Rezension über:

Stefan Thäle: Herrschertod und Herrscherwechsel. Kommunikative Strategien und medialer Wandel in der Grafschaft Lippe des 18. Jahrhunderts (= Westfalen in der Vormoderne. Studien zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landesgeschichte; Bd. 16), Münster: Aschendorff 2014, 168 S., 11 s/w-Abb., ISBN 978-3-402-15056-6, EUR 42,00
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Rezension von:
Simon Karstens
Fachbereich III, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Simon Karstens: Rezension von: Stefan Thäle: Herrschertod und Herrscherwechsel. Kommunikative Strategien und medialer Wandel in der Grafschaft Lippe des 18. Jahrhunderts, Münster: Aschendorff 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 11 [15.11.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/11/24341.html


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Stefan Thäle: Herrschertod und Herrscherwechsel

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Im Zentrum der Untersuchung von Stefan Thäle steht die Kommunikation zwischen regionalen Eliten, Untertanen und potentiellen neuen Herrschaftsträgern nach dem Tod eines regierenden Fürsten in der Grafschaft Lippe im 18. Jahrhundert. Die Studie ist eine überarbeitete Fassung seiner im Jahr 2007 in Bielefeld im Forschungskontext des SFB 584 "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte" entstandenen Dissertation. Zu beachten ist, dass der Forschungsstand sowohl zur Landesgeschichte Lippes, wie auch zum Phänomen Herrscherwechsel / Herrschaftswechsel nicht über das Jahr 2006 hinaus eingearbeitet wurde.

Thäle präsentiert Herrscherwechsel eingangs als einen oft als harmonisch simplifizierten Übergangsprozess (11). Demgegenüber sei das Ziel seiner Studie eine Analyse der komplexen Vorgänge, die mit der Übertragung von Souveränität auf eine neue Person verbunden sind. Sein Erkenntnisinteresse spezifiziert Thäle als Frage nach der Teilhabe an und der Gestaltung von politischer Kommunikation in der spezifischen Umbruchssituation. Demnach erschaffen Herrscherwechsel in der etablierten politischen Kommunikation ein "Vakuum" (25), das von Akteuren durch Kommunikationsstrategien gefüllt werden kann, um die zukünftigen politischen Verhältnisse in ihrem Sinne zu ordnen. Mit dieser Perspektive nimmt Thäle sowohl Angehörige der herrschaftlichen Familie, Mitglieder der Landesverwaltung, als auch regionale meist den Ständen angehörige Führungspersönlichkeiten in den Blick. Als Adressaten der politischen Kommunikation unterscheidet er Untertanen und Standesgenossen, die er gleichermaßen nicht als passive Empfänger behandelt sondern in Anlehnung an den Münsteraner SFB 496 in einer dialogischen, politische Ordnung konstituierenden Kommunikationsbeziehung mit den zentralen Akteuren sieht. Dieser methodische Zugriff ist im Verhältnis zur Kürze der Arbeit ausführlich und überzeugend dargelegt.

In nur wenigen Worten (24f.) postuliert Thäle hingegen die Eignung Lippes als Beispiel für die kleineren Territorien des Alten Reiches und begründet dies wenig überzeugend mit dessen geringer Größe. Hier wäre eine breitere Begründung der Wahl des Untersuchungsraumes notwendig gewesen, um die Ergebnisse der Studie über einen rein territorialgeschichtlichen Rahmen hinaus verorten zu können und der Untersuchung mehr Relevanz zu verleihen. Dies gilt umso mehr, da einerseits viele der kleineren Territorien des Reiches kirchliche Herrschaften waren, in denen Herrscherwechsel von einem Wahlakt abhingen und andererseits auch weltlichen Territorien gleicher Größe beispielsweise durch dynastische Verbindungen, Kreiszugehörigkeit und konfessionelle Ordnung unterschiedlichen Einflüssen bei einem Herrscherwechsel unterlagen.

Im Verlauf der Studie werden drei der im 18. Jahrhundert in Lippe vollzogenen Herrscherwechsel (1734, 1747 und 1782) untersucht. Begründet wird diese Auswahl neben der Quellenlage damit, dass diese Fälle einen bestimmten Wandlungsprozess widerspiegeln (25f.). Wie bereits das Inhaltsverzeichnis zeigt, geht Thäle von der Prämisse aus, dass sich im Laufe des 18. Jahrhunderts in der Grafschaft Lippe eine Entwicklung von prunkvoll-barock absolutistischen zu pragmatisch-aufgeklärten absolutistischen Herrscherwechseln vollzogen habe und will diese These mit seinen Beispielen stützen. Als Quellen für die Untersuchung dienen ihm Sachakten und Regierungsprotokolle sowie verschiedene Nachlässe, Landtagsakten und zeitgenössische Druckschriften, wie das Lippische Intelligenzblatt (27f.).

Der erste Teil der Darstellung (30-56) umfasst Grundlagen zur politischen Ordnung Lippes und zur allgemeinen Organisation eines Herrscherwechsels. Thäle fasst hier schlüssig die damit verbundenen Zeremonien, Rechtsformen und Akteure zusammen und betont, dass Tradition und Herkommen als Ordnungskategorien in der Theorie zentrale Bedeutung zukam.

Im zweiten Teil (57-93) werden die drei Beispiele vorgestellt und, wie die Überschriften zeigen, entsprechend der zentralen These kategorisiert. Der erste Herrscherwechsel von 1734 erscheint als "barockes Schauspiel" der zweite von 1747 als "kommissarische Huldigung" und der dritte von 1787 als "Ritual der Nüchternheit". Die Beschreibungen sind kurz und dienen als Grundlage für die folgenden Kapitel, in denen weitere Details und Deutungen geboten werden. Allerdings sind die von Thäle gewählten Beispiele nur eingeschränkt vergleichbar, da der erste und dritte Fall ein Herrscherbegräbnis und die Organisation der Nachfolge beinhalten, der zweite hingegen - auch im Widerspruch zum Titel der Studie - nur die Huldigung bei der Anerkennung der Mündigkeit eines Thronerben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Herrscherwechsel von 1742 in den folgenden Kapiteln weit in den Hintergrund rückt.

Der dritte Teil der Studie (75-125) ist den Medien gewidmet, mittels derer sich die politische Kommunikation vollzog. Thäle verwendet hier einen breiten Medienbegriff und stellt sowohl kirchliche und weltliche Sprechakte, Schriften und Zeremonien, wie auch einzelne symbolische Handlungen und Gegenstände vor und verbindet dies zu einer Gesamtanalyse. Dabei überwiegt zunächst die Kommunikation zum Herrschertod gegenüber der Etablierung der neuen Herrschaft. Dies ändert sich durch eine genaue Betrachtung des Huldigungsrituals von 1734, bei der ausführlich die Durchsetzung eines umstrittenen Herrschaftsanspruchs - in diesem Falle von Seiten der Witwe - vorgestellt wird.

Im vierten und letzten Abschnitt (126-151) stehen die durch Trauerfeier und Huldigung 1734 und 1782 kommunizierten Inhalte im Zentrum, wobei auch hier der Wandel vom Barock zur Aufklärung zentrale Bedeutung hat. So war die erste, prunkvolle Trauerfeier nach Thäle von einer Inszenierung von Hierarchien geprägt und machte die herausgehobene Stellung des Herrschers und seiner Familie, die als Bewahrer der Rechtsordnung und Verkörperung der traditionellen Ordnung dargestellt wurden, für Betrachter wie Mitwirkende erlebbar. Dies konnte - so Thäle - der Witwe nutzen, um ihre umstrittene Regentschaft gegenüber den Ständen zu festigen.

Die Trauerfeier des Jahres 1782 habe hingegen durch eine mehrtägige öffentliche Aufbahrung und den Verzicht auf eine prunkvolle Beisetzung eine vorher nicht übliche Zugänglichkeit des Herrschers sowie einen zur Pragmatik und Sparsamkeit gewandelten politischen Stil vermittelt. Der Gegensatz beider Trauerfeiern spiegelte sich auch in der Übernahme der Herrschaft durch den Nachfolger, die 1782 als vergleichsweise unumstrittener Verwaltungsakt vollzogen wurde.

Im Fazit (152-156) verortet Thäle seine Beobachtungen knapp in einem angeblich im Alten Reich allgemeinen Übergang von einem barocken Prunkabsolutismus hin zu einem rationalen aufgeklärten Absolutismus im 18. Jahrhundert. Spätestens an dieser Stelle wäre eine breitere Einordnung der Ergebnisse in die neuere Forschung zum Absolutismus notwendig gewesen, um eine inzwischen übliche, differenziertere Anwendung dieser historiografischen Kategorie zu gewährleisten.

Insgesamt hat Thäle eine klare Beweisführung für seine auf einem älteren Forschungsstand basierende These vorgelegt, bei der allerdings aufgrund der nur zwei ausführlich verglichenen Beispiele der Eindruck entsteht, dass es sich eher um Illustrationen für ein dem Autor bereits bekanntes Ergebnis handelt, als um Bausteine einer offenen Analyse. Thäles Leistung liegt darin, neuere Theorien des Faches für einen interessanten und überzeugenden Zugang zum Verständnis der historischen Ereignisse von 1734 und 1782 in Lippe nutzbar zu machen. Seine Beobachtungen regen zu weiteren Vergleichen an, die unverzichtbar sind, bevor weiterführende Beobachtungen zum Phänomen Herrscherwechsel Gültigkeit beanspruchen können.

Simon Karstens