Rezension über:

David King: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand, München / Zürich: Piper Verlag 2014, 512 S., ISBN 978-3-492-05675-5, EUR 29,99
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Rezension von:
Heinz Duchhardt
Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Heinz Duchhardt: Rezension von: David King: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand, München / Zürich: Piper Verlag 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 1 [15.01.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/01/26460.html


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David King: Wien 1814

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Es war vorherzusehen, dass sich unter die Publikationen, die aus Anlass des 200. Jahrestags des Wiener Kongresses auf dem Buchmarkt erscheinen würden, auch solche mischen würden, die sich eher an dem Spektakel ausrichten würden, den Festen und Liebschaften, den Intrigen und den persönlichen Spannungen zwischen den Angehörigen einer politischen Elite, die über neun Monate hinweg auf engem Raum zusammenlebte. Dass auch das Buch eines in Cambridge ausgebildeten und eine Zeitlang an einer amerikanischen Universität lehrenden, heute freiberuflich tätigen Historikers dieser Spezies zuzuordnen sein würde, war freilich nicht unbedingt zu erwarten. Aber der (renommierte) deutsche Verlag, der diese Übersetzung eines 2008 in den USA erschienenen, aber hier kaum rezipierten Buches herausbrachte, hat wohl bewusst auf das "breite Publikum" gesetzt, das daran, wie die Protagonisten von Wien ihre politische Aufgabe mit Repräsentationen und einem schillernden, intensiven Privatleben überlagerten, vermeintlich wohl ein vorrangiges Interesse habe.

Warum Autor (und deutscher Verlag) allerdings auf den Gedanken verfielen, dem Buch den Titel "Vienna 1814 / Wien 1814" zu geben bzw. zu belassen, hat sich mir nicht erschlossen. Es mag ja sein, dass die bloßen Jahreszahlen - Adam Zamoyski ("1812"; "1815") hat das vorexerziert - sich im Augenblick als Buchtitel einer gewissen Konjunktur erfreuen, aber dann müssen sie auch mit dem Inhalt übereinstimmen. Bei Kings "farbenprächtigem Porträt des Aufbruchs in eine neue Epoche" - so der Klappentext - ist das allerdings nicht der Fall. Es greift vielmehr - wie sollte es auch anders sein? - ganz weit ins Jahr 1815 aus, beschäftigt sich beispielsweise eingehend mit Napoleons 100 Tagen, geradezu akribisch mit der Schlacht bei Waterloo und auch mit den neuen politischen Weichenstellungen im Spätjahr 1815, also mit der Heiligen Allianz und der erneuerten Quadrupelallianz. Also: Warum "Wien 1814"?

Von den beiden auf dem Klappentext ausgeworfenen Schlagworten "Neuordnung Europas" und "das große Fest" ist für King das Fest, das Spektakel das eigentlich reizvolle Sujet. Ihm widmet er sich mit Hingabe: den Bällen, Soireen, Ritterspielen und spektakulären Outdoor-Veranstaltungen in der Kaiserstadt und ihrer Umgebung, den Salons und dem (außerehelichen) Liebesleben der Protagonisten, den Frauen des Kongresses und den skurrilen und kuriosen Nebenfiguren, dem (zugegebenermaßen besonders eindrucksvoll!) großen Tross und den Begleitpersonen der Fürsten, dem Musikleben und den Begegnungen der Monarchen mit der Wiener Bevölkerung - übrigens bleibt bei alledem auffälligerweise das sehr intensive Wiener Theaterleben leider völlig unberücksichtigt. Und dann der Wettstreit Metternichs und Zar Alexanders um dieselben Frauen, die (nur angedeuteten, aber gerade deswegen so eingängigen) Beziehungen Talleyrands zu seiner angeheirateten jungen Verwandten Dorothea - das sind die "Schmankerl", die geradezu voyeuristisch vor den Lesern ausgebreitet werden. Wenn eingangs des Buches formuliert wird: "Die Friedenskonferenz verkam schon bald zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten[...]" (10), dann muss man konstatieren: genau diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten gilt Kings vorrangiges Interesse, der "größten und aufwendigsten Party der Geschichte" (13). Die Politik spielt bei alledem nur eine Nebenrolle. Gewiss, die großen Themen werden - sogar nicht ohne eine gewisse Breite - referiert und resümiert, etwa die Sachsen-Polen-Problematik, etwa das "Problem" Murat, aber dass sich der Kongress mit den Komitees und Kommissionen eine ganz neue Technik erfand, um der Unmenge von Problemen Herr zu werden, das muss der Leser sich eigentlich selbst erschließen. Dankbar ist man dafür, dass die Folgeveranstaltungen nach Waterloo relativ ausführlich behandelt werden, die ja zum "Wiener System" dazugehören - aber warum werden die Botschafterkonferenzen zur Überwachung Frankreichs und der europäischen Szene, die als ein innovatives Element in die internationale Politik Eingang fanden, mit keinem Wort erwähnt?

Und dann die Bewertungen! Napoleon war "der geniale Wahnsinnige" (10), Wien war die "dekadente Habsburgerhauptstadt" (11), das Heilige Römische Reich ein "gigantisches marodes Staatsgebilde" (19), die Bagration und die Herzogin von Sagan "zwei Bienenköniginnen" (47), Talleyrand ein "smarter Franzose" (306). Es mag mit diesen Beispielen sein Bewenden haben. Aber dem steht anderes gegenüber, beispielsweise ein manchmal groteskes Bemühen um Präzision: Ob die Angabe, der Zar sei 183 cm groß gewesen (38), seinem Pass entnommen worden ist? Man liest mit einigem Erstaunen, dass die Schweiz zur Zeit des Wiener Kongresses ein "Verbund von rund 22 Kantonen" gewesen sei (191). Man ist dankbar für die Information, dass zwischen Wien und Budapest genau 240 km lagen (164). Und es ist sicher auch von allgemeinem Interesse, dass Napoleons Domizil auf Elba 90 Jahre alt war und er auf einem Felsvorsprung "knapp 50 Meter über dem Meer" bequem in dem windumtosten Garten der Villa sitzen konnte (176). Und schließlich auch schriftstellerischer Ehrgeiz: "Als sich die Blätter rot und golden färbten, die Temperaturen sanken und der Himmel immer häufiger grau und trübe verhangen war, trug das Wetter gewiss nicht dazu bei, Fürst Metternich aufzumuntern" (162). Oder: "Im Dezember bereitete sich Wien auf die Weihnachtszeit vor. Die Tage wurden kürzer, dunkler und kälter, gelegentlich fiel Schnee und puderte die Bäume weiß" (225).

Grundsätzlich haben die (drei) Übersetzer gute Arbeit geleistet und ein flüssig lesbares Buch hergestellt, aber dann merkt man doch gelegentlich den fehlenden Sachverstand. Statt "Aix-la-Chapelle" kann man ruhig "Aachen" sagen, in Trier amtierte bis in die Revolutionszeit hinein ein Erzbischof (275). Den Namen des bayerischen Diplomaten Rechberg muss man nicht zwingend ins Französische übertragen (230). Und die Banque de France war eben doch keine "Banc" (309). Und schließlich: Wer auch immer für das Personenregister verantwortlich war: es ist kein Ausbund an Zuverlässigkeit.

Das ist sicher ein "farbiges" Buch, das ein breites, Farbe und Spektakel und dem Menschlich-Allzumenschlichen viel abgewinnen wollendes Lesepublikum durchaus ansprechen könnte - aber einen wirklich wissenschaftlich weiterführenden Beitrag zur Erforschung des Wiener Kongresses und der "Wiener Ordnung" stellt es nicht dar. In seinem reportagehaften Charakter, der fiktive Gespräche und viele Details aneinanderreiht, vielen völlig ungesicherten Vermutungen und Spekulationen Platz gibt und übergangslos von einem zum nächsten Thema springt, ist es eher der Unterhaltungsliteratur denn - unbeschadet der breiten Heranziehung von wissenschaftlicher Literatur - der Forschungsliteratur zuzuordnen.

Heinz Duchhardt