nutzbar werden: ein chronologisches Briefverzeichnis, ein Briefverzeichnis nach Adressatin und Adressat bzw. Schreiberin und Schreiber, ein Ortsverzeichnis, ein Personenverzeichnis, eine Liste der in den Briefen erwähnten Literatur und ein Verzeichnis der verwendeten Sekundärliteratur. Ferner ist die zu Bondeli bereits erschienene Literatur aufgelistet, aus der einerseits ein fast kontinuierlich bis in die Gegenwart reichendes Interesse an ihr erkennbar wird, andererseits aber auch, dass die wissenschaftliche Erforschung dieser aufklärerischen Philosophin und ihrer Briefe noch in den Anfängen steht. Vor allem die Herausgeberinnen selbst sowie Brigitte Schnegg und Wolfram Malte Fues haben in verschiedenen Aufsätzen bereits wichtige Beiträge geleistet.

Angelica Baum und Birgit Christensen ist für diese vorzügliche Edition des Werkes einer bedeutenden Aufklärerin zu danken, die es heute neu zu entdecken gilt und mit ihr viele noch wenig bekannte Facetten ihrer Zeit. Die Ausgabe stellt die Voraussetzungen dafür bereit, Bondelis Briefwerk in den Kontext anderer gelehrter Frauen und ihrer Selbstzeugnisse wie etwa Dorothea Friederike Baldinger zu stellen, aber auch insgesamt im Kontext der Aufklärung und ihrer philosophischen Impulse zur Veränderung von Gesellschaft und persönlichen Lebensformen zu verorten.


Anmerkung:

[1] Trotz großer Sorgfalt sind einige kleine Versehen stehen geblieben. Angemerkt seien hier zwei Kurztitel aus der Einleitung, die nicht mit vollständigen Literaturangaben ins Literaturverzeichnis übernommen wurden: Ludwig Felix Ofterdinger: Erinnerungen an Ludmilla Assing, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 40 (1886), Nr. 76, 401-424 (56 Anm. 257, dort als "Ofterdinger (1886)" aufgeführt); Berndt Tilp (Hg.): Karl August Varnhagen von Ense / Heinrich Düntzer: "durch Neigung und Eifer dem Goethe'schen Lebenskreis angehören". Briefwechsel 1842-1858, Bd. 1: Einführung und Text, Bd. 2: Kommentar, Frankfurt a. M. etc. 2003 (60 Anm. 288, dort als "Tilp (2002)" genannt).

Gabriele Jancke