Rezension über:

Paul J. Burton: Friendship and Empire. Roman Diplomacy and Imperialism in the Middle Republic (353-146 BC), Cambridge: Cambridge University Press 2011, XII + 395 S., ISBN 978-0-521-19000-8, GBP 65,00
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Rezension von:
Raphael Brendel
München
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Brendel: Rezension von: Paul J. Burton: Friendship and Empire. Roman Diplomacy and Imperialism in the Middle Republic (353-146 BC), Cambridge: Cambridge University Press 2011, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 12 [15.12.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/12/21405.html


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Paul J. Burton: Friendship and Empire

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Bei dem hier zu besprechenden Buch handelt es sich um die überarbeitete und stark gekürzte Fassung einer etwa ein Jahrzehnt zuvor bei Arthur M. Eckstein eingereichten Dissertation.[1] Ziel dieses Werkes ist es, "to explore the interconnections between the meanings and dynamics of Roman interpersonal and international friendship" (3).

Das erste Kapitel "Discourse, International Relations, and International Relations theory" (1-27) bietet in zweifacher Hinsicht einen Forschungsüberblick: Einerseits erfolgt eine Auseinandersetzung mit Ernst Badians Buch "Roman Clientelae", andererseits führt Burton in das Forschungsfeld der "International Relations" (IR) und dem Unterschied zwischen dem (auf machtpolitische Aspekte konzentrierten) "IR Realism" und dem von ihm vertretenen "IR Constructivism", der etwa Aspekte der Moral in ihrer Bedeutung für zwischenstaatliche Beziehungen stärker betont, ein.

Das stark aus den Quellen gearbeitete zweite Kapitel "Friendship practices and processes" (28-75) setzt sich (stellenweise fast zu) ausführlich mit den antiken Konzepten der Freundschaft auseinander.

Die drei übrigen Kapitel befassen sich mit den Phasen der zwischenstaatlichen Beziehungen: "Amicitia incipit: beginning international friendship" (76-160) behandelt die Entstehung (durch militärische Kooperation und durch den häufigeren Fall des diplomatischen Austausches) sowie die unterschiedlichen Formen der deditio; "The duties of international friendship" (161-245) die Verpflichtungen der amici (Stellung von Truppen, Erleichterung römischer Truppenbewegungen, Informationsbeschaffung, Rat und Vermittlung in diplomatischen Fragen) und die Roms (diplomatisches Eingreifen, militärischer Schutz); "The breakdown and dissolution of international friendship" (246-353) zuletzt die Fälle, in denen es zum Bruch zwischen Rom und einem Verbündeten kam. Die Beziehungen Rom mit seinen Verbündeten sieht Burton nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern als Kontakte unter Gleichen mit deutlicher Handlungsfreiheit auch für die Verbündeten an.

In seiner Zusammenfassung (354-357) hebt Burton die beiden folgenden Ergebnisse hervor: Der (flexiblere) Begriff der amicitia sei für die zwischenstaatlichen Beziehungen passender als derjenige der clientela und die Perspektive des "IR Constructivist" erweise sich als zutreffender als die des "IR Realist".

Burtons Buch ist nicht unkritisiert geblieben (siehe Anm. 5); für eine detailliertere Diskussion sei auf die früheren Rezensionen verwiesen und hier nur einige Aspekte herausgegriffen, die dem Rezensenten besonders relevant erscheinen.

Burton weist wiederholt darauf hin, dass der (nach ihm zynische, 124) "IR Realist" Ereignisse auf eine bestimmte Art und Weise deutet, und hält dem die Sichtweise des "IR Constructivist" entgegen (etwa 124-125, 225, 265, 268-269, 294-295). Nach Ansicht des Rezensenten lässt sich so jedoch nicht Altertumswissenschaft betreiben. Selbst wenn man die Zulässigkeit der Übertragung moderner Modelle auf die Antike akzeptiert, führt dies hier dennoch in eine falsche Richtung. Ausgangspunkt jeder Interpretation muss der Einzelfall, nicht das theoretische Modell sein, und als Ergebnis ist das festzustellen, was auf Basis der Quellenlage und der sich daraus ergebenden Wahrscheinlichkeiten zu ermitteln ist, nicht die Deutung, die mit dem vertretenen Modell am ehesten in Einklang zu bringen ist. Oder kurz gesagt: Sorgfältige Quellenanalyse macht in vielen (wenn auch gewiss nicht allen) Fällen derartige Modelle unnötig (selbst wenn sie zu ähnlichen Ergebnissen führen mögen), zumal im Zweifelsfall ohnehin nur selten alle auf diese Art ermittelten Einzelergebnisse sich widerspruchslos in ein bestimmtes Modell einfügen werden.

Ein zweiter Punkt betrifft Burtons einleitend formuliertes Prinzip bei dem Umgang mit Quellentexten (24-25): Er verweist auf den rhetorischen Charakter der Texte sowie auf die oft erfundenen Reden, will diese aber nicht als Probleme auf der Suche nach dem, wie es eigentlich gewesen, sondern als Hinweise darauf, wie die Römer und ihre Verbündeten ihre Welt konstruierten, ansehen. Das dürfte aber die Probleme der Quellenlage verkennen: Viele der hierfür relevanten Quellen (etwa Livius, Diodor, Appian und Plutarch) sind keine zeitnahen Autoren, sondern schreiben Jahrhunderte später. Es wäre also zu fragen, inwiefern die Angaben etwa des Livius auf relevante frühere Zeugnisse zurückgehen und wo eigene Zutaten oder nur vor seinem zeitgenössischen Hintergrund denkbare Angaben zu finden sind.[2] Da aber Livius nur teilweise und seine Quellen meist nur in wenigen Fragmenten (die wiederum hauptsächlich dem Liviustext selbst entstammen) erhalten sind, erweist sich eine solche Beweisführung als problematisch. Somit bleibt auch hier nur wieder die Möglichkeit, die Quellen sorgfältig und kritisch zu prüfen.

Auch im Umgang mit spätantiken Quellen wäre noch etwas mehr Sorgfalt wünschenswert gewesen. Dass Autoren wie Eutropius, Orosius oder Pseudo-Aurelius Victors de viris illustribus überhaupt nur wenige Informationen liefern und diese meist nur das bestätigen, was aus ausführlicheren und besseren Quellen bekannt ist, versteht sich von selbst. In den wenigen Fällen, wo solche Texte jedoch relevante oder überhaupt die einzige Evidenz bilden, ist es dafür umso notwendiger, sich mit ihren Eigenheiten und den relevanten Forschungen auseinanderzusetzen. So werden etwa 143-144 de viris illustribus und Orosius herangezogen, um die von Burton auf Basis des Polybios aufgestellte Vermutung zu bestätigen, dass es sich bei der Kapitulation Hierons II. von Syrakus im Jahr 263 v. Chr. um eine formelle deditio handelt. Bei beiden Autoren wird ohne Weiteres angenommen, dass sie auf Livius zurückgehen, im Fall des Orosius wird dieser sogar als "Livy's epitomator" (143), also als direkter Ausschreiber des Livius bezeichnet. Einmal abgesehen davon, dass Burton de viris illustribus als "late and often unreliable" (143) charakterisiert und somit eine seiner Quellen gleich wieder disqualifiziert, wäre zudem mindestens auf die Diskussion der Frage, ob Orosius Livius direkt oder aus zweiter Hand benutzt hat, einzugehen gewesen.[3] Im besten Fall wären hier jedoch selbst Quellenstudien zu betreiben, zumal Orosius seine Vorlagen immer wieder umformuliert oder Irrtümer aufweist.

Die Bibliographie (358-380) bezeugt die Belesenheit Burtons in der Literatur in englischer Sprache; Titel in anderen Sprachen werden auch zu einem guten Teil erfasst, doch wäre hier noch so manche Lücke zu füllen.[4]

Somit bleibt ein insgesamt eher zwiespältiger Eindruck des Buches. Burton hat durchaus gute Ideen und verarbeitet große Teile des Materials (Quellen wie Forschungsliteratur) meist ordentlich. Andererseits wird nicht klar, welcher konkrete Gewinn seinem Modell zu entnehmen ist, der sich nicht in erheblich kürzerer Form auch mit den bewährten quellenkritischen Methoden hätte erzielen lassen. Mit einer zielgerichteteren Vorgehensweise hätte sich aus diesem Buch sicherlich mehr machen lassen.[5]


Anmerkungen:

[1] Paul James Burton, Amicitia in Roman social and international relations (350-146 B.C.), Diss. University of Maryland, College Park 2000 (718 S.). Erhältlich ist dieses Werk in Deutschland nur in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (als Mikrofiche-Ausgabe) und in der Universitätsbibliothek Bamberg. Für die von 1996 bis 2010 erschienenen Publikationen Burtons siehe das Literaturverzeichnis (361).

[2] Siehe in diesem Zusammenhang beispielsweise Raban von Haehling, Zeitbezüge des T. Livius in der ersten Dekade seines Geschichtswerkes, Stuttgart 1989.

[3] Siehe dazu vor allem die noch immer relevante (Burton unbekannte) Studie von Adolf Lippold, Die Darstellung des ersten punischen Krieges in den Historiarum adversum paganos libri VII des Orosius, in: Rheinisches Museum für Philologie 97 (1954), 254-286, der für diesen Zeitraum einen Auszug aus Livius als Quelle postuliert.

[4] Theodor Büttner-Wobst, De legationibus reipublicae liberae temporibus Romam missis, Diss. Leipzig 1876 (vor allem als Belegsammlung von Wert); Christian Baldus, Vestigia pacis. Der römische Friedensvertrag als Struktur und Ereignis, in: Historia 51 (2002), 298-348; Ernst Baltrusch, Außenpolitik, Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008. Zum immer wieder angesprochenen Rhodos wäre noch die Marburger Habilitationsschrift von Hans-Ulrich Wiemer heranzuziehen gewesen: Rhodische Traditionen in der hellenistischen Historiographie, Frankfurt a.M. 2001; Krieg, Handel und Piraterie. Untersuchungen zur Geschichte des hellenistischen Rhodos, Berlin 2002.

[5] Siehe zu dem Buch auch den Rezensionsaufsatz von Pau Valdés Matías, Clientelas, relaciones internacionales e imperialismo en la expansión de la república romana, in: Studia historica, historia antigua 30 (2012), 255-269 und die weiteren Besprechungen: Ernst Baltrusch, in: Historische Zeitschrift 297 (2013), 452-454; John Briscoe, in: Classical Philology 108 (2013), 257-260; Janice J. Gabbert, in: Choice: Current reviews for academic libraries 49 (2012), 2345; Manuel Tröster, in: Journal of Roman Studies 103 (2013), 269-270.

Raphael Brendel