Rezension über:

Stefan Albrecht (Hg.): Chronicon Aulae regiae - Die Königsaaler Chronik. Eine Bestandsaufnahme (= Forschungen zu Geschichte und Kultur der böhmischen Länder; Bd. 1), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, 251 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-631-64535-2, EUR 46,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Martin Bauch
Deutsches Historisches Institut, Rom
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Martin Bauch: Rezension von: Stefan Albrecht (Hg.): Chronicon Aulae regiae - Die Königsaaler Chronik. Eine Bestandsaufnahme, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 11 [15.11.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/11/25058.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Stefan Albrecht (Hg.): Chronicon Aulae regiae - Die Königsaaler Chronik

Textgröße: A A A

Die Chronik des Klosters Königsaal (Zbraslav) ist eine zentrale Quelle für die Geschichte Böhmens in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und hat dabei einen weit über Böhmen hinausgehenden geographischen Horizont. Die Historische Kommission für die Böhmischen Länder bereitet eine bald erscheinende, erstmalige Übersetzung dieser Quelle ins Deutsche vor. In diesem Zusammenhang entstand der vorliegende Sammelband, der sieben Beiträge tschechischer Mediävisten enthält - darunter etablierte Fachleute und Nachwuchs gleichermaßen -, ihnen stehen zwei Beiträge deutscher Provenienz gegenüber. Dass in diesem Fall zwei etablierte Forscher zum Zuge kamen, die lange entweder zu Ostmitteleuropa allgemein oder speziell zur böhmischen Geschichte arbeiten, steht exemplarisch für einen Schwund des Interesses in Deutschland an der mittelalterlichen Geschichte der Länder der Wenzelskrone seit 1990. Dies ändert sich erst seit wenigen Jahren, wenn auch mit Vehemenz. [1] An der Attraktivität der Quellen zum mittelalterlichen Böhmen kann diese bedauerliche Entwicklung nicht gelegen haben, also bleibt die beschämend einseitig ausgeprägte Sprachbarriere ebenso eine Erklärung wie der nachlassende biographische Bezug zu dieser Region, der eine Reihe deutscher Mediävisten der Nachkriegszeit auszeichnete. Umso wichtiger ist es also, hier in deutscher und einmal in englischer Übersetzung tschechische Kollegen mit ihren Beiträgen dem deutschsprachigen Fachpublikum zugänglich zu machen. Wohl versehentlich bleiben nur wenige alttschechische Zitate (133, 192f., 196, 198) unübersetzt.

Einige der Beiträge fokussieren nicht immer scharf auf das eigentliche Thema des Sammelbandes. Sie ermöglichen aber dem deutschsprachigen Leser einen tieferen Einblick in Forschungsfelder der tschechischen Mediävistik: Běla Marani Moravova etwa gibt einen Abriss zur (hoch-)mittelalterlichen Stadtgeschichte Böhmens und verlässt auch im Folgenden immer wieder den Berichtszeitraum der Königsaaler Chronik. Trotzdem bringt sie erhellende Einblicke zur Rolle der Bürger bei Königswahl und Unruhen (1309, 1319), die gerade den Übergang der Herrschaft von den Přemysliden auf die Luxemburger charakterisierten. Den weitesten Bogen spannt Norbert Kersken in seinem Beitrag über 'Äbte als Historiker'. Ihm geht es um die Charakteristika monastischer Geschichtsschreibung (Themen, Autorenprofil, Motive) soweit diese in der Hand des Abtes lag. Damit füllt er eine Forschungslücke für alle Teilepochen des Mittelalters, europaweit und von den Karolingern an. Allerdings bleibt wenig Raum für Peter von Zittau trotz des fast überwältigenden Materialreichtums des Artikels. Robert Antonín will in seinem Beitrag die Argumentationsstrukturen der Chronik analysieren, die sich der Frage nach der Herkunft und Legitimation von königlicher Herrschaft widmen. Den Eid Wenzels III. auf die Reliquien des böhmischen Landespatrons und heiligen Vorfahren macht er zur Ausgangsbasis eines weitschweifigen Exkurses zur Entwicklung des Wenzelskultes unter dem Aspekt der Herrschaftslegitimation und lässt so den Textbezug schnell hinter sich. Überzeugender geraten die Ausführungen zu der Passage, in der durch den Mund des sterbenden Wenzel II. seinem Nachfolger von Peter von Zittau klassische Herrschertugenden nahegelegt werden. Die langen Exkurse Antoníns überzeugen den Leser aber nur bedingt von der Tatsache, dass es sich bei der Chronik um eine erstrangige Quelle zur Herrschaftslegitimation im Mittelalter handeln soll.

Vier Beiträge behandeln dann wirklich die Königsaaler Chronik. Aus dem Werk heraus skizziert Kateřína Charvátová ('Cistercian monks and Bohemian kings') die durchaus bekannte Rolle der Zisterzienser am Hof der böhmischen Könige zwischen den letzten Přemysliden und der neuen Dynastie aus dem Westen. Konzise beschreibt sie den schwindenden Einfluss der Zisterzienser auf Johann von Böhmen ab 1319, der wesentlich zum kritischen Bild beitrug, das Peter von Zittau von diesem Herrscher zeichnete. 'Sprache und Stil der Königsaaler Chronik' widmet sich Anna Pumprová und referiert dabei den Stand der tschechischen wie deutschen philologischen Forschungen zum Werk Peters von Zittau, dessen literarischer Kontext so komprimiert greifbar wird. Marie Bláhová, etablierte Spezialistin für die böhmische Chronistik des 14. Jahrhunderts, zeigt in ihrem Beitrag instruktiv die Arbeitsweise Peters auf und vergleicht sie mit dem Vorgehen anderer mittelalterlicher Geschichtsschreiber. Mit Hilfe der detaillierten Rekonstruktion der Textgenese können unmittelbare Schlussfolgerungen für den Quellenwert einzelner Passagen der Chronik gezogen werden.

Peter Hilsch fragt schließlich nach dem Weltbild der beiden bekannten Autoren der Chronik und skizziert dazu deren karg überlieferte Biographien. Freilich sollte man hier keine ausdifferenzierte Geschichtsphilosophie erwarten, sondern eher die Klärung der stark monastisch geprägten Perspektive v.a. Peters von Zittau auf historische Ereignisse, Personen und Gruppen. Bemerkenswert ist dabei z.B. die ausgesprochen judenfreundliche Haltung Peters; und auch sonst zeigt Hilschs Beitrag, welche kulturhistorische Fundgrube das Werk ist. Der Vergleich der Königsaaler und der Dalimil-Chronik unter dem Aspekt des vormodernen Nationalbewusstseins erlaubt Martin Nodl eine interessante Relativierung der Repräsentativität besonders 'national' argumentierender Autoren wie des sog. Dalimil. Zugleich zeigt er eindrücklich die Harmonisierungstendenz der Historiographie im Zeitalter Karls IV. auch in der Frage ethnischer Spannungen. Die Irritation, die den Leser beim Gebrauch von Termini wie "politischer Nation" (190) für das 13. oder "reflektierter Patriotismus" (202) für das 14. Jahrhundert befällt, ist freilich nicht zu leugnen. Es dominieren also eher traditionelle Forschungsfelder, in Deutschland mehr als etablierte Zugriffe wie Ritualforschung fehlen. Doch diese klassischen Schwerpunkte der tschechischen Mediävistik - wie die Frage nach der Entstehung nationaler Identitäten - sind eben für das mittelalterliche Böhmen besonders gut zu bearbeiten; hier kann die deutsche Mediävistik inhaltliche Anregungen aufnehmen.

Einen interdisziplinären Zugriff auf das Werk unternimmt die Kunsthistorikerin Klara BeneŠovská, wenn sie die Chronik zu Aussagen bezüglich der baulichen Entwicklung der Klöster Königsaal und Sedletz durchsucht. Dabei wird leider der Bezug zwischen architekturgeschichtlichem Befund und Schriftquellen in Ansätzen (Königsaal) oder so gut wie gar nicht (Sedletz u.a.) ausgearbeitet.

Das interpretatorische Potential der Chronik ist mit den vorhandenen Beiträgen noch lange nicht erschöpft: Sei es mit Blick auf Material zur Umweltgeschichte - wie etwa mit dem Erstbeleg der großen europäischen Rinderseuche 1316-21[2] -, sei es angesichts von Informationen zur Geschichte der außerböhmischen Regionen, gerade auch südlich der Alpen, wie eine instruktive Karte (9) illustriert. Leider fehlt eine Einordnung der Beiträge in den Stand der Forschung und auch die Formulierung möglicher Forschungsperspektiven in der zweiseitigen, allzu knappen Einleitung durch den Herausgeber. Und doch macht der Sammelband Lust auf die Übersetzung, die die Chronik von Königsaal gerade in der Lehre leichter zugänglich machen wird. Und warum sollte man nicht Ähnliches für die Chroniken des Franz von Prag und des Benesch von Weitmühl ins Auge fassen? Die böhmische Geschichte und mit ihr die Arbeit der tschechischen Kollegen, so bliebe zu hoffen, gewännen so für die deutsche Mediävistik wieder an Bedeutung. Dazu leistet der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag, der an andere Publikationen der letzten fünf Jahre anknüpfen kann.


Anmerkungen:

[1] Zu verweisen wäre auf eine Reihe deutsch-tschechischer Sammelbände: Soziale Bindungen und gesellschaftliche Strukturen im späten Mittelalter: (14. - 16. Jahrhundert), hgg. v. Eva Schlotheuber, Hubertus Seibert, Göttingen [u.a.] 2013; Ecclesia als Kommunikationsraum in Mitteleuropa: (13. - 16. Jahrhundert), hgg. v. Eva Doležalová und Robert Šimunek, München [u.a.] 2011; Böhmen und das Deutsche Reich: Ideen- und Kulturtransfer im Vergleich (13.-16. Jahrhundert), hgg. v. Eva Schlotheuber, Hubertus Seibert, München 2009.

[2] Vgl. zuletzt Philip Slavin: The Great Bovine Pestilence and its economic and environmental consequences in England and Wales, 1318-50, in: The Economic history review 65 (2012), 1239-1266.

Martin Bauch