Rezension über:

Heidrun Kämper: Aspekte des Demokratiediskurses der späten 1960er Jahre. Konstellation - Kontexte - Konzepte (= Studia Linguistica Germanica; 107), Berlin: de Gruyter 2012, XII + 344 S., ISBN 978-3-11-026342-8, EUR 109,95
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Heidrun Kämper: Wörterbuch zum Demokratiediskurs 1967/68. Unter Mitwirkung von Elisabeth Link, Berlin: Akademie Verlag 2013, 1131 S., ISBN 978-3-05-006444-4, EUR 158,00
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Rezension von:
Thomas Werneke
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Werneke: Heidrun Kämper zum Demokratiediskurs der späten 1960er Jahre (Rezension), in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/26010.html


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Heidrun Kämper zum Demokratiediskurs der späten 1960er Jahre

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Korpuslinguistische Arbeiten finden unter Zeithistorikern selten größere Beachtung. Die Nähe der historischen Semantik und Begriffsgeschichte zur Linguistik einerseits und die Nähe der Sprachwissenschaften zu zeithistorischen Themen auf der anderen Seite fordern interdisziplinäres Arbeiten und Austausch allerdings geradezu ein. Erste Arbeiten mit digitalen Korpora an der Schnittstelle von Geistes- und Sprachwissenschaften liegen bereits vor. Auch Heidrun Kämper, Mitarbeiterin am IDS Mannheim, verfolgt in ihrer 2012 erschienenen Arbeit Aspekte des Demokratiediskurses der späten 1960er Jahre einen diskursanalytischen bzw. diskurslinguistischen Ansatz. Hiermit will sie einen Beitrag zur Demokratiegeschichte im 20. Jahrhundert leisten.

Den zu diesem Zweck zusammengestellten Korpus zum sogenannten "Demokratiediskurs" der Jahre 1967/68 hat Kämper sowohl in Form eines digitalen als auch analogen Wörterbuchs zur weiteren Nutzung vorgelegt. Das gedruckte Wörterbuch verfolgt zwar einen klassischen lexikographischen Ansatz, verfeinert diesen jedoch zusätzlich um korpuslinguistische Analysekriterien. So werden Begriffe in semantische Netze (z.B. "Gegenwartskonzepte") eingeordnet und häufige Begleiter (Kollokationen) und Wortverbindungen aufgeführt. Danach folgt eine stets sehr hilfreiche Zusammenstellung von repräsentativen Belegen für die Verwendung des jeweiligen Begriffs durch die Akteure des Demokratiediskurses.

Die Jahre 1967/68 stehen in der Bundesrepublik für einen sprachlichen, genauso wie für einen gesellschaftlichen Umbruch, welcher nicht nur die semantische Bedeutung von Demokratie sowie das Demokratieverständnis grundsätzlich verändert hat. Im Blickfeld der Mannheimer Linguistin liegen zwei gesellschaftliche "Randgruppen": zum einen die intellektuelle Linke der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie, u. a. Theodor Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse aber auch Jürgen Habermas, Alexander Mitscherlich sowie Ludwig von Friedeburg; zum anderen die Vertreter der studentischen Linken, darunter Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl, Wolfgang LeFèvre, ferner die Mitglieder des SDS, zuletzt auch Oskar Negt, Ekkehard Krippendorf und Klaus Meschkat. Beide Akteursgruppen bildeten die Träger des untersuchten Demokratiediskurses. Im Vordergrund der Diskursanalyse steht die Rezeption der Kritischen Theorie durch die studentische Linke sowie die darauf folgende und von Kämper als ambivalent identifizierte Kommentierung dieser Rezeption durch die intellektuelle Linke. Kämper trennt den Diskurs des "Superkonzepts" Demokratie in unmittelbar und mittelbar konstituierende Faktoren. Als unmittelbar konstituierende Faktoren identifiziert sie Topiken (Unterthemen des Demokratiediskurses), Beteiligte (besagte Akteure) und Texte (Reden, informelle Diskussionen, Podiumsdiskussionen); zu den mittelbar konstituierenden Faktoren zählt sie u.a. diskursprägende Kernereignisse, wie den Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Juni 1968 und den Attentatsversuch auf Rudi Dutschke am 11. April 1968. Die genauere Einbettung der Ereignisse sowie eine Differenzierung einzelner Gruppierungen innerhalb der studentischen Linken treten in dem semantisch-diskursiven Analyseansatz Kämpers jedoch in den Hintergrund. Dies gilt auch für den historischen Erfahrungsraum der intellektuellen Linken, vor allem die biographische Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus sowie die Adaption des Themas durch die studentische Linke.

In fünf analytischen Kapiteln entflicht Kämper den komplexen Diskurs, indem sie dessen Manifestationen und Bearbeitungen nach Funktionalitäten idealtypisch trennt (Identifizieren, Kritisieren, Entdemokratisieren, Legitimieren, Modellieren). Die Analyse verfolgt stets das Wechselverhältnis von Rezeption und Kommentierung sowie die kommunikative Interaktion zwischen der studentischen und der intellektuellen Linken. Dabei bleibt das Narrativ in allen fünf analytischen Kapiteln nahezu konstant: Die Studenten rezipierten die Texte der Kritischen Theorie und adaptieren diese für ihre politische Programmatik, wobei dieser Vorgang von Habermas, Adorno etc. jeweils parallel kommentiert und teilweise kritisiert wurde. Wie Kämper deutlich machen kann, standen dabei beide Gruppen in einem mehrdimensionalen, ambivalenten und nicht immer konstruktiven Spannungsverhältnis. Dieses bestand nicht nur in der gegenseitigen Wahrnehmung, sich in einem differenten Generationszusammenhang zu bewegen; dies drückte sich in Wendungen wie "Leute über dreißig" (47f) aus, die verdeutlichten, ob man zu den Jahrgängen zählte, die maßgeblich durch das NS-System geprägt worden waren, oder zu jenen, die durch die "Gnade der späten Geburt" als unbedenklich galten. Die Spannung manifestierte sich auch in unterschiedlichen Interpretationen des Begriffes "Faschismus". Wo Horkheimer und Adorno den Faschismus als historisches Phänomen zu erklären versuchten, war für die Studenten das Konzept vor allem zu einem politischen Kampfbegriff umfunktioniert worden. Dieser ging weit über Ansätze hinaus, wie sie etwa Marcuse in Der eindimensionale Mensch entwickelt hatte, der Elemente des Faschismus auch in den westlichen (Konsum-)Gesellschaften herauszuarbeiten suchte. Stattdessen wurde der Faschismus als aktuelles Problem vergegenwärtigt und enthistorisiert. Als kommentierende Reaktion (v.a. Habermas) etablierte sich in Teilen der intellektuellen Linken das gleichfalls enthistorisierte Gegenstigma des "Linksfaschismus". In der entscheidenden Frage, ob aus der theoretischen Kritik eine Pflicht zur Praxis abzuleiten sei, wandelte sich das Spannungsverhältnis in ein offenes Oppositionsverhältnis. Die Fronten verliefen entlang eines semantischen Details zwischen "notwendiger" (SDS) Aktion und "verzweifeltem" (Habermas) Aktionismus. Kämper wertet diese sprachliche Konfrontation über die "adornitische Praxisfeindlichkeit" als den grundlegenden Konflikt zwischen den beiden Akteursgruppen. (199f.)

Heidrun Kämper gelingt mit ihrer Arbeit zum Demokratiediskurs ein facettenreicher Einblick in das sprachliche und argumentative Arsenal der studentischen und intellektuellen Linken. Überzeugend wirkt ihre idealtypische Aufteilung der Analyseebenen in die komplexen Funktionalisierungen des Diskurses. Aus der Perspektive eines an semantischer Analyse interessierten Zeithistorikers seien aber zwei konstruktive Anmerkungen erlaubt. Zum einen vermisst man bei der Lektüre eine Einordnung des Diskurses in den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Spannend wäre hier nicht nur die Frage gewesen, wie die politischen Gegner der studentischen Linken ihrerseits auf die kommunikativen Strategien antworteten. Auch die behauptete gesamtgesellschaftliche Reichweite des Bedeutungswandels von Demokratie wird nicht näher untersucht. Wie und wo kann man den Einfluss des Diskurses auf die deutsche Gesellschaft messen? Was wird von wem wie übernommen? Was wird von wem wie abgelehnt? Zum anderen fehlt eine genauere Erfassung der Dynamik und des interdependenten Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit, von deren gegenseitigem Aufeinander-Wirken. Inwieweit war nicht bereits der Demokratiediskurs der studentischen Linken eine Reaktion auf die fehlende bzw. verkürzte gesellschaftliche Debatte über die Aufgaben und die Rolle der Demokratie in der frühen Bundesrepublik, was von der jüngeren Generation verstärkt als erheblicher Missstand wahrgenommen wurde, zumal die mangelhafte Aufarbeitung der NS-Zeit immer deutlicher vor Augen trat. Es bestand hier offenbar ein intergenerationeller, gesellschaftlicher Druck, der sich auch in kommunikativer Form mittels der Sprache und des Sprechens entlud.

Dennoch bleibt das Resümee: Nicht nur für Historiker, die sich mit Historischer Semantik und Diskursgeschichte befassen, ist eine Lektüre dieser korpuslinguistischen Arbeit lohnenswert. Sie soll genauso empfohlen sein wie das zugehörige Wörterbuch, das allein schon durch die Sammlung von Quellenbelegen von erheblichem Wert für die historische Erforschung von "1968" ist.

Thomas Werneke