Rezension über:

Danielle Jacquart: Recherches médiévales sur la nature humaine. Essais sur la réflexion médicale (XIIe-XVe s.) (= Micrologus Library; 63), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzzo 2014, XII + 478 S., ISBN 978-88-8450-578-1, EUR 85,00
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Rezension von:
Mariacarla Gadebusch Bondio
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Technische Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Mariacarla Gadebusch Bondio: Rezension von: Danielle Jacquart: Recherches médiévales sur la nature humaine. Essais sur la réflexion médicale (XIIe-XVe s.), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzzo 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/26514.html


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Danielle Jacquart: Recherches médiévales sur la nature humaine

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In diesem Band der erlesenen Reihe Micrologus' Library sind 18 Aufsätze von Danielle Jacquart versammelt, die zwischen 1993 und 2013 entstanden sind. Der Titel Mittelalterliche Untersuchungen über die Natur des Menschen. Essays zur Medizin (XII.-XV. Jh.) steht für ihr "programme intellectuel", das sich in das von Agostino Paravicini Bagliani 1993 initiierte Micrologus-Projekt einschreibt.

Von der Antike bis zur Frühen Neuzeit stützt sich die Reflexion auf das griechische und arabische Erbe der Medizin. Der medizinische Diskurs über den Menschen in seiner Beziehung zur Natur verzweigt sich und tangiert eine Reihe von Disziplinen, die der Medizin nahe stehen, wie die Physiognomie, Naturphilosophie, Astrologie und Alchimie.

Die Mediziner, denen Jacquart ihre ganz individuelle Stimme zurückgibt, sind mittelalterliche und humanistische Gelehrte, Vertreter jener medizinischen Kultur, die sich vorrangig in den französischen und italienischen medizinischen Fakultäten zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entfaltete. Einige von ihnen waren an Höfen oder in Klöstern tätig. In Fragmenten von Vorlesungsmitschriften (reportationes) und Promotionsverteidigungen (disputationes), in Abhandlungen zur ärztlichen Praxis (practica), Kommentaren oder Traktaten der Art des Conciliator von Pietro d'Abano, findet Jacquart Spuren von Debatten, die die Medizin belebt und bewegt haben. Der Dialog findet auch mit den Vertretern der antiken und arabischen Medizin statt und wird in seiner komplexen Mannigfaltigkeit rekonstruiert.

Zwei der Beiträge widmen sich insbesondere der Physiognomie. Zahlreiche Bezüge hierzu finden sich auch an anderen Stellen, in denen morphologische, anatomische, konstitutionelle oder geschlechterspezifische Aspekte analysiert werden. Im Umkreis der salernitanischen Schule geht Jacquart den Ursprüngen des Liber phisiognomiae von Michael Scotus nach. Sie zeigt die Bedeutung des Liber ad Almansorem von ar-Rāzī (Rhazes) für dieses um 1235 verfasste Werk, das Kaiser Friedrich II. gewidmet wurde. Nachdem der Liber phisiognomiae zuerst 1477 in Venedig erschien, wurde er bis zum 18. Jahrhundert immer wieder aufgelegt. Jacquart identifiziert einen originellen Beitrag von Scotus in seinen Ausführungen zur Sexualität der Frau. Wie die Realität am Hof von Friedrich II., aber auch die Erfahrungen im Kontakt mit der medizinischen Schule von Salerno (zum Beispiel dank der dort praktizierten Tieranatomie) Scotus' Auffassungen der Natur der Frau beeinflusst haben mögen, demonstriert Jacquart plastisch und höchst plausibel.

Während Scotus' Intention offensichtlich ist, dem Kaiser durch sein physiognomisches Werk ein Instrument an die Hand zu geben, mit dem die Beherrschung der Natur und das Erreichen seiner dynastischen Zielsetzungen erfolgen soll, bleibt die zweite von Jacquart erforschte Quelle zur Physiognomie umhüllt von schwer zu beantwortenden Fragen. Bei diesem Text handelt es sich um die in der Bibliothèque Nationale aufbewahrte Handschrift, die die älteste Transkription der Compilatio Phisionomie von Pietro d'Abano enthält (Paris, 1295). Dank einer akribischen und feinfühligen Analyse der mittelalterlichen Handschrift deckt Jacquart plötzliche "Handwechsel" auf, unterschiedliche Tintenfarben, später hinzugefügte Worte in offen gelassenen Textstellen oder nicht vollzogene Absichten (zum Beispiel die Leerstellen für die vorgesehenen Initialen, die nie dekoriert wurden) (359). Eine Mischung aus Überforderung und Verlegenheit scheint den Kopisten dieses bis heute rätselhaften Textes ergriffen zu haben. Verfasst in Paris ca. 20 Jahre nach den Verboten von 1277, stellt die Compilatio den Versuch dar, das Prinzip der zweifachen Kausalität zu begründen, d.h. insbesondere die Verbindung von moralischen und somatischen Eigenschaften eines Menschen zu bestimmen. Astrologie und Generationstheorie bilden hier die Grundlage und den Ausgangspunkt für das theoretische Gebäude, das Pietro d'Abano in seinem Conciliator erarbeitet hat.

Die Physiognomie war für Männer gedacht und konzipiert, die ein Instrumentarium benötigten, um gute Staatsmänner oder Soldaten zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen maskulinen und femininen Merkmalen und entsprechenden Typen geläufig, jedoch nicht hinreichend, um Überlegungen zur weiblichen Physiognomie abzuleiten. Für eine geschlechterspezifische Analyse medizinischer Theorien erweisen sich die anatomischen Texte als ergiebiger. Wie intensiv hier das arabische Erbe mit dem westlichen Gedankengut interagiert hat, belegen Autoren wie Mondino de Luzzi. In seinem anatomischen Werk entdeckt Jacquart bisher im Dunkel gebliebene Überlegungen zur weiblichen Sexualität, die sich unter Heranziehung der anatomischen und physiologischen Theorien seiner Zeit erklären lassen.

Den medizin- und wissenschaftshistorisch interessierten Leserinnen und Lesern dieses Bandes bieten sich Aspekte, Fragestellungen und Problemfelder der vormodernen Medizin, die von den fruchtbaren Überschneidungen von Medizin und Philosophie, von Praxis und Theorie, von Wissenschaft und Politik sowie von Orient und Okzident zeugen. Konkreter werden in Jacquarts weiteren Beiträgen Themen behandelt wie zum Beispiel: die Haut im medizinischen Diskurs; die Verstrickungen von Medizin und Moral angesichts der Sinnesorgane, der Sinneswahrnehmungen und ihrer Hierarchisierung; physioanatomische Auffassungen des weiblichen und männlichen sexuellen Genusses; die Fehlbarkeit in Theorie und Praxis der Medizin; die Frage nach der Herkunft der Sinneswahrnehmungen aus dem Herzen oder aus dem Gehirn; die spontane Bewegung; die Bedeutung der Astrologie für den menschlichen Körper; die Idee der 'complexio' als Grundlage von Gesundheit, Krankheit und Therapie; die Grenzen und Potentiale der Beobachtung als vorrangiges wissenschaftliches Instrument und die Herausbildung der Kinderheilkunde im höfischen Kontext.

Das Besondere an den hier versammelten Aufsätzen liegt darin, dass sie einerseits einen Querschnitt des seit 1990 florierenden kulturellen Programms von Micrologus darstellen; sie zeigen zugleich als systematisches Ganzes die Komplexität einer medizinischen Kultur, die aus der Vielfalt des assimilierten und modifizierten Erbes islamischer, antiker und westlicher Herkunft schöpft. Die philologisch fundierte und interdisziplinär ausgerichtete Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, zu der Danielle Jacquart mit ihrer Arbeit grundlegend beiträgt, ist z.T. dem Kontext des geistigen Austausches zu verdanken, den Micrologus mit seinen Kolloquien und Veröffentlichungen fördert. Die gegenseitige Befruchtung ist gelungen - das beweist dieser Band in seiner Dichte.

Mariacarla Gadebusch Bondio