Rezension über:

Michaela Fenske: Demokratie erschreiben. Bürgerbriefe und Petitionen als Medien politischer Kultur 1950-1974, Frankfurt/M.: Campus 2013, 437 S., ISBN 978-3-593-39572-2, EUR 34,90
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Rezension von:
Hedwig Richter
Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
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Hedwig Richter: Rezension von: Michaela Fenske: Demokratie erschreiben. Bürgerbriefe und Petitionen als Medien politischer Kultur 1950-1974, Frankfurt/M.: Campus 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 11 [15.11.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/11/25820.html


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Michaela Fenske: Demokratie erschreiben

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Was für ein großartiges Quellenkorpus. "Ich habe meine Kinder alle gut erzogen und das meine Jüngste unter die Räder fiel ist nicht meine Schuld", schreibt 1963 Franziska W. in einer Petition an den Landtag; ihre anderen Kinder sind alle weg ("9 Kinder habe ich beim Bombenangriff verloren [...] Ich habe 17 Kinder geboren und jetzt ist man alleine", 237 f.), wenigstens diese eine Tochter will die Briefschreiberin gerne wieder von der Sozialfürsorge zurückbekommen. "Wissen Sie auch das Kälte schlimmer ist als wie Hunger", (159) klagt 1955 das Flüchtlingsehepaar D. dem Ministerpräsidenten. Und Josef M. erklärt in seinem Brief: "Ihr Kollege Brand fährt jetzt nach Portugal will er dort auch die Mädchen ausprobieren macht nur so weiter". (91) "Schicken Sie uns sofort den Bundestagsabgeordneten her, er soll sich anhören an Ort und Stelle, wie wir mit unerträglichen Methoden geknechtet werden", fordert Marianne S. (321) Alte Menschen klagen über Hunger; ein Strafgefangener will Sex mit seiner Ehefrau, eine Angestellte unter keinen Umständen weitere Flüchtlinge in ihrer Wohnung, eine psychisch kranke Frau bittet darum, ihre "Stimmen" zu vertreiben, und ein Arbeitsloser hätte gerne etwas Geld, um mit Frau und Kindern Weihnachten feiern zu können.

Die Kulturanthropologin und Historikerin Michaela Fenske stellt in ihrer Habilitationsschrift die vielen tausend Briefe vor, die Bürgerinnen und Bürger von 1950 bis 1974 an den Landtag und an die Ministerpräsidenten in Niedersachsen geschrieben haben. All die Stimmen, die sonst in den Quellen nicht zu hören sind, werden hier laut. In den ausführlich zitierten Briefen sprechen die prekären Existenzen und ausgeschlossenen Figuren, die Frustrierten, aber auch Frauen und Männer, die unbedingt den sozialen Aufstieg wollen oder den Abstieg fürchten. Überproportional mehr Alte schickten Briefe an Politiker, mehr Menschen mit Behinderung, eher Angehörige der unteren Schichten, Arbeitslose, Flüchtlinge und Alleinstehende.

Was macht die Autorin mit den Quellen? Das bleibt leider unklar. Über das Forschungsinteresse finden sich unterschiedliche Aussagen: Michaela Fenske will danach fragen, wie sich das Bedürfnis nach politischer Kommunikation gestaltete. (10) Aber sie interessiert sich auch für den Alltag der Menschen. (16) Im letzten Kapitel findet sich noch eine Reflexion über die Möglichkeiten des Internets für Demokratie. Und obwohl die Bürgerbriefe genau darüber keine Auskunft geben können, behandelt eines von fünf Kapiteln die "Effekte der Bürgerpost". Das erweist sich denn auch als ein zentrales Problem des Buches: dass die Quellen kaum zu den Thesen passen.

Michaela Fenske reflektiert ihre Unschärfe und begründet sie mit einem weiten Begriff von Politik und einer ethnologischen Herangehensweise. Sie wolle die Briefe als "jeweils unterschiedliche Splitter zu einem Kaleidoskop des langen Nachkriegserlebens" zusammenfügen. (4) Doch die Arbeit erliegt der "unendliche[n] Mannigfaltigkeit" der Wirklichkeit, wie Max Weber das Problem umreißt: "Und die absolute Unendlichkeit dieser Mannigfaltigkeit bleibt intensiv durchaus ungemindert auch dann bestehen, wenn wir ein einzelnes 'Objekt' - etwa einen konkreten Tauschakt - isoliert ins Auge fassen, - sobald wir nämlich ernstlich versuchen wollen, dies 'Einzelne' erschöpfend in allen seinen individuellen Bestandteilen auch nur zu beschreiben". [1] Für transparentes Arbeiten und eine reflektierte Analyse muss der Wissenschaftler den Fokus bestimmen.

Tatsächlich erweisen sich die Bürgerbriefe und Petitionen als unendliches Feld: Schuldfrage und Kalter Krieg, Bauern als Freunde der Monarchie, Briefmarken, Papierbeschaffenheit, die Selbstpräsentation der Ministerpräsidenten, moralische Kategorien Westdeutschlands, die Organisation der Staatskanzlei und die Neuorganisation der Polizei, die Bedeutung der BILD für Bürgerbriefe, überhaupt die Medien. Zu zahlreichen Punkten fallen der Autorin kluge Kommentare ein. Und oft greift sie Probleme auf, denen man mehr Tiefe wünscht: So stellt sie beispielsweise fest, dass die Selbstverständlichkeit des Bittens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abnahm. (83) Interessant ist auch, wie ernst Ministerpräsidenten und Parlament die Briefe nahmen und wie häufig sie auf die Wünsche der Petenten eingingen, indem sie versuchten, die Bitten zu erfüllen.

Zu oft aber bleibt die Analyse an der Oberfläche: Das Standardisierte der Briefform sei "individuell angeeignet" worden. (99) Politiker hätten in den Nachkriegsjahren eine Neigung für konservative Geschlechterbilder gehegt und die Bevölkerung für Heimatfilme. In den 1960er Jahren versuchten Briefschreiber "bürgerliche Wohlanständigkeit gegen den Ansturm jugendlicher Dynamik zu verteidigen". (220) Es zeigten sich "Ungleichzeitigkeit und verschiedene Geschwindigkeiten" beim Prozess der Liberalisierung. (223) Im Untersuchungszeitraum der Studie sei es das zentrale Anliegen der Schreiber gewesen, ihre Meinung in den Schaltzentralen der Macht zu Gehör zu bringen, heißt es dann in dem assoziativ gehaltenen Schlusskapitel. (409) Alles richtig, aber alles nicht neu.

Die Thesen mit Neuigkeitsanspruch jedoch können kaum überzeugen. So will Michaela Fenske nachweisen, dass die Demokratie "in der jungen Bundesrepublik auch erschrieben" worden sei. (10) Dabei weist sie selbst darauf hin, dass diese Kommunikationsform nicht originär demokratisch ist, sondern sowohl in Monarchien, als auch unter Stalin und Hitler oder in der DDR eifrig betrieben wurde. Vor allem aber schreiben in den vorliegenden Quellen überwiegend Menschen, die keine andere Artikulation finden, die dem bürgerlichen System von Wahlen und Parlamentarismus mit Unverständnis gegenüber stehen. Sie fordern eine direkte Herrschaft - oft verbunden mit Formeln der Selbsterniedrigung und Lobpreisung der Herrschenden. Es handelt sich bei den Briefen in aller Regel eben doch um Zeugnisse einer "Untertanenkultur" (subject culture), so Gabriel Almond und Sidney Verba [2]; einer Kultur freilich, für die es auch in einer Demokratie immer empfängliche Akteure gibt. Die Autorin aber weist Almonds und Verbas Verdikt entschieden zurück, weil sie die Briefe als integralen Bestandteil der Demokratisierung lesen will. (31)

So bleibt die Analyse unbefriedigend. Das ist schade, denn der ethnologische und kulturhistorisch interessierte Zugriff, den die Autorin gewählt hat, muss keineswegs im Gegensatz zu einem klaren Forschungsinteresse stehen. Die Präsentation dieses faszinierenden Quellenkorpus allerdings bleibt ein Verdienst von Michaela Fenske, und wer sich mit der Alltagswelt deprivilegierter Menschen in der jungen Bundesrepublik befassen will, findet in diesem Buch reiche Anregungen.


Anmerkungen:

[1] Max Weber: Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen 61985, 170.

[2] Vgl. Gabriel Almond / Sidney Verba: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Newbury Park u. a. 1963.

Hedwig Richter