Rezension über:

Filip Bláha: Frauenkörper im Fokus. Wahrnehmung zwischen Straße und Turnplatz in Prag und Dresden vor dem Ersten Weltkrieg (= Welt - Körper - Sprache; Bd. 11), Frankfurt am Main: PL Academic Research 2013, 282 S., ISBN 978-3-631-63390-8, EUR 49,95
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Rezension von:
Stefan Wiederkehr
ETH Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Wiederkehr: Rezension von: Filip Bláha: Frauenkörper im Fokus. Wahrnehmung zwischen Straße und Turnplatz in Prag und Dresden vor dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt am Main: PL Academic Research 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 3 [15.03.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/03/26842.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Filip Bláha: Frauenkörper im Fokus

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Das Gesamtfazit der vorliegenden Arbeit lautet, dass der Frauenkörper als "nahezu universale Konstante" die für die Untersuchungsregion Mitteleuropa sonst typischen nationalgesellschaftlichen Unterschiede überdecke (244). Visualisierung und Wahrnehmung des Frauenkörpers in der deutschen Öffentlichkeit vor dem Ersten Weltkrieg wiesen außerordentlich große Ähnlichkeit zu derjenigen in Böhmen auf. Dies arbeitet Filip Bláha in seiner an der Technischen Universität Dresden verteidigten Dissertation anhand einer vergleichenden Fallstudie zu Dresden und Prag durch die Analyse von Großstadt-, Turn- und Fotografiediskurs heraus.

Bláha wendet sich seinem Thema mit einem hohen theoretischen Anspruch zu. In der Einleitung, die fast einen Viertel des Haupttextes ausmacht, führt er in Anlehnung an Ulrike Landfester die Denkfigur "Raum und Körper und Nation" ein. Diese drei Zeichensysteme seien in einer "triangulären Formalanatomie" gegenseitig verflochten (24), sodass deren Untersuchung es erlaube, die kulturhistorische Dimensionalität des Körpers im Nationaldiskurs zu erfassen. Für die Analyse des Raumdiskurses in den aufstrebenden Metropolen Dresden und Prag steht in methodischer Hinsicht Pierre Bourdieu Pate, für den Körperdiskurs außerdem Michel Foucault. Die Prozesse der Nationsbildung beschreibt Bláha in erster Linie gestützt auf das Modell von Miroslav Hroch. Dazu kommt eine kurze Theorie- und Technikgeschichte der Fotografie im 19. Jahrhundert. Keiner tieferen Reflexion unterliegt der Gebrauch von zeitgenössischen Lexika als Quellen für normative Vorstellungen und Stereotype.

Die in der Einleitung ausgelegten Fäden nimmt Bláha in drei Hauptkapiteln von unterschiedlichem Gewicht wieder auf. Nur in Prag, das die dortigen Kommunalpolitiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer tschechischen Stadt und zur Hauptstadt der tschechischen Nationalbewegung transformieren wollten, erhielten fotografische Frauenporträts eine über das Private hinausreichende Dimension. Indem sie einzelne sogenannte Visitenkartenporträts oder deren Zusammenstellung zu Alben verschenkten, konnten sich bürgerliche Frauen als Subjekte und integraler Teil der tschechischen Nationalgesellschaft profilieren. In Dresden hingegen fehlte diese Sozialpraxis und die Frauen blieben Objekte der Wahrnehmung des männlichen Bürgertums. Darin bestand, so Bláha, der größte Unterschied zwischen den beiden Städten und den von ihnen repräsentierten Nationen.

Das in der Figur des Flaneurs und den breiten Boulevards verkörperte Selbstbild des männlichen Bürgers entwickelte sich in den aufsteigenden Metropolen Dresden und Prag weitgehend parallel. Frauen blieben in vielerlei Hinsicht aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen, so etwa aus der Kaffeehauskultur, und wurden - sei es als Prostituierte oder als Plakatmädchen - zu Objekten des männlichen Blicks. Während sich die Germania und die Čechie als weibliche Nationalsymbole durchsetzten, blieb die Teilnahme von Frauen an den Festzügen, die fester Bestandteil der bürgerlichen Vereinskultur waren, oder gar am Schauturnen, das die Wehrhaftigkeit der Nation öffentlich unter Beweis stellen sollte, umstritten. Sowohl im tschechischen Sokol als auch in der deutschen Turnbewegung waren die Widerstände gegen das öffentliche Frauenturnen stark. Mit (rasse)hygienischen Argumenten hielten zahlreiche Zeitgenossen die körperliche Betätigung von Frauen nur insoweit für legitim, als diese nicht die Mutterrolle und die Reproduktion des Nationalkörpers bedrohte. Dem kraftvollen Männerkörper stellten die Beobachter von Turnfesten den "anmutigen", "schönen" und erotisierten Frauenkörper gegenüber.

Stand das Frauen(schau)turnen in beiden untersuchten Städten in einem Gegensatz zum Ideal der unbefleckten, entsexualisierten bürgerlichen Frau, so gewann laut Bláha in Prag anders als in Dresden letztlich das Nationalinteresse überhand: Das Frauenschauturnen wurde als Beweis für die Reife und Modernität der tschechischen Nation eingesetzt, Frauen subjektivierten sich als Teil des "Volkskörpers".

Die einzelnen Teile der Arbeit hätten insgesamt ausgewogener ausfallen und stringenter aufeinander bezogen werden können. Gleichwohl schließt die Arbeit eine Lücke der Ostmitteleuropaforschung, indem sie nicht nur zahlreiche methodische Anregungen für weiterführende Studien gibt, sondern auch die Rolle der Frauen im tschechischen Sokol und darüber hinaus in der tschechischen Nationalbewegung anhand von visuellen Quellen darstellt.

Stefan Wiederkehr