Rezension über:

Øystein Sjåstad: A Theory of the Tache in Nineteenth-Century Painting (= Studies in Art Historiography), Aldershot: Ashgate 2014, X + 179 S., 21 s/w-Abb., ISBN 978-1-4724-2944-5, GBP 60,00
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Rezension von:
Friedrich Weltzien
Hochschule Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Weltzien: Rezension von: Øystein Sjåstad: A Theory of the Tache in Nineteenth-Century Painting, Aldershot: Ashgate 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/26210.html


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Øystein Sjåstad: A Theory of the Tache in Nineteenth-Century Painting

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Wenn auf wissenschaftlichen Publikationen Phrasen der Marketingabteilung schrillen, sollte das misstrauisch machen. Hinsichtlich der vollmundigen Anpreisung des Klappentexts "this book represents the first time a scholar has looked at tacheism as a hidden continuum within modern art" tritt denn auch nach erfolgter Lektüre Ernüchterung ein. Auch dass der vorliegende Band auf die Doktorarbeit des Autors von 2010 zurückgeht, ist in der Publikation an keiner Stelle vermerkt. Das Buch selbst hat diesen Eindruck, dass etwas aufgeplustert werden müsste, nicht verdient. Es ist eine originelle und keineswegs schlechte Schrift.

Der Autor Øystein Sjåstad, der an der Universität Oslo Kunstgeschichte unterrichtet, macht es sich zur Aufgabe, die touche, die Pinselspur, einer Reihe impressionistischer und postimpressionistischer Maler Frankreichs genauer unter die Lupe zu nehmen. Die tache wird dabei als die zum Zeichen und Ausdruckselement entwickelte Form des Pinselzugs begriffen. In einer Chronologie des Fortschritts (die damit im Innovationsnarrativ der Avantgarde verharrt) geht es von Manet über Cézanne zu Seurat und Signac, um schließlich bei Matisse den Abschied von der tache festzustellen. Die stärksten Passagen des Buches finden sich in den genauen Beschreibungen der Gemälde. Mit scharfen Beobachtungen gelingt es dem Autor immer wieder, Differenzierungen und überzeugende Lesarten zu liefern. Die in der zeitgenössischen Kritik "virgule" genannte Form der Pinselspur ergänzt er etwa auf Seite 95 oder 123 um einen Katalog von Abdrücken, der stetig erweitert wird (ohne jedoch an einer Stelle komplett repräsentiert zu sein).

Der Erkenntnisertrag, den Sjåstad in den einzelnen Kapiteln einbringt, schwankt allerdings. Édouard Manets tache, als Störung und irritatives Moment beschrieben, wird in einem close reading der Malweise sehr anschaulich. Der Absatz zu Cézanne hingegen geht nicht entscheidend über den ausgiebig referierten Maurice Merleau-Ponty hinaus. Spannend und einsichtsvoll gerät hingegen wieder Sjåstads Lektüre von Paul Signacs Schrift "D'Eugène Delacroix au néo-impressionisme" von 1898 (ab 113). Es macht Spaß, den in präziser Terminologie vorgetragenen Vergleichen zu folgen, die in einer schlüssigen Abgrenzung zwischen Signacs und Seurats Maltechniken mündet. Ob freilich im Fauvismus dann die tache tatsächlich "neutralisiert" wird und zu einem konventionalisierten Bildzeichen, einem "readymade" unter anderen, dem Repertoire der Avantgarde hinzugefügt würde, das will man nicht ganz ohne Widerspruch hinnehmen.

In diesem Schwanken der Kraft der Argumente wirkt das Buch uneinheitlich. Wissenschaftliche Qualität bietet fraglos die Geschichte der taches im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Titel hängt den Anspruch allerdings höher: es wird eine Theorie mit universeller Gültigkeit annonciert.

Die Kapitel, die sich mit einzelnen Malern beschäftigen, nehmen im Umfang etwa die Hälfte der Seiten in Anspruch. Die andere Hälfte ist in den ersten drei Kapiteln und einem (aus der Nummerierung herausgenommenen) Nachwort dem theoretischen Rahmen gewidmet. Dieser Rahmen besteht aus einer Semiotik nach Charles Sanders Peirce, die dessen Zeichengattungen Symbol, Ikon und Index mit einem Phänomen kombiniert, das er in Anlehnung an Mieke Bal "sign event" oder "sign crossing" nennt. Ein Zeichen existiert demnach immer dynamisch. Semiose als Bedeutungsgenerierung ist ein stetes und unabschließbares Ereignis. In der tache erkennt Sjåstad ein indexikalisches Zeichenereignis, das zwischen Malerei, Zeichnung und Schrift laviert: "The tache, as an image of semiosis." (40) Die Theorie zur Wort-Bild-Interaktion, die der Zweitgutachter der Dissertation, Norman Bryson, 1981 formulierte, wird dabei als Referenzpunkt genutzt.

Diese zeichentheoretischen Aspekte geraten aber in den analytischen Kapiteln nach und nach in den Hintergrund und werden erst wieder im Nachwort aktualisiert. Der Autor macht sie anhand von Claude Monet und Cy Twombly anschaulich - zwei Malern, die ansonsten keine weitere Erwähnung finden. Die Relevanz dieser Engführung bleibt so letztlich unschlüssig, Geschichte und Theorie finden nicht zusammen. Zu kritisieren ist ebenso, dass die aktuelle Forschungslandschaft weitgehend unbeachtet bleibt. Weder die Peirce-Forschung, noch die jüngere Literatur zum Impressionismus und auch nicht die Neuerscheinungen in der Fleckenforschung werden diskutiert. Die letzten 20 Jahre kunst- und zeichentheoretischen Diskurses bleiben zugunsten der Klassiker wie Jacques Derrida oder Roland Barthes, James Elkins oder Richard Shiff auffällig unterbeleuchtet.

Das ist besonders schade, wenn es um das eigentliche Thema, die taches, geht. An mehreren Stellen des Buches möchte man dem Autor Gilles Deleuze empfehlen (z.B. 31, 148) oder Dario Gamboni (z.B. 80: "potential figure"), die beide einen großen Teil des Theorie-Feldes, das Sjåstad beackert, bereits bestellt haben. [1] Auch die deutschsprachige Literatur hätte der Norweger zur Kenntnis genommen haben können, alldieweil er bereits in Deutschland publiziert hat und unter anderem mit Friedrich Kittler, Martin Heidegger oder Friedrich Nietzsche auch deutsche Originaltexte in den Fußnoten zitiert. Dass er während seiner Recherchen weder auf Raphael Rosenberg oder Gerhardt von Graevenitz gestoßen ist [2], auch nicht auf den empfehlenswerten Sammelband zum "Kritzeln" [3] oder die Schriften des Rezensenten [4], hat zur Folge, dass manchmal das Rad neu zu erfinden war und letztlich der internationale Standard der Theoriebildung verfehlt wurde.

Zum Beispiel: Immer wieder (17, 55, 107, 110, 118, 128) wird die politische Dimension der tache-Diskurse berührt, sei es über Félix Fénéons Verbindungen zur anarchistischen Szene, Matisses Rebellion gegen die "Tyrannei" des Divisionismus oder die Herausforderung des konservativen Geschmacks durch die Valorisierung der Ästhetik der Skizze. Und aus deutscher Perspektive erscheint es nachgerade sträflich, auf Max Nordaus Entartungskonzept (17) Bezug zu nehmen, ohne den politischen Subtext zu thematisieren. Hier bleibt ein Schatz ungehoben: wie genau lässt sich Virgule versus Petit Point soziopolitisch lesen? Leider wird das Thema stets nur gestreift. Eine Fokussierung hätte hier viel Neues erbracht.

Vielleicht haben diese Inkonsistenzen des Buches aber ja auch Methode: Der mosaikhafte Aufbau des mit 150 Textseiten eher schmalen Bandes erzeugt in der Gesamtschau eine gewisse Ähnlichkeit zu den beschriebenen taches. Keine polierte, glatte Oberfläche, sondern Brüche, Sprünge und Leerstellen, zwischen denen bunte und manchmal funkelnde Partien ein irisierendes Spiel mit dem Leser aufnehmen. Insofern wohl keine Pflichtlektüre, aber eine bereichernde Ergänzung.


Anmerkungen:

[1] Gilles Deleuze: Logique de la sensation, Paris 1981; Dario Gamboni: Potential Images. Ambiguity and Indeterminacy in Modern Art, London 2002.

[2] Gerhard von Graevenitz / Stefan Rieger / Felix Thürlemann (Hgg.): Die Unvermeidlichkeit der Bilder, Tübingen 2001; Raphael Rosenberg: Turner. Hugo. Moreau. Entdeckung der Abstraktion, Ausstellungskatalog Schirn Kunsthalle Frankfurt, München 2007.

[3] Christian Driesen / Rea Köppel / Benjamin Meyer-Kramer / Eike Wittrock (Hgg.): Über Kritzeln. Graphismen zwischen Schrift, Bild, Text und Zeichen, Zürich 2012.

[4] Friedrich Weltzien: Fleck - Das Bild der Selbsttätigkeit. Justinus Kerner und die Klecksografie als experimentelle Bildpraxis zwischen Ästhetik und Naturwissenschaft, Göttingen 2011.

Friedrich Weltzien