Rezension über:

Mia Ridge (ed.): Crowdsourcing our Cultural Heritage, Aldershot: Ashgate 2014, XXII + 283 S., 47 s/w-Abb., ISBN 978-1-4724-1022-1, GBP 65,00
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Rezension von:
Hubertus Kohle
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Hubertus Kohle: Rezension von: Mia Ridge (ed.): Crowdsourcing our Cultural Heritage, Aldershot: Ashgate 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 1 [15.01.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/01/26283.html


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Mia Ridge (ed.): Crowdsourcing our Cultural Heritage

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Mit dem World Wide Web, und insbesondere mit dessen Interaktivitätsmöglichkeiten, wie sie sich seit der Jahrtausendwende unter dem Schlagwort des Web 2.0 entwickeln, haben sich auch neue Formen der "citizen science" etabliert. Gemeint ist die Beteiligung der Laien am wissenschaftlichen Prozess. "Crowdsourcing" ist hier das Stichwort, also die Einladung an die "Menge", ihr Wissen in meist kleinen Portionen einem wissenschaftlichen Interesse zur Verfügung zu stellen. Zunächst fand dies im Bereich der Naturwissenschaften statt, Projekte aus der Astronomie und der Biochemie haben hier die größte Aufmerksamkeit erlangt.

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Laieneinbindung in den Geisteswissenschaften, besser gesagt bei der Erschließung von Objekten aus Kulturinstitutionen (GLAM: Galleries, Libraries, Archives, Museums). Die Aufgaben, welche sich hier stellen, sind vielfältig und werden in diversen Beiträgen kategorisiert: (a) Transkriptionen bis hin zu Editionen kommen vor allem im Archiv- und Bibliotheksbereich vor; (b) Korrekturen ebenda und vor allem dort bedeutsam, wo automatisierte, aber wenig zuverlässige Prozesse wie die optical character recognition noch einmal vom menschlichen Auge zu überprüfen sind; (c) Kuratierungen, also Nutzer-gesteuerte (Museums)-Ausstellungen; und (d) Annotationen als Metadatenproduktion praktisch in allen Bereichen zur Material-Anreicherung von Archivalien, Kunstwerken und Büchern vor allem zwecks besserer Suchbarkeit. Speziell im Bildnerischen darf man sich hier einiges erwarten, sind doch die Optionen zur direkten Adressierung von visuellen Artefakten noch immer nur sehr beschränkt gegeben.

Die ersten Beiträge im Buch sind Fallstudien und widmen sich vor allem (a) und (c) und (d)-Projekten. Das University College in London etwa bindet die Öffentlichkeit bei der Transkription der Werke Jeremy Benthams ein (Beitrag 3). Trotz nur eingeschränkter redaktioneller Eingriffe ist die Qualität offenbar überraschend gut. Sehr ausführlich wird auch das Annotationsprojekt englischer Kunstwerke in öffentlichem Besitz geschildert, das unter dem Titel "Your Paintings Tagger" läuft und die Öffentlichkeit zu stichwortartigen Beschreibungen von Kunstwerken auffordert, die dann für die Suche verwendet werden (Beitrag 8). Und gleich am Anfang steht das Brooklyn Museum in New York, das schon vor sieben Jahren eine Ausstellung weitgehend in die betreuenden Hände von Laien gegeben hat, die allerdings von Museumskuratoren moderiert wurden. [1]

Die Fragen, welche sich hier immer wieder stellen, werden schon in den Fallstudien-Beiträgen angesprochen, umfangreicher und tiefergehend aber dann in den eher reflexiven Studien des zweiten (kürzeren) Teils behandelt: (a) Was bringt es rein quantitativ und dann auch qualitativ? (b) Warum machen die Leute mit? Und (c): Was ändert sich für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Kulturinstitutionen bzw. was ändert sich für die Kulturinstitution selber? (a) Der organisatorische und technische Aufwand bei solchen Projekten ist hoch. Wenn es nicht gelingt, eine größere Öffentlichkeit bei der Datenproduktion einzubeziehen, würde man das Geld wahrscheinlich besser gleich zur Bezahlung von Profis einsetzen. Also: nur bei interessantem Design des Projektes und bei umfangreicher Werbung ist Erfolg zu erwarten. Übrigens nicht bei der Auswahl der zu bearbeitenden Objekte: Selbst für die esoterischsten Gegenstände lassen sich offenbar bei geeigneter Ansprache interessierte Mitarbeiter finden, ein entscheidender Vorteil des Internets mit seinen inzwischen rund 2.5 Milliarden Nutzern. Wenn es gelingt, hat man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Es werden große Mengen von Objekten kategorisiert, und dies im Allgemeinen auch in durchaus ansprechender Qualität, was natürlich auch mit der häufig eher zutragenden Eigenschaft von crowdsourcing zu tun hat. Gleichzeitig (b) wird das Interesse der Amateure an bedeutungsvollem kulturellen Material produktiv bedient, also so, dass diese den berechtigten Eindruck haben, nicht mehr nur als einfache Rezipienten zu fungieren, sondern an der Herstellung eines kulturellen Mehrwertes selber beteiligt gewesen zu sein. (C) wird in dem vielleicht lesenswertesten Beitrag am intensivsten angesprochen, in Lori Byrd Philipps' Beitrag zu "The role of open authority in a collaborative web" (247-268): Wenn man den Nutzer vom rein aufnehmenden zum produzierenden aufwertet, wird der bisherige "allwissende" Belehrer - ob Archivar, Bibliothekar oder Museumskustos - zum Moderator, eine Tatsache, die für die insgesamt doch eher zurückhaltende Aufnahme solcher Modelle in den Kulturinstitutionen gesorgt haben könnte. Eines aber wird gerade auch in diesem Beitrag sehr deutlich: Es geht nicht darum, die "Kathedrale" der Kulturinstitution vollständig in einen "Bazar" umzudefinieren, sondern beides miteinander so zu kombinieren, wie es vielleicht nur mit dem Internet möglich ist. [2] Übrigens wird an keiner Stelle darüber nachgedacht, ob durch crowdsourcing eventuell Arbeitsplätze von geschulten Mitarbeitern eingespart werden.

Zu kritisieren bleibt zweierlei: Erstens sind die Beschreibungen und Analysen des Buches vollständig auf die Datenerhebung konzentriert. Auswertungen dieser Daten interessieren nicht. Dabei wäre aus diesen bei Einsatz intelligenter Algorithmen eine Menge an implizitem Wissen zu erzielen. In der Kunstgeschichte beispielsweise beträfe das - um wiederum nur einen sehr speziellen Fall zu nennen - Stilzugehörigkeiten, die sich aus der Charakteristik von Werktaggings ergeben könnten. Die Reichweite solcher Fragestellungen ist allerdings beim Stand der Dinge noch nicht einmal ansatzweise zu ermessen, genau das aber macht sie umso interessanter. Und zweitens ist die Darstellung mal wieder komplett auf die angelsächsische Welt konzentriert. Die an die einzelnen Aufsätze angehängte, erfreulich ausführliche Bibliografie ist zu hundert Prozent englischsprachig, die einzige Ausnahme bei den Beiträgen betrifft ein holländisches Projekt zum Videotagging (no. 7, 161ff.), und auch dieses ist sicherlich nur deswegen einbezogen worden, weil holländische Wissenschaft wenigstens in diesem Feld eben im Wesentlichen englischsprachig ist. Es stimmt schon, der Gegenstand ist in der angelsächsischen Welt eingeführt und am weitesten vorangetrieben worden, aber ehrlicher wäre es dann doch wohl gewesen, das Buch "Crowdsourcing our English and American Cultural Heritage" zu nennen.


Anmerkungen:

[1] Click. A crowd-curated exhibition (http://www.brooklynmuseum.org/exhibitions/click/).

[2] Eric S. Raymond: The Cathedral and the Bazaar (http://www.catb.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/cathedral-bazaar/). Die Metaphorik aus der open source-Bewegung lässt sich zwanglos auf eine Kulturinstitution übertragen, die sich entweder konventionell als hierarchische Bildungsanstalt versteht oder innovativ als flache Hierarchie mit tendenzieller Gleichberechtigung von Lehrendem und Belehrtem. Auch in einem modernistisch demokratisierenden Modell muss die Autorität des Objektes in keiner Weise eingeschränkt werden.

Hubertus Kohle