Rezension über:

Anita Beloubek-Hammer (Hg.): Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2015, 240 S., ISBN 978-3-7319-0196-9, EUR 29,95
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Rezension von:
Sören Fischer
Klosterkirche und Sakralmuseum St. Annen, Städtische Sammlungen, Kamenz
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Sören Fischer: Rezension von: Anita Beloubek-Hammer (Hg.): Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/27122.html


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Anita Beloubek-Hammer (Hg.): Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich

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Rund 25 Jahre nach dem Unfalltod des thüringischen Zeichners und Grafikers Gerhard Altenbourg (1926-1989) ist dessen Werk und das mit ihm feinmaschig verwobene Schicksal eines Künstlers, der sich Zeit seines Lebens als äußerst produktiver wie kreativer Außenseiter gegen die offizielle Kultur- und Kunstpolitik und die mit ihr verbundene Bildernorm der DDR zu behaupten wusste, durch bedeutende Ankäufe und Schenkungen sowie Ausstellungen und Kataloge verdienter Maßen wieder in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit getreten.

So gelang im Jahr 2012 dem Dresdener Kupferstich-Kabinett mit Unterstützung des Freistaates Sachsen und des damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien der Ankauf eines umfassenden Konvoluts von Unikat-Künstlerbüchern und Zeichnungen des malenden Bildpoeten Gerhard Altenbourg. Diese Erwerbung aus der Sammlung von Heidi und Dieter Brusberg wurde durch Schenkungen des Galeristen erweitert. 2014 glückte dann dem Lindenau-Museum in Altenburg, das bereits 2010 die Altenbourg-Arbeiten aus der Privatsammlung von Wilfried und Astrid Rugo übernehmen konnte, der Ankauf eines 1961 entstandenen Holzdruck-Unikats mit dem später vergebenen Titel "Die geborstenen Zinnen von Troja"; eine kapitale, durch die Ernst von Siemens Kunststiftung ermöglichte Erweiterung des dortigen Altenbourgbestands.

In nur wenigen Jahren gelang den grafischen Sammlungen auf diese Weise eine wesentliche Vermehrung und eine dauerhafte Überführung von Altenbourgs Arbeiten aus Privatbesitz hinein in das öffentliche Museum.

Diese kluge und weitsichtige Ankaufspolitik, die durch die enge Zusammenarbeit zwischen Museen und Stiftungen getragen wurde und wird, konnte mit Blick auf Gerhard Altenbourg jüngst erfolgreich vom Berliner Kupferstichkabinett fortgesetzt werden. Gefördert von der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Kulturstiftung der Länder erwarben die Staatlichen Museen zu Berlin aus dem Besitz des schwedischen Sammlerpaares Solgärd und Rolf Walter Zeichnungen, Lithografien, Holzschnitte und Künstlerbücher aus allen Schaffensjahrzehnten Altenbourgs. Diese Neuerwerbung, durch Dauerleihgaben bereichert, wurde 2015 unter dem Titel "Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich" in den Räumen des Berliner Kupferstichkabinetts erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt (20.3. bis 7.6. 2015). Zur Sonderausstellung erschien im Michael Imhof Verlag der gleichnamige Katalog, der den Berliner Altenbourgbestand mit seinen mehr als 180 Arbeiten in Farbe abbildet und somit auch über die ephemere Ausstellung hinaus erfahr-, erleb- und erforschbar macht.

Der 240 Seiten starke Hardcoverkatalog wurde von der Herausgeberin Anita Beloubek-Hammer, die als Kuratorin ebenfalls die Ausstellung verantwortete, in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil (6-45) geben von Beloubek-Hammer, Rolf Walter und Benjamin Rux verfasste Aufsätze, die von Texten Gottfried Benns und Gerhard Altenbourgs begleitet sind, Einblicke in das Werk des auch international geehrten bildnerischen Poeten. Mit der Überschrift "Bilder und Texte 1948-1988" schließt sich der Hauptteil des Buches an (46-218). Dieser bildet, geordnet nach künstlerischen Techniken, alle Berliner Werke Altenbourgs großformatig (oft ganzseitig) und in sehr guter Druckqualität ab. Einige Blätter scheinen aber leider arg beschnitten zu sein, sodass die für Altenbourg typischen und von ihm geliebten rauen, faserigen Büttenränder nicht mehr zu sehen sind (z.B. 156, 166, 167). Auch hätte man, um unnötige Verschattungen zu vermeiden, die Blätter beim Layouten komplett freistellen sollen, anstatt die Unterkartons (wie teils geschehen) mit abzubilden (z.B. 145). Sehr überzeugend wurde dies etwa bei den Arbeiten "Vogelflug landeinwärts" und "Das Lager der Eva" (104, 105) durchgeführt. Gerade das Freistellen offenbart sich hier für die feinen zeichnerischen Werke als großer visueller Gewinn.

Neben Bekanntem ermöglicht der Bildkatalog auch immer wieder Entdeckungen künstlerisch herausragender und bisher so nicht zugänglicher Einzelblätter. Erwähnt seien an dieser Stelle exemplarisch das Aquarell "Gehemmter Sprung" von 1951 (95) sowie die übermalte Lithografie "Unermeßlich, das herüberschaut" von 1974 (116), die aufgrund ihrer Leuchtkraft und zeichnerischen Qualität zu den Highlights des Bestands zu zählen sind. Stellungnahmen Altenbourgs zu den jeweiligen Techniken sowie erläuternde, bereits an anderen Orten zuvor publizierte Texte weiterer Autoren, beispielsweise von Lothar Lang und Thomas Ranft, sind hier zwischengeschaltet und funktionieren als sinnvolle, weil inhaltliche Ergänzungen der Bilder. Ein klar gegliedertes Bestandsverzeichnis bildet den Abschluss (219-233).

Gleich zu Beginn würdigt die Publikation Altenbourg als einen Künstler, "der ohne Zweifel bereits seit seinem in der Nachkriegszeit entstandenen, phänomenal starken Frühwerk eine singuläre Bedeutung für die gesamtdeutsche Kunstentwicklung besaß." [1] Gemeint sind damit insbesondere die verstörenden, schonungslosen Bildschöpfungen der um 1950 behandelten Ecce-Homo-Thematik, welcher der Katalog einen eigenen Abschnitt widmet (48-55, sowie thematisch sich anschließend 56-85). In einer Zeit, in der das Leben eher durch eine Verdrängung zurückliegender Gräuel erträglich schien, zeugen Altenbourgs Arbeiten - so etwa die 1949 entstandenen Zeichnungen "Mein Bruder, das fraßlüsterne Schwein, frißt immer noch" (50) oder "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen" (91) - mit ihren vielfach gebrochenen, zum Teil abstoßenden Menschendarstellungen, davon, dass die Papieroberfläche Altenbourg in diesen Jahren auch Raum für eine Verarbeitung seiner traumatischen Kriegs- und Soldatenerlebnisse war. Diese im Katalog vertretenen Arbeiten, die in ihrer Stärke nur mit den Weltkriegsbildern von George Grosz und Otto Dix zu vergleichen sind [2], erlauben durch ihre Konzentriertheit wie bisher nur selten einen tiefen Einblick in den Verlust des Ideals eines heilen Menschen und bestätigen die These Armin Zweites, dass es Künstlern wie Altenbourg durch diese Bilder möglich war, "Abstand von den Erfahrungen zu gewinnen". [3]

Neben dem einführenden Essay von Beloubek-Hammer (8-16), der u.a. die besondere Verbundenheit Altenbourgs mit dem Dichterwerk von Gottfried Benns unterstreicht sowie Altenbourgs Verflechtung mit der französischen Nachkriegskunst, etwa Jean Dubuffet, anreißt (hier gibt es zukünftig noch viel von der Forschung zu entdecken), sei besonders der Bericht von Rolf Walter, geboren in Zwickau und nach Schweden emigriert, erwähnt (19-27).

Bereits 1966 war er gemeinsam mit seiner schwedischen Frau Solgär auf Altenbourg aufmerksam geworden und hatte 1969 begonnen, dessen Blätter (aber auch Schmuck) zu sammeln. Walters Text ergänzt nicht nur eindrücklich das Bild vom vitalen Netzwerk Altenbourgs und seiner freundschaftlichen Verbundenheit mit verschiedenen Sammlern außerhalb der "sozialistischen" Länder, er unterstreicht zudem, dass er ohne diese westlichen Partner nicht derart produktiv hätte arbeiten können. Vergleichbar mit dem Düsseldorfer Sammlerpaar Wilfried und Astrid Rugo, dem Wolfenbütteler Bibliotheksdirektor Erhart Kästner oder seinem West-Berliner Galeristen Dieter Brusberg versorgten auch die Walters den Künstler über Jahre hinweg mit Farben, Ausstellungskatalogen, Literatur sowie Dingen des täglichen Bedarfs, die in der "Mangelwirtschaft" schlecht zu bekommen waren. [4] Altenbourg stellte regelrechte, mit der Hand geschriebene Wunschlisten auf, die ebenfalls im Katalog abgedruckt sind.

Abschließend bleibt zu sagen, dass sich der hier besprochene Katalog mit seinen sehr guten Reproduktionen als gelungene Erweiterung des zwischen 2004 und 2010 in drei Bänden von Annegret Janda und Gudrun Schmidt (Band III) vorgelegten Werkverzeichnisses präsentiert. Aber wie stets, wenn ein Projekt erfolgreich beendet wurde: Für die Forschung sind bezogen auf das Schaffen von Altenbourg noch viele Fragen offen, zentrale Fragen (wie auch von Schulze-Altcappenberg während der Ausstellungseröffnung formuliert) noch nicht gestellt, bzw. gefunden. Hier aber wird sicherlich die aktuelle Erschließung des Nachlasses in Altenbourgs Wohnhaus am Braugartenweg in Altenburg neue Impulse setzen. Es bleibt zu hoffen, dass es zukünftig weitere so überaus gelungene Kataloge wie "Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich" geben wird, die als Anreize wirken, sich mit dem Werk Altenbourgs näher auseinanderzusetzen, und welche die Museen und ihr Publikum zugleich motivieren, mehr Altenbourg in ihren Räumen zu sammeln, zu zeigen und sehen zu wollen.


Anmerkungen:

[1] Heinrich Schulze-Altcappenberg: Gerhard Altenbourg zum 25. Jahr der Deutschen Einheit. Ein Vorwort, 6.

[2] Vgl. hier Michael Hering: "Der Mensch dem Menschen das Fremdeste" oder Anmerkungen zu Gerhard Altenbourgs erstem Malerbuch "Dulce et Decorum", in: terra Altenbourg. Die Welt des Zeichners, Bestandskatalog, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, hgg. v. Bernhard Maaz / Daniela Günther / Sören Fischer, Berlin 2014, 65-81, hier 67-71.

[3] Armin Zweite: Vorwort, in: Gerhard Altenbourg. Im Fluß der Zeit, Ausstellungskatalog, K20 Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen Düsseldorf, Kupferstich-Kabinett Dresden, Staatliche Graphische Sammlung München, München u.a. 2003, 17-28, hier 18.

[4] Zur Papierbeschaffung siehe bes. Sören Fischer: Bütten, Japanpapier, Karton. Zum Papier als Objekt und Ort bei Gerhard Altenbourg, in: Kat. Dresden 2014, 150-162.

Sören Fischer