Rezension über:

Grazia Gobbi Sica: The Florentine Villa. Architecture History Society (= The Classical Tradition in Architecture), First issued in paperback 2012, London / New York: Routledge 2012, 224 S., ISBN 978-0-415-54317-0, GBP 29,99
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Rezension von:
Dorit Malz
Kunsthistorisches Institut in Florenz
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Dorit Malz: Rezension von: Grazia Gobbi Sica: The Florentine Villa. Architecture History Society, First issued in paperback 2012, London / New York: Routledge 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 12 [15.12.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/12/23749.html


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Grazia Gobbi Sica: The Florentine Villa

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Grazia Gobbi Sicas "The Florentine Villa. Architecture. History. Society" von 2012 ist die englische Zweitauflage einer mehrfach aufgelegten italienischen Publikation. 1980 wurden vier Teile, die Kapitel 1 bis 4 des vorliegenden Bandes darstellen, unter dem Titel "La Villa Florentina. Elementi storici e critici per una lettura" veröffentlicht. [1] Die Neuauflage erfolgte 1998 unter dem gleichen Titel, ergänzt durch eine nähere Untersuchung des Gebietes zwischen Florenz und Sesto. [2] 2007 erschien die erste englische Auflage, erweitert um ein Kapitel zur Villa im 19. Jahrhundert und einen Anhang mit der Beschreibung von sechs Villen. [3]

Die Architektin Gobbi Sica untersucht die Entwicklung der Florentiner Villen vom 13. bis ins 19. Jahrhundert unter Einbeziehung der landschaftlichen Gegebenheiten, der Nähe zur Stadt Florenz, der landwirtschaftlichen Produktion und dem Symbolcharakter der Villen unter sozialen, wirtschaftlichen, architektonischen und künstlerischen Aspekten.

Die Publikation ist in drei Teile untergliedert: Der erste Teil besteht aus fünf Kapiteln, welche sich mit den Ursprüngen der Villa (Kapitel 1, 9-15), der Ideologie der Villa im kulturellen und sozialen Kontext (Kapitel 2, 17-35), der Villa in den Traktaten der Renaissance (Kapitel 3, 37-61), dem Garten (Kapitel 4, 63-95) und der Villa im 19. Jahrhundert befassen. In einer kurzen Einführung zur landwirtschaftlichen Bedeutung von Villen wird verdeutlicht, wie sie sich ab dem frühen 15. Jahrhundert immer mehr zu einem Statussymbol der städtischen Mittelschicht entwickeln. Ausgehend von der Wiederentdeckung klassischer Schriften im frühen Humanismus findet eine Idealisierung des Landlebens statt, welches gleichzeitig die Realisierung eines virtuosen Lebens darstellt. Überblickartig werden Schriften von Petrarca, Leon Battista Alberti, Marsilio Ficino, Polizian, Anton Francesco Doni, Benedetto Varchi und Francesco Redi hinsichtlich des Themas vorgestellt. Bei der architektonischen Analyse der Villa zieht die Autorin vor allem Albertis Schriften heran und untersucht insbesondere drei Florentiner Stadtpalazzi (Palazzo Medici, Michelozzo, 1444; Palazzo Strozzi, Benedetto da Maiano, 1489 und Palazzo Pitti). Als erste absolut unabhängig und ex novo erbaute Villa stellt Gobbi Sica die von Giuliano da Sangallo entworfene Medici-Villa Poggio a Caiano heraus (54f.). Weiterhin werden die Villen Pratolino und Artimino in etwas längerem Umfang besprochen.

Den Gärten der Villen spricht die Autorin eine wichtige Funktion zu: Sie verbinden die Villa mit der umgebenden Landschaft und stellen ausgeklügelte Sichtachsen zwischen diesen her. Den Ausgangspunkt bildet hier ein Zitat Villanis - wie viele andere Zitate in der Untersuchung nicht durch Quellenangaben belegt -, welches von einem ummauerten Garten spricht. [4] Die Hauptmerkmale des Renaissance-Gartens sind nach Gobbi Sica Labyrinthe und Grotten, eine gewachsene Auswahl an Pflanzen sowie Sichtachsen rahmende Alleen. Im 19. Jahrhundert werden auch in der Toskana Englische Gärten angelegt. Dabei werden entweder vollkommen neue Gärten geschaffen oder bereits vorhandene Gärten dem Zeitgeschmack angeglichen. Dieser Umstand ist, wie Gobbi Sica anhand verschiedener Beispiele darlegt, wohl auch dem Zuzug vieler Engländer und US-Amerikaner nach Florenz geschuldet, die neue Eigentümer vieler Villen sind - etwa Villa Medici in Careggi, Villa Medici in Fiesole und Poggio Imperiale in Florenz.

Im zweiten Teil der Publikation wird das untersuchte geografische Gebiet zwischen Florenz und Sesto beschrieben (Kapitel 6, 119-122) und in einen geschichtlichen Kontext gebettet (Kapitel 7, 123-136). Es folgt ein Abriss zur historischen Kartografie des Gebiets sowie Erklärungen zu den in den 1970er-Jahren an der Fakultät für Architektur in Florenz entstandenen Karten, die von der Autorin mit Teresa Gobbò und Luciana Capaccioli angefertigt wurden (Kapitel 8, 139-148). Die Karten sind detailreich und ermöglichen einen Überblick über Villengrundrisse, Gartenanlagen und umgebende Landschaft. Allerdings fehlen Angaben zum Maßstab sowie eine Gesamtansicht des Gebiets, wie sie der englischen Erstausgabe von 2007 noch beigefügt war.

Den dritten Teil des Buchs bildet ein Katalog von 54 Villen (150-191). Dabei wird jeweils ein kurzer historischer Überblick zur Villa und der sie umgebenden Landschaft und eine knappe Bibliografie von jeweils ungefähr zwei bis vier Titeln gegeben.

Im Appendix (193-209) werden sechs Villen (Villa Medici in Fiesole, Villa Medici in Poggio a Caiano, Villa Guicciardini Corsi Salviati in Sesto Fiorentino, Villa Gamberaia, Villa La Pietra und Villa Le Balze) ausführlicher besprochen.

Man erwartet, dass der katalogartige Aufbau sowie die minutiöse Kartierung des Gebiets zwischen Florenz und Sesto die Untersuchung zum obligatorischen Bestandteil jeder neueren Forschung in diesem Bereich macht, doch dem ist nicht so. [5] Grund für die Zurückhaltung mag die Bibliografie sein, die lückenhaft und veraltet ist. Dies hatte schon Hervé Brunon in seiner Rezension zur italienischen Ausgabe von 1998 bemängelt. [6] James S. Ackermann erwähnt die Arbeit in seiner Untersuchung zu den Villen [7], Amanda Lillie spricht von der "most important recent publication" [8] und auch Christoph Bertsch nennt sie eine "umfassende Arbeit". [9]

In der hier besprochenen Neuauflage wurde gegenüber der 2007 erschienenen Auflage auf farbige Abbildungen verzichtet, die Papierqualität ist wesentlich geringer und die Anzahl der Abbildungen reduziert. Dies führt dazu, dass vor allem im letzten katalogartigen Teil die Abbildungen den einzelnen Villen teilweise nur schwer zuzuordnen sind. Durch nur wenige Quellenangaben bei teilweise grundlegenden Themen, wie beispielsweise die Einführung der Perspektive in die Malerei (Kapitel 3), wird die wissenschaftliche Verankerung nicht transparent genug dargelegt.

Alles in allem bietet das Buch vor allem durch seinen Katalogteil eine gute, handbuchartige Grundlage zur ersten Orientierung, wobei die nötige wissenschaftliche Tiefe bei den historischen Untersuchungen und den Analysen der einzelnen Villen, die seit der 1980 erschienenen Erstauflage in einzelnen Kapiteln nur unwesentlich überarbeitet wurde, fehlt.


Anmerkungen:

[1] Grazia Gobbi: La Villa Florentina. Elementi storici e critici per una lettura, Florenz 1980.

[2] Grazia Gobbi Sica: La Villa Florentina. Elementi storici e critici per una lettura, Florenz 1998.

[3] Grazia Gobbi Sica: The Florentine Villa. Architecture. History. Society, New York 2007.

[4] Hier hätte zitiert werden müssen: Giovanni Villani: Nuova Cronica, hg. v. Giuseppe Porta, 3 Bände, Parma 1990, Buch 12, Kap. XCIV.

[5] Nicht erwähnt ist die Untersuchung beispielsweise bei: Luigi Zangheri: Ville della provincia di Firenze, Milano 1989; Gerda Bödefeld / Berthold Hinz: Die Villen der Toscana und ihre Gärten, Köln 1991; Ovidio Giuaita: Le Ville della Toscana, Roma 1997.

[6] Hervé Brunon: Rezension von: Grazia Gobbi Sica: La Villa Fiorentina. Elementi storici e critici per una lettura, Firenze 1998, in: Carnets du Paysage 5 (2000), 180-181.

[7] James S. Ackermann: La Villa. Forma e ideologia, Torino 1992, 36, Anm. 1: "Sono debitore circa l'articolazione dell'ideologia della villa all'impostazione innovativa del tema [...] di G. Gobbi..."

[8] Amanda Lillie: Florentine Villas in the Fifteenth Century. An Architectural and Social History, Cambridge 2005, 291, Anm. 4.

[9] Christoph Bertsch: Villa, Garten, Landschaft. Stadt und Land in der florentinischen Toskana als ästhetischer und politischer Raum, Berlin 2012, Anm. 19.

Dorit Malz