Rezension über:

Maria Osmers: "Wir aber sind damals und jetzt immer die gleichen". Vergangenheitsbezüge in der polisübergreifenden Kommunikation der klassischen Zeit (= Historia. Einzelschriften; Bd. 226), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013, 407 S., ISBN 978-3-515-10299-5, EUR 62,00
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Rezension von:
Lucia Cecchet
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Lucia Cecchet: Rezension von: Maria Osmers: "Wir aber sind damals und jetzt immer die gleichen". Vergangenheitsbezüge in der polisübergreifenden Kommunikation der klassischen Zeit, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 2 [15.02.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/02/24285.html


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Maria Osmers: "Wir aber sind damals und jetzt immer die gleichen"

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In ihrem Buch beschäftigt sich Maria Osmers mit dem Thema der Vergangenheitsbezüge in der polisübergreifenden Kommunikation der klassischen Zeit. In der "Einleitung" (11-28) behauptet Osmers, dass, während das Thema der Erinnerungskultur der Griechen in den letzten Jahrzehnten intensiv erforscht wurde, die Untersuchung der Vergangenheitsbezüge in kommunikativen Akten weniger beachtet worden sei (14). Interessanterweise wurde eine ähnliche Beobachtung auch von B. Steinbock in einem im selben Jahr erschienen Werk über Vergangenheitsbezüge im öffentlichen Diskurs Athens so formuliert. [1] Das Buch von Osmers schließt sich insbesondere an die Werke von E. Flaig 2005 [2] und A. Chaniotis 2009 [3] (19) an und unterscheidet sich von rechtshistorischen Untersuchungen hinsichtlich der Tatsache, dass die Institutionen und Regulierungen der Aushandlungsprozesse minimal behandelt werden (22); vielmehr fokussiert sich die Analyse auf die Verwendung der Vergangenheit als Argument in der Kommunikation inter Poleis.

Im zweiten Kapitel ("Theoretische und methodische Vorbemerkungen" 29-96), bietet Osmers eine ausführliche Erklärung der in der Arbeit verwendeten Begriffe und methodischen Ansätze. Unter "Kommunikation" wird nicht nur die öffentliche Rede einbezogen, sondern auch materielle Zeugnisse - Bauten, Denkmäler und Inschriften -, welche zur Konstruktion kollektiver Erinnerungen und zur Ausprägung politischer Argumente beitrugen (30-31). Ebenso nützlich für den Leser ist die Identifizierung der verschiedenen Gelegenheiten, Regelungen, Orte und Akteure, welche zur Äußerung der auf Vergangenheitsbezügen basierernden Argumente dienten (33-65). Die Gelegenheiten und die Zielsetzung der Kontakte zwischen Poleis lassen drei verschiedene Formen von polisübergreifender Kommunikation erkennen, die in der Arbeit als hermeneutische Kategorien eingesetzt werden: ergebnisorientierte Kommunikation (z.B. Verhandlungen über Zusammenschlüsse, Kooperationen), anlassgebundene Kommunikation (z.B. im Fall von Territorialkonflikten, religiösen Freveln oder Missachtungen von Verträgen) und diskursive Kommunikation (z.B. öffentliche Rede im Rahmen von Festen, Botschaften). Im Anschluss an die in der Einleitung angeführte Diskussion erläutert Osmers das griechische Verhältnis zur Vergangenheit im Licht der sogenannten Gedächtnisforschung, nämlich unter Verwendung von H.-J. Gehrkes Konzept der "Intentionalen Geschichte" [4], von J. Assmanns Begriff des "Kulturellen Gedächtnisses" [5] und P. Noras Forschung zu Erinnerungsorten [6]. Die Verwendung dieser Interpretationsmodelle erlaubt es Osmers, ihr Thema aus der Perspektive der Anpassungsprozesse der Vergangenheit im Rahmen von identitätsstiftenden Dynamiken nachzuvollziehen.

In dem langen dritten Kapitel ("Analytischer Teil" 97-334), führt Osmers die Diskussion auf der Grundlage einer auf der Motivebene basierenden Unterteilung des Quellenmaterials in fünf Gruppen ein: 1. Verweise auf verwandtschaftliche Beziehungen, 2. Verweise auf die Herkunft, 3. Verweise auf ruhmreiche Taten, 4. Verweise auf ältere Bündnisse und Feindschaften, 5. Verweise auf Verfehlungen der Gegenseite. Diese Kategorisierung ist überzeugend mit der Beobachtung begründet, dass eine alternative Gliederung, beispielsweise auf der Basis der Kommunikationskontexte, aufgrund des Quellenmaterials unmöglich wäre (98-100).

Unter der Kategorie der verwandtschaftlichen Beziehungen diskutiert Osmers zahlreiche Fälle: die von Aristagoras von Milet in seinen Reden an die Spartaner und an die Athener angeführten Bezüge auf die Ionier als Vorfahren (Hdt. 5,49 ff.) lassen verschiedene und an die jeweiligen Adressaten angepasste Konzeptionen des Ioniertums erkennen (105-111). Eine Bemühung um Kooperation mit den Athenern wurde 427 von den Leontinoi durch Bezugnahme auf die gemeinsame ionische Abstammung angestrebt (Thuk. 3,86,3); ebenso wurden Bezüge auf die gemeinsamen dorischen Vorfahren in der von den Korinthern gegenüber den Spartanern formulierten Bitte um Hilfe für Poteideia verwendet (Thuk. 1,71,4). Im Kontext der Bezüge auf die Herkunft zeigt Osmers, wie das Autochthonie-Argument der Athener sowohl durch den Verweis auf die Erdgeburt als auch die dauerhafte Siedlung im Gebiet Attikas eingesetzt wurde (163-164). Innerhalb der Behandlung der Bezüge auf ruhmreiche Taten konzentriert sich Osmers vor allem auf die Verweise auf die Perserkriege. So demonstriert sie, wie die Erinnerung an Marathon in der Zeit Kimons an die gegenwärtigen Ansprüche und Bedürfnisse der Athener im Zusammenhang mit der Konstruktion ihres Tatenkatalogs angepasst wurde, und wie die Seeschlacht bei Salamis als Legimitationsargument für die Herrschaft im Seebund eingesetzt wurde (Thuk. 6,83,1). Gerade die Schlacht bei Plataiai zeigte sich als "Kampfplatz", auf dem jedes Gemeinwesen versuchte, "sich im Gedächtnis der Griechen möglichst vorteilhaft zu positionieren" (251). Die spartanische Deutung der Siege trug zum Bild der Spartaner als Befreier Griechenlands noch im Kontext des Peloponnesischen Krieges bei (Thuk. 4,86; 4,120). Die letzten zwei Typen von Vergangenheitsbezügen werden in dem Unterkapitel "Andere Formen von Vergangenheitsbezügen" analysiert. Besonders interessant in diesem Teil ist die Diskussion über die Vergangenheitsverweise im spartanischen Diskurs (314-334), die einen guten Einblick in die außer-athenische Perspektive bietet.

In ihrem Buch sammelt Osmers eine beeindruckende Menge von Quellenbelegen und entwickelt ein sinnvolles Ordnungssystem, welches in Zukunft als Mustermodell für Untersuchungen späterer Epochen angewendet werden kann. Der einzige Mangel liegt jedoch gerade in der anspruchsvollen Entscheidung, das gesamte gesammelte Quellenmaterial zu betrachten, statt die Analyse auf Musterfälle zu fokussieren. Dies führt manchmal zu sehr kurzen Diskussionen von wichtigen Fällen, welche einer tieferen Analyse bedurft hätten. Zum Beispiel hätte die Ankündigung der Athener gegenüber den Meliern mehr Aufmerksamkeit verdient, hinsichtlich einer auf politischen Realismus zielenden Argumentation auf Bezüge zu Siegen über die Meder zu verzichten (Thuk. 5,89). Außerdem verursacht die Tatsache, dass die Quellenbelege für wichtige Aussagen manchmal nur in den Fußnoten angeführt werden, eine gewisse Schwierigkeit für den Leser dem Argument zu folgen (siehe 37, Fußnote 51 zum Fall der Neutralität im Krieg). Eine Untergliederung des dritten Kapitels hätte die Lektüre etwas vereinfacht, statt die Analyse der Quellen in einem einzigen, 230 Seiten langen, mit 1255 Fußnoten angereicherten Kapitel zu konzentrieren. Diese Mängel verringern jedoch nicht den Wert der Arbeit als eine systematische und ausführliche Abhandlung, die eine Lücke in unseren Kenntnissen des griechischen Verhältnisses zur Vergangenheit im Hinblick auf Überzeugungsstrategien in der politischen Kommunikation schließt.


Anmerkungen:

[1] B. Steinbock: Social Memory in Athenian Public Discourse. Use and Meaning of the Past, Ann Arbor 2013.

[2] E. Flaig: "Der mythogene Vergangenheitsbezug bei den Griechen" in: J. Assmann / K. E. Müller (Hgg.): Der Ursprung der Geschichte. Archaische Kulturen, das Alte Ägypten und das Frühe Griechenland, Stuttgart 2005, 215-248.

[3] A. Chaniotis: "Überzeugungsstrategien in der griechischen Diplomatie. Geschichte als Argument" in ders. / A. Kropp / Ch. Steinhoff (Hgg.): Überzeugungsstrategien (Heidelberger Jahrbücher; 52), Berlin 2009, 147-165.

[4] H.-J. Gehrke: "Greek Representations of the Past", in L. Foxhall / H-J. Gehrke / N. Luraghi (eds.): Intentional History. Spinning Time in Ancient Greece, Stuttgart 2010, 15-33.

[5] J. Assmann: Das Kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

[6] P. Nora: Les lieux de mémoire, 3 Bde., Paris 1984-1992.

Lucia Cecchet