Rezension über:

Michael Hesse: Handbuch der neuzeitlichen Architektur, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012, 400 S., ISBN 978-3-534-21777-9, EUR 49,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jarl Kremeier
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Jarl Kremeier: Rezension von: Michael Hesse: Handbuch der neuzeitlichen Architektur, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/22003.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Michael Hesse: Handbuch der neuzeitlichen Architektur

Textgröße: A A A

Michael Hesses Buch stellt auf 400 Seiten im Großoktav nahezu alle Aspekte vor, die sich mit dem neuzeitlichen Architekturgeschehen Europas verbinden lassen. Die herangezogenen Beispiele reichen von Brunelleschis 1419 begonnenem Florentiner Findelhaus bis zum 1883 vollendeten Justizpalast Poelaerts in Brüssel. Einige nicht mehr existierende, entwicklungsgeschichtlich aber wichtige Bauten sind ebenfalls aufgenommen, wie zum Beispiel die Berliner Münze von Gentz 1798. Mit der Epoche der 'Frühen Neuzeit' schließt der Band einerseits an Matthias Untermanns Handbuch der mittelalterlichen Architektur (Darmstadt 2009) an, andererseits kann eine Darstellung des "Vitruvianismus" von der Renaissance über Barock und Rokoko zum Klassizismus und Historismus erwartet werden.

Einen Überblick über das Gebotene und seine Gliederung liefert das vierseitige Inhaltsverzeichnis, dessen eingehende Lektüre zum Verständnis des Buch-Aufbaus empfohlen sei. Der Band besteht aus zwei Hauptteilen: Der erste, etwas umfangreichere, behandelt "Bautypen und Bauaufgaben" (19 bis 242), der zweite die Gestaltungsmittel der Architektur als Kompositionen unter der Überschrift "Bauformen, Bautechnik und Architekturtheorie" (243 bis 374). Ein knappes Glossar, sechzehn Seiten Literaturverzeichnis (in der Gliederung der vorherigen Kapitel) und ein Ortsregister schließen den Band ab. Ein Schlagwortverzeichnis ermöglicht das Auffinden der nicht mit Seitenzahlen versehenen Querverweise, ein Namensregister gibt es nicht.

Der erste Teil zu den Bauaufgaben beginnt in traditioneller Weise mit einer Darstellung des Kirchenbaus, geht über den öffentlichen Profanbau und die Militärarchitektur zum privaten Profanbau und schließt mit Kapiteln zur Gartenkunst und Urbanistik. Als Beispiel für die Binnendifferenzierung sei das Kapitel zum Kirchenbau zitiert: Das Material wird einmal nach Bautypen behandelt (Basilika, Hallenkirche, Saalkirche, Zentralbau, Synthese von Zentral- und Longitudinalbauten), und ein zweites Mal nach Funktionen (Bischofskirche, Klosterkirche, Wallfahrtskirche, Pfarrkirchen nach Glaubensrichtungen, Hofkapellen). Dazwischen geschaltet ist ein Kapitel zu Fassaden, Türmen und der Innenraumdisposition.

Der zweite Teil ist in acht Kapiteln künstlerischen und baupraktischen Fragen gewidmet: Ausgehend von "grundlegenden Gestaltungsmitteln" (Gesamtanlage, Säulenordnungslehre und Außen-Gliederungen) werden Fundament und Wand (II. Kapitel) behandelt, Decken- und Kuppelformen (III) und Dächer (IV). "Motive und Stilelemente" und das "Ornament" sind zwei zusammengehörige Kapitel (V und VI), "Material und Bautechnik" sowie "Baubetrieb" (VII und VIII) beenden diesen Teil.

In den immer gleich aufgebauten und sprachlich angenehm nüchtern gehaltenen Artikeln folgt auf eine einleitende Definition die kommentierende Nennung von Beispielen, abgeschlossen von einer in anderer Type gedruckten Liste der behandelten Bauten mit Architektennamen und Baudaten zur schnelleren Übersicht bei der Suche nach weiteren und detaillierteren Informationen. Der Band stellt sich so als ein Wörterbuch der Architektur dar, wie es die besprochene Epoche selbst gelegentlich hervorgebracht hat, allerdings nicht alphabetisch, sondern systematisch nach Bauaufgaben und Gestaltungsmitteln geordnet.

Die Netze für die herangezogenen Beispiele wurden weit geworfen und die durchwegs guten Schwarz-Weiß-Abbildungen zeigen nicht nur fast alle anerkannt wichtigen Bauten, sondern nehmen oft das Entlegenere mit ins Bild und liefern so einen ausgezeichneten Blick auf das architektonisch Mögliche. Die unvermeidliche Subjektivität der Auswahl kommentiert Hesse augenzwinkernd mit dem Eingeständnis, dass er "einen schönen Tag lieber mit Palladio oder Gabriel verbringt als mit Michelangelo oder Pöppelmann" (10). Die meisten Beispiele kommen aus Italien und den Territorien des Heiligen Römischen Reiches (und seiner Nachfolgestaaten), Frankreich ist angesichts der Forschungen Hesses erwartungsgemäß gut vertreten. Das habsburgisch geprägte Mitteleuropa tritt etwas zurück und 'schöne Tage' hat der Autor offenbar auch in Großbritannien verbracht, dessen Architektur mit erfreulich vielen Beispielen hier einmal seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt wird.

Die systematische Ordnung nach Bauaufgaben - und damit nach Funktionen - bewirkt eine starke kulturgeschichtliche Verankerung und betont die Rolle des Auftraggebers. Nicht abgebildet werden in dieser Systematik stilistische Entwicklungen und Unterschiede. Nur der "Historismus" hat ein eigenes Kapitel erhalten und zum Verständnis der lokalen oder personalen Zusammenhänge innerhalb der langen Epoche der frühen Neuzeit müssen zusätzliche Bücher herangezogen werden, die über das Literaturverzeichnis leicht zu finden sind. [1]

Im Hinblick auf ihre Bedeutung in Architekturlehre und Anwendung ist die Behandlung der Säulenordnungen etwas knapp ausgefallen (252 bis 266). Zwar wird darauf hingewiesen, dass jeder Ordnung eigene proportionale Verhältnisse zugehören, die auch die übrigen Gliederungselemente und Zierformen bestimmen (254), aber die Proportionen als solche, ihre Rolle im Entwurfsprozess und der konkrete Zusammenhang mit den Zierformen werden nicht diskutiert.

Kleinere Versehen sind bei einem so materialgesättigten Werk wohl unvermeidbar und beeinträchtigen die Gesamtleistung nicht. [2] Und so bleibt nur bedauerlich, dass das Buch sein Potential in einem Punkt nicht ausschöpft: Für die Benutzung als eher nicht 'von Deckel zu Deckel' gelesenes Handbuch ist der Verzicht auf Querverweise zu den Abbildungen nachteilig. Viele Bauten stehen für verschiedene Phänomene auch außerhalb der Stelle, an der sie im Buch als Abbildung erscheinen und ein entsprechender Verweis hätte den Zusammenhang anschaulich werden lassen. Dafür zwei Beispiele: Im Kapitel "Baumeister, Architekt" wird das Phänomen des Kavaliersarchitekten unter anderem mit Lord Burlington illustriert und dessen Chiswick House genannt (364). Ein Text-Querverweis leitet den Leser völlig richtig zum Artikel "Country House" (148) - nötig gewesen wäre aber ein Bild-Querverweis zum Artikel "Palladio-Rezeption", bei dem Chiswick abgebildet ist (328). Im Falle von Schinkels Friedrichwerderscher Kirche in Berlin wird die intelligente Unterbringung sowohl eines Entwurfes (321 unter "Thermensaal") wie der Ausführung (333 unter "Neugotik") ohne einen Querverweis verschenkt.

Ungeachtet dieser Einwände ist Hesses Handbuch eine willkommene Aufforderung und Anleitung zum systematischen Sehen von Architektur und zum besseren Verständnis der gebauten Umwelt, der Kulturdenkmäler und ihrer Geschichte. Man wünscht dem Band viele Leser, vor allem außerhalb der Architekturforschung und Kunstgeschichte im engeren Sinne.


Anmerkungen:

[1] Etwa Hubertus Günther: Was ist Renaissance. Eine Charakteristik der Architektur zu Beginn der Neuzeit, Darmstadt 2009; oder Stefan Hoppe: Was ist Barock. Architektur und Städtebau Europas 1580-1770, Darmstadt 2003.

[2] So ist Peter Speeths Würzburger Zuchthausbau aus nach-fürstbischöflicher Zeit nicht unter "Gefängnis" genannt, sondern in den Artikel "Kaserne" geraten (131), wiewohl die benachbarte ehemalige Kaserne bereits 1787 zum Gefängnis umgewidmet wurde und Speeths Bau dazu eine Erweiterung war.

Jarl Kremeier