Rezension über:

Nafsika Mylona: Griechenlands Gedenkorte der Antike in der deutschsprachigen Reiseliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts, Würzburg: Königshausen & Neumann 2014, 295 S., 22 Farbabb., ISBN 978-3-8260-5329-0, EUR 29,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Maria Oikonomou-Meurer / Peter Neugschwentner
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Maria Oikonomou-Meurer / Peter Neugschwentner: Rezension von: Nafsika Mylona: Griechenlands Gedenkorte der Antike in der deutschsprachigen Reiseliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts, Würzburg: Königshausen & Neumann 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 2 [15.02.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/02/25221.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Nafsika Mylona: Griechenlands Gedenkorte der Antike in der deutschsprachigen Reiseliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts

Textgröße: A A A

Am 3. September 1904 gegen 13.45 Uhr besucht Sigmund Freud gemeinsam mit seinem Bruder "Alex" zum ersten Mal die Akropolis. In seinem besten Hemd erklimmt er die Höhe, sein Blick umfasst die Landschaft und es ergreift ihn plötzlich ein höchst eigentümlicher Gedanke: "Was ich dort sehe, ist nicht wirklich". Jahre später, in einem Brief an Romain Rolland, versucht er jene psychische Krise, die ihn auf dem Tempelberg befallen hat, als eine ungewöhnliche Erscheinung des Seelenlebens aufzuklären: Er hat es bis hierher gebracht, auf dem berühmten Felsen zu stehen - unbewusst ein Triumph über den Vater, der es "so weit" nie gebracht habe - und damit den uralten Traum eingelöst, der engen Welt des Vaters zu entkommen (157). Allerdings lässt sich Freuds "Erinnerungsstörung auf der Akropolis", die eine aufschlussreiche Interpretation von Nafsika Mylona erfährt, auch anders lesen. Freuds Erlebnis scheint nämlich exemplarisch zu verdeutlichen, dass man es in der Begegnung mit bedeutenden Artefakten einer Kultur häufig mit Projektionen sowie Phantasmen zu tun hat. Demnach kann es weniger darum gehen "Hellas zu verstehen", wie etwa der Titel eines erst kürzlich erschienenen Bandes nahelegt. Denn statt im Sinne der Hermeneutik das vermeintlich wahre Wesen eines Objekts zu entdecken und es nachzuvollziehen, gilt es angesichts eines kulturellen Konstrukts - wie der (griechischen) Gedenkorte - vielmehr, all die diskursiven Praktiken zu betrachten, nämlich das Ensemble von Verfahren, Sprechern und Medialisierungen, die an deren Herstellung beteiligt sind. Zu fragen wäre mithin nach den komplex miteinander verwobenen und oft gegeneinander verschobenen Mechanismen, die Griechenland narrativieren und visualisieren, ferner nach bestimmten Denkfiguren, Metaphern und Bildlichkeiten.

Dies tut Mylonas Buch auf überzeugende Art und Weise: Es fokussiert auf die Diskurse um die Gedenkorte Akropolis, Mykene und Delphi, die jeweils in eigenen Kapiteln erforscht werden, und operiert mit theoretischen Konzepten von Raum, Gedächtnis und Erinnerung; etwa mit Georg Simmels Ansatz über den wechselseitigen Bezug zwischen Raum und Vergesellschaftung, mit Michel Foucaults "Heterotopie" oder mit Aleida und Jan Assmanns "Erinnerungsräumen". Dabei werden die Gedenkorte, "jene topographischen Texte" (27), als Konfliktfelder ausgelegt, in denen sich politische, ästhetische und wissenschaftliche Diskurse ablösen, überlagern oder gegenseitig bearbeiten, damit interdependieren. Besonders im Widerschein der immer wieder beleuchteten nationalsozialistischen Lektüre Griechenlands werden diese Orte auch als Felder und Möglichkeiten einer Kritik der Macht gelesen.

Zu Beginn der Studie über die deutschen Diskurse um Griechenland steht das Zögern Deutschlands, nachdem sowohl aus England als auch aus Frankreich bis ins 18. Jahrhundert größere Reisewellen nach Hellas schwappten: "[...] [D]as idealisierte Bild [Griechenlands] war so wirkmächtig, dass die großen Griechenlandverehrer [...] sich davor fürchteten, das Bild dieses Landes durch empirische Wahrnehmung zu stören" (14). Erst 1832 als Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach den griechischen Thron besteigt, beginnt ein verstärkter Reiseverkehr aus den deutschen Gebieten nach Griechenland - damit auch zu einer Masse an deutschen Reisetexten über Griechenland (15). Mylonas Werk widmet sich dabei - unter dem Aspekt der Bearbeitung eines deutschen Griechenlandbildes bzw. -diskurses - noch eher unerforschten Reisenden, wie etwa Johann Jakob Bachofen, Martin Heidegger, Julius Meier-Graefe, Franz Spunda oder Karl Friedrichs.

Als erstes großes Kapitel des Hauptteils wird die Akropolis als Heterotopie (Michel Foucault), als Gedächtnisort (Pierre Nora), insbesondere aber als Kampfplatz des kollektiven Gedächtnisses dargestellt (31). Immer wieder aktiviert die Rede von ihr bestimmte rhetorische Topoi und wird zum intertextuellen Konstrukt, in und an dem sich schon früher entstandene Erzählungen und Zeiten versammeln. Vor allem aber wird die Akropolis zu einer Art Leinwand, auf die diverse und auch rivalisierende Ideologeme projiziert werden. Über Johann Joachim Winckelmanns Definition eines klassischen Griechenlands und die Wahlverwandtschaft zwischen Deutschland und Griechenland wird ein normierender, geschichtsschreiberischer Pol über der Akropolis markiert, der in der nationalsozialistischen Rezeption seinen Stachel zeigt (58). Dagegen steht der ästhetische Diskurs der Romantik und später der Moderne, der oft mit der Rhetorik der Epiphanie, somit der augenblicklichen Offenbarung, operiert und "beinahe die materielle Natur des Betrachters durch das starke geistige Erlebnis" opfert (103). Darüber hinaus avanciert die Akropolis zu jenem Ort, an dem der Logos eines westlichen Subjekts seinen Ausdruck findet, sich dabei als Hintergrund für die Inszenierung des Diskurses über Europa und die europäische Identität erhebt. Auf diese Weise gerät der Gedenkort durch die Geschichte(n) und die wechselnden Blicke, die auf ihn ruhen, zum Vexierbild, nimmt eine proteische Gestalt an und kann niemals auf eine grundlegende Visualität und Perspektive festgelegt werden.

Mykene, dem der zweite große Teil der Arbeit gewidmet ist, wird als Gegenpol zur Akropolis semantisiert. Hier, in dieser "bösen Felsenburg", spielte sich der Atriden-Mythos ab, hier begegnen die Reisenden einer archaischen, vorklassischen Ära, fern jeder Zivilisation, Geschichte oder dem attischem Licht; Mykene steht für Natur und Mutter, Mykene wird orientalisiert. Über eine Fokussierung auf den Mythos zeigt die Autorin mit Christa Wolf und Johann Jakob Bachofen zwei unterschiedliche Arten einer Kritik an der Entstehung des griechischen Patriarchats, positioniert somit diese als indirekte Kritik an der Akropolis des "klassischen Griechenlands".

Im letzten großen Kapitel schließlich wird zum einen mit Erhart Kästner die nationalsozialistische Semantisierung Delphis als nordischer Lichtort thematisiert, damit auch die Vereinnahmung und Verdeutschung Griechenlands durch die NS-Ideologie. Zum anderen wird das Janusgesicht des Gedenkortes aufgezeigt - Delphi ist Akropolis und Mykene, apollinisch und dionysisch, maßvoll und rauschhaft -, an dem Gerhard Hauptmann und Martin Heidegger unabhängig voneinander die Problematisierung des Schicksals formulieren. In all diesen Fällen also "bildeten die Reisenden die Gedenkorte in den mentalen Schemata der Epoche ab" (257) und machten sie dadurch auch zu Ausgangspunkten einer Kritik der Geschichtsschreibungen, der Ästhetiken und der politischen Ideologisierungen Griechenlands. Letztlich schließt Mylona zu Recht mit dem Verweis, dass das Griechische in den behandelten Texten immer nur Resonanzkörper für "Konflikte, die in Deutschland stattfanden" bildete, das Andere also nie unschuldig rezipiert und erzählt wird.

Nafsika Mylonas Buch ist eine reiche Studie, die eine Fülle an Diskursen der deutschen Reiseliteratur untersucht, auffächert und kontextualisiert. Obwohl sich die Autorin methodologisch unentschlossen zwischen der kulturellen Hermeneutik und der Diskursanalyse bewegt (ohne sich für die eine oder andere entscheiden zu wollen), obwohl manche "close readings" noch tiefer in die Materie gehen könnten (z.B. Heideggers Lektüre), bleibt diese Arbeit nichtsdestotrotz ein wichtiger Beitrag zu den Gedenkorten der Antike. Nicht zuletzt weil das Buch die Fragen aufwirft, ob es eine griechische Realität gibt, die sich von einem Griechenlandbild unterscheidet, die von diesem überdeckt werden könnte, die vielleicht wirklicher ist als ein bloßes Bild, oder ob vielleicht Griechenland ja auch gar nichts anderes als diese Projektionsfülle ist.

Maria Oikonomou-Meurer / Peter Neugschwentner