Rezension über:

Hubert Schneider: Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945 (= Geschichte; Bd. 121), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2014, VI + 472 S., ISBN 978-3-643-12796-9, EUR 29,80
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Rezension von:
Angela Genger
Ratingen
Empfohlene Zitierweise:
Angela Genger: Rezension von: Hubert Schneider: Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/26504.html


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Hubert Schneider: Leben nach dem Überleben: Juden in Bochum nach 1945

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Als die Alliierten 1945 Deutschland besetzten, fanden sie ca. 15.000 deutsch-jüdische Überlebende und etwa 150 000 Juden aus Osteuropa vor, die nicht in ihre alte Heimat zurückkehrten und als Displaced Persons in Lagern vorwiegend in der amerikanischen Zone auf ihre Weiterwanderung nach Palästina / Israel oder in die USA und nach Kanada warteten. [1] In den zerbombten Städten Westdeutschlands entstanden bereits wenige Monate nach der Befreiung die ersten Nachkriegsgemeinden, vorwiegend gegründet von überlebenden jüdischen Mischehen-Partnern, die vor dem Krieg eher am Rande der jüdischen Gemeinschaften gelebt hatten. Sie waren durch ihren Mischehe-Status bis zum September 1944 in der Regel vor der Deportation geschützt, und ihre Überlebenschance in den Zwangsarbeiterlagern und im Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt größer als die der großteils Jahre früher in andere Lager Deportierten gewesen. Die Gründer der Gemeinden waren durchweg ältere Leute, die Jüngeren entschlossen sich mehrheitlich zur Emigration. Diese älteren Menschen sahen sich konfrontiert mit einer mit den Kriegsfolgen beschäftigten, durchweg abweisenden Mehrheitsgesellschaft, aber auch mit einem "jüdischen Bann" [2], der alles Deutsche nach der Katastrophe der Shoah betraf und jüdisches Leben in Deutschland grundsätzlich ausschloss. Die Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland nach der Katastrophe des millionenfachen Judenmordes stieß lange Jahre in der jüdischen Welt auf völliges Unverständnis. [3]

Auch in der westdeutschen Industriestadt Bochum sahen sich die wenigen Überlebenden nach dem Verlust von Angehörigen und ihrer Habe innerjüdischer Ablehnung ebenso wie mehrheitsgesellschaftlicher Anfeindung oder mindestens Gleichgültigkeit gegenüber. Sie hatten im Dezember 1945 die Jüdische Religionsgemeinde Bochum gegründet und Siegbert Vollmann zu ihrem Vorsitzenden gemacht. Siegbert Vollmann war im August 1945 aus dem Lager 'Iranische Straße' in Berlin nach Bochum zurückgekehrt. Er war 61 Jahre alt und krank. Seine Sorgen um die sich ihm stellenden Aufgaben und die Entwicklung der Gemeinde sind durchaus typisch für die Nachkriegsgemeinden in der Britischen Zone. Der Autor der vorliegenden Studie, Hubert Schneider, zeichnet diese Strukturen und Entwicklungen in einer ausführlichen Einleitung nach. Er konzentriert sich dabei in 60 biografischen Skizzen auf die Motive zum Wiedereintritt in die Gemeinde, auf die Verbindung zur Gemeinschaft vor und nach dem Krieg, auf die Ansprüche auf Wiedergutmachung und, soweit möglich, auf das weitere Schicksal der Männer, Frauen und wenigen Kinder und Jugendlichen.

Leitmotivisch wird der frühere Bochumer Rabbiner Dr. Moritz David mit einem 1947 aus England an den Vorsitzenden Siegbert Vollmann gerichteten Brief zitiert: Man habe das Entsetzliche überlebt, wenngleich mit Wunden aller Art (10, 95). Und ein anderes Schreiben wird in vielen der Biografien zitiert, der Brief eines früheren Bochumers, den er im Oktober 1945 aus dem DP-Camp Deggendorf an seinen in Philadelphia lebenden Sohn richtete: "Nur der Vergangenheit nicht nachtrauern, wir können daran leider nichts mehr ändern. Es lebe das Leben" (95). In der ausführlichen Einleitung führt insbesondere der Abschnitt: "Die Lebenswirklichkeit der Juden in Bochum" die Kriterien für das Verständnis der Biografien ein. Darin werden Fragen des Immobilienbesitzes der früheren Gemeinde, der Prozess zum Synagogenbrand in Bochum vom 9. November 1938, die Strukturen der "Wiedergutmachung" in der Nachkriegszeit und die spezielle Ausprägung in Bochum beschrieben. Diese bestanden in der Praxis für den Einzelnen zunächst in städtischen Fürsorgemaßnahmen, ehe sie gesetzlich ausgeweitet wurden und entsprechend andere Ansprüche erhoben werden konnten. Es sind diese Ansprüche, die die Mehrheitsgesellschaft wahrnahm und die zu neuerlichen Neid- und Rechtfertigungsreaktionen führten. Sie zeigen aber auch, dass die Finanzverwaltungen sehr häufig weder schnelle noch umfassende Restitutionsverfahren durchführten.

Im Hauptteil der Arbeit greift der Autor auf bislang wenig ausgewertetes Quellenmaterial zurück: auf die Anmeldebögen und andere Unterlagen der jüdischen Gemeinde, den privaten Nachlass des ersten Vorsitzenden Vollmann, Anträge und Bescheide des Amtes für Wiedergutmachung und des Kreissonderausschusses der Stadt Bochum, die sich im Stadtarchiv Bochum befinden, und die Wiedergutmachungsakten des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Münster. Die wichtigen Ergebnisse dieser Aktenauswertung machen allerdings die Lektüre der Biografien etwas sperrig, weil die Schreiben der Antragsteller und Antragstellerinnen durchweg für Anträge formuliert sind und die Bescheide in der Amtssprache Ziffern und amtliche Begriffe nennen. Nur in wenigen Fällen gibt es über diesen Bestand hinausweisende Überlieferungen, wie Briefe und persönliche Äußerungen. Das Gesamtbild nach Lektüre dieser 60 Biografien ist erschreckend trostlos: Menschen, die alles verloren haben, erhalten kurzfristige Soforthilfe und einen Status, der ihnen diese Hilfe sichern soll. Dieser wird ihnen in einigen Fällen später wieder aberkannt, Gelder mit anderen Erstattungen verrechnet. Wohnungen und Möbel werden zugewiesen, bis Vorbesitzer nach ihrer Entnazifizierung wieder Ansprüche geltend machen und der jüdische Rückkehrer in oft monatelangen Verfahren um sein Dach über den Kopf kämpfen muss - nicht immer erfolgreich. Berufliche Werdegänge waren in den Jahren der Verfolgung abgebrochen worden, ein Wiedereinstieg oft nicht mehr möglich. Nach der Lektüre fragt man sich wirklich, was die Rückkehrer oder die wenigen aus Osteuropa Zugezogenen in Bochum gehalten hat.

Bei der Kompilierung so vieler Daten, wie sie der Autor zusammengestellt hat, verliert der Leser schon einmal die im ersten Teil vorgestellten Fakten aus dem Blick, zum Beispiel den Zustand der Gemeinde, der im Abschnitt zum Vorsitzenden Siegbert Vollmann mit beschrieben wird, in erster Linie in seinen zitierten Briefen. Vereinzelt stolpert man über Flüchtigkeitsfehler bei Jahreszahlen und Namen. Das tut aber der Gesamtleistung der Arbeit keinen Abbruch: Es ist eine fundierte Lokalstudie der ersten Nachkriegsjahre bis etwa 1954 einer jüdischen Gemeinschaft, die auf den Trümmern der deutsch-jüdischen Geschichte errichtet wurde.


Anmerkungen:

[1] Vergleiche zu den Zahlen: Michael Brenner (Hg.): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart, München 2012, 9.

[2] Dan Diner: Im Zeichen des Banns, in: Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart, München 2012, 15-66.

[3] Eine sehr erhellende, beispielhafte Darstellung der Nachkriegsentwicklung jüdischer Gemeinschaften mit dem Schwerpunkt Düsseldorf in der britischen Zone legte Barbara Suchy vor: Barbara Suchy: "Aber das ist gewiss, hier hätte ich meinen Platz!". Rabbiner Eschelbacher und die ersten Jahre der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf in der Nachkriegszeit, in: Düsseldorfer Jahrbuch. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins, Herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein, 83. Band, Essen 2013, 297-352.

Angela Genger