Rezension über:

Dirk Wiemann / Gaby Mahlberg (eds.): Perspectives on English Revolutionary Republicanism, Aldershot: Ashgate 2014, X + 228 S., ISBN 978-1-4094-5567-7, GBP 70,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Kaspar von Greyerz
Universit├Ąt Basel, Departement Geschichte
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Kaspar von Greyerz: Rezension von: Dirk Wiemann / Gaby Mahlberg (eds.): Perspectives on English Revolutionary Republicanism, Aldershot: Ashgate 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 2 [15.02.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/02/25796.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Dirk Wiemann / Gaby Mahlberg (eds.): Perspectives on English Revolutionary Republicanism

Textgröße: A A A

Der Titel des zu besprechenden Tagungsbandes lässt zu Recht vermuten, dass vorrangig republikanische Autoren kritisch und zum Teil aus einem neuen Blickwinkel gewürdigt werden. Es sind dies u.a. James Harrington, John Milton, Henry Vane, Algernon Sidney, John Toland. Dennoch kommen mit Sir Robert Filmer und Edmund Burke auch zwei entschiedene Anti-Republikaner zu Wort. Wenden wir uns zunächst dieser "Minderheit" zu.

Im zweiten Beitrag ("Anti-republican cries under Cromwell: The Vehement Attacks of Robert Filmer against Republican Practice and Republican Theory in the Early 1650's") untersucht Cesare Cuttica Filmers Traktat von 1652, Observations upon Aristotles Politiques touching forms of government. Im Besonderen bezieht sich Cuttica auf Filmers Versuch, die schweizerische Eidgenossenschaft und besonders die niederländischen Generalstaaten und Venedig der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Autor betont, dass für Filmer Absolutismus und Republikanismus einander grundsätzlich entgegenstehende Auffassungen von Politik beinhalteten und genauso auch "divergent philosophical opinions of that which represented the good life." (50)

Gerold Sedlmayer ("The Fatal Contagiousness of French Republicanism: Edmund Burke and the Body Politic") beschäftigt sich mit Edmund Burke. Ausgehend von Mary Wollstonecrafts Anleihen an Körpersymbolik in ihrer Kritik an Burkes Reflections on the revolution in France (1790) untersucht der Autor die Körpersemantik in Burkes Werk und gelangt zum (nicht gänzlich überraschenden) Schluss, dass der zeitgenössische republikanische Diskurs im Gegensatz zu Burkes traditioneller Position die Dissektion der politisch-konstitutionellen Körperanalogie ermöglichte.

Während Edmund Burke eine Randerscheinung in diesem, mehrheitlich auf den Republikanismus des 17. Jahrhunderts ausgerichteten Band darstellt, ist James Harrington vergleichsweise nahezu omnipräsent. Zu den verschiedenen Beiträgen, die sich mit ihm beschäftigen, gehört sozusagen an vorderster Front der Aufsatz von Altmeister J.C. Davis ("The Prose Romance of the 1650's as a Context for Oceana"). Es steht am Beginn der zweiten Sektion, die auf die literarische und politische Kultur des Republikanismus fokussiert ist (63-131). Davis vertritt die These, dass Harrington sich als Autor von Oceana (1656) ganz bewusst für das narrative Genre entschieden hat, weil er mit diesem besser seinem Ruf nach Versöhnung gerecht werden konnte als durch ausschließlich verfassungspolitische Analyse.

Während Davis auf die in den 1650er-Jahren populäre "prose romance" als von Harrington im Ansatz übernommene Form abhebt, beschäftigt sich Anette Pankratz im anschließenden Beitrag mit dem politischen Diskurs in Komödien der Restaurationszeit nach 1660, in der die in den beiden Jahrzehnten davor diskreditierten Theater großen Zulauf verbuchen konnten. Sie argumentiert, dass die Ansicht, der Royalismus habe die Theaterbühnen damals restlos dominiert, der Diskursivität der Komödien nicht gerecht wird. Die Republik erscheint zwar in diesen Theaterstücken vordergründig als eine negative Kontrastfolie zum Royalismus, aber die (zum Teil versteckten) Bezüge zum Republikanismus lassen die Instabilität politischer Grenzziehungen erkennen, was u.a. in der Art reflektiert wird, wie die dargestellten Geschlechterrollen zum Teil den Patriarchalismus in Frage stellen.

Auch Edward Vallance's Aufsatz im selben Teil des Sammelbandes ist Harrington gewidmet ("Harrington, Petitioning, and the Construction of Public Opinion"). Vallance spricht Harringtons "Republican vision" in Übereinstimmung mit Davis und im Unterschied zu älteren Interpretationen (z.B. von Blair Worden) eine integrative Funktion zu und verweist am Ende auf Harringtons Desillusionierung von 1659 hin, als die zahlreichen Petitionen aus dem Rumpf-Parlament von einer kleinen, jedoch tonangebenden Gruppe von Gentlemen zwecks Förderung der eigenen (und nicht der nationalen) Ziele schlicht ignoriert wurden.

Auch in der ersten Sektion zur republikanischen Sprache (13-61), die sich in der Titelgebung und auch inhaltlich an der Cambridge School for the History of Political Thought orientiert, wird zunächst auf Harrington Bezug genommen. Martin Dzelzainis behandelt die Beziehungen Harringtons zu den "Oligarchen" John Milton, Sir Henry Vane und Henry Stubbe, die in den politischen Diskussionen von 1659/1660 der Meinung waren, die Bewahrung der "liberty" dürfe nicht einer Volksversammlung anvertraut werden, während Harrington und auch Marchamont Nedham in diesem Punkt eine offenere Position vertraten. Letztlich reduzieren sich Dzelzainis' Ausführungen auf die Frage der adäquaten Theorie des Republikanismus. Quentin Skinner erfährt milde Kritik wegen der Herstellung einer (gemäß Dzelzainis, hinterfragbaren) institutionellen Verbindung "between being free and living in a free state" (32). Der zweite Beitrag im ersten Teil ist die bereits angesprochene Auseinandersetzung Cesare Cutticas mit Sir Robert Filmers Anti-Republikanismus.

Die kurze erste Sektion endet mit einer ebenso kurzen Betrachtung von Günther Lottes zu Algernon Sidney ("Language and Content: The Political Thought of Algernon Sidney between Republicanism and Enlightenment"). Unter anderem wirft der Autor Licht auf Sidneys Sicht der Mischverfassung und den "meritokratischen" Republikanismus, der daraus resultierte, und schließt, dass die Zwänge der Mischverfassungsdiskussion, denen Sidney unterlag, zeigen "that the conceptual potential of the political languages of the time determined the scope of political arguments [...]." (61)

Die dritte Sektion (133-182) ist dem Thema "Republican Religion" gewidmet. Auch hier dominiert die Auseinandersetzung mit Harrington. Zwei der insgesamt drei Beiträge dieses Teils befassen sich mit seinem Werk. Luc Borot wendet sich dem Stellenwert der Religion in Harringtons politischem System zu. Sie basiert, wie bei Hobbes, aber mit anderem Resultat auf Harringtons Anthropologie, die Borot auf folgenden Nenner bringt: "Reason, as man is a reasonable creature; religion, as there may be some reason but no religion in other creatures; and liberty, as the highest goal can achieve is political liberty" (150). Harringtons Religion ist fester Bestandteil seiner politischen Theorie: Gott ist ein Republikaner. Sie ist Teil der "natural religion" des 17. Jahrhunderts, wie sie auch von Hobbes im Leviathan vertreten wird, und kann daher - nach Borot - als ausgesprochen philosophische Religion unter keinen Umständen im Sinne von Blair Worden als tendenziell millenaristisch verstanden werden.

Der zehnte Beitrag trägt den Titel "Mosaica respublica: Harrington, Toland, and Moses". Sein Autor, Justin Champion, fokussiert die Harrington-Rezeption im 18. Jahrhundert in der Form ihrer Förderung durch den radikalen Aufklärer John Toland, der zwischen 1700 und 1720 Harringtons Werke edierte und einem größeren Publikum zugänglich machte. Champion weist nach, dass sich Toland namentlich mit Harringtons Interpretation des historischen Moses als Gesetzgeber der Republik der Hebräer identifizierte. Es handelte sich um eine erastianisch geprägte Interpretation, die vor allem das weltliche Wirken Moses' in den Vordergrund stellte, und die auf diese Weise gut zur Wünschbarkeit des tugendhaften Gesetzgebers passte, wie sie im Denken aristokratischer Whigs des frühen 18. Jahrhunderts, zu denen auch Toland gehörte, anzutreffen ist.

Am Anfang der dritten Sektion steht ein Beitrag zu John Milton. Dirk Vanderbeke untersucht darin dessen "religious republicanism". Er geht im Unterschied zu anderen Ansätzen davon aus, dass die absolute Priorität des Religiösen bei Milton nach einer Regierungsform verlangt habe, "which did not interfere in the citizen's primary obligations towards God and thus allowed for self-government in the widest possible sense" (136). Die Religionsfreiheit war für Milton im Vergleich zu häuslicher oder politischer Freiheit konstant das oberste Gut. Dieses Freiheits- und Politikverständnis war gemäß Vanderbeke bei Milton eingebettet nicht nur in die traditionelle Metapher vom politischen Körper, sondern auch in die Verknüpfung derselben nicht so sehr mit zeitgenössischen politischen Diskursen, sondern mit der Lehre von den Wirkungszusammenhängen von menschlichem Mikro- und göttlichem Makrokosmos.

Das Nachwort (postscript) zum vorliegenden Band liefert Glenn Burgess, der im Anschluss an den Beitrag von Martin Dzelzainis vor allem auf die Frage eingeht, wie und ob wir historischen Republikanismus bei all seiner Vielfalt definitorisch (noch) fassen können und ob er tatsächlich, wie Quentin Skinner dies postuliert hat, grundsätzlich an einer anti-monarchischen Tendenz erkennbar ist. Im Rest seines Nachworts geht er deutlich kürzer auch auf die meisten anderen Beiträge ein.

Die Herausgeberin und der Herausgeber legen mit dem vorliegenden Werk einen thematisch relativ geschlossenen Band vor, dem sie durch ihre Einleitung noch zusätzliche Kohärenz verleihen. Etwas unverständlich bleibt aus dieser Sicht die Aufnahme von Gerold Sedlmayrs Beitrag zu Edmund Burke. Es ist freilich kein Band für den Newcomer, auch wenn sich die allermeisten Beiträge auf den neuesten Forschungsstand beziehen. Einzelne Beiträge zeigen neue mögliche Verknüpfungen der "history of political thought" mit kulturgeschichtlichen Ansätzen auf. Aufs Ganze überwiegt jedoch der Eindruck, dass hier vorrangig eine in sich relativ geschlossene community von Spezialistinnen und Spezialisten am Werk ist, die die eigene Forschungstradition kritisch reflektieren und vorwiegend untereinander diskutieren.

Kaspar von Greyerz