Rezension über:

Carmen Winkel: Im Netz des Königs. Netzwerke und Patronage in der preußischen Armee 1713-1786 (= Krieg in der Geschichte; Bd. 79), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2013, 364 S., ISBN 978-3-506-77733-1, EUR 44,90
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Rezension von:
Hillard von Thiessen
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Hillard von Thiessen: Rezension von: Carmen Winkel: Im Netz des Königs. Netzwerke und Patronage in der preußischen Armee 1713-1786, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 11 [15.11.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/11/23825.html


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Carmen Winkel: Im Netz des Königs

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Dass die Armeen der Frühen Neuzeit von Patronage durchzogen waren, ist mittlerweile keine neue Erkenntnis mehr - man denke etwa an Guy Rowlands bereits mehr als ein Jahrzehnt alte Studie zur französischen Armee unter Ludwig XIV. [1] Um die preußische Armee allerdings, die traditionellerweise als Ausbund an Schlagkraft und Effizienz, als Disziplinierungsinstrument im Dienst der Staatsbildung galt, hat die Patronageforschung bislang einen weiten Bogen gemacht. Diese Lücke füllt die Studie von Carmen Winkel, mit der sie an der Universität Potsdam promoviert wurde.

Ausgangspunkt des Buches ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Monarchen und seinen Offizieren unter den Königen Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. Damit wird ein Abschnitt in der Geschichte des preußischen Heeres betrachtet, der in der klassischen Forschung als Formationsphase eines erneuerten Militärapparates gilt. Er habe den Aufstieg Preußens zur Großmacht ermöglicht und die Stellung des Königs gefestigt. Der Adel, so diese ältere Meistererzählung, sei auf diese Weise in die Monarchie integriert worden und habe sich einem Disziplinierungsprozess unterworfen. Es bedarf nicht langer Ausführungen, um diese Sicht als Anachronismus in der jüngeren Forschungslandschaft zum frühneuzeitlichen Staatsbildungsprozess zu charakterisieren. Dass die preußische Militärgeschichte hier hinterherhinkt und selbst neuere Arbeiten etwa die Dekonstruktion des Absolutismusparadigmas unbeachtet lassen, hat seine Ursache nicht nur in der Scheu, die Bedeutung des Soldatenkönigs und des großen Friedrich auf dem Gebiet der Militärgeschichte zu schmälern, sondern liegt vor allem an der durch die Zerstörung des Potsdamer Heeresarchivs 1945 begründeten schlechten Quellenlage.

Carmen Winkel muss in ihrer Studie daher auf eine Restüberlieferung zurückgreifen, welche Rapporte von Kompaniechefs, Bittschriften, Vasallentabellen und Bestände aus Adels- und fürstlichen Hausarchiven umfasst. Die Autorin versteht ihre Arbeit als Beitrag zu einer "neuen Militärgeschichte", die mit einem sozial- und kulturhistorisch geweiteten Blick das Militär als Teil der Gesellschaft untersucht. Sie geht ganz ähnlich wie die jüngere Forschung zu Staatsbildung und Patronage vor, wenn sie sich vor allem für informelle Beziehungsstrukturen - zwischen dem König und seinen Offizieren und innerhalb des Militärs - interessiert. Sie unternimmt mit anderen Worten eine Netzwerkanalyse, basierend vor allem auf den Arbeiten Wolfgang Reinhards und seiner Schule; dabei geht es ihr ebenso wie dieser nicht um einen quantitativen Ansatz, sondern um die qualitative Analyse sozialer Beziehungen, die sie - ebenfalls im Einklang mit der jüngeren Netzwerk- und Patronageforschung - als Gabentauschbeziehungen versteht und deren Funktionalität für das Militär wie die Staatsbildung sie fokussiert. Auch die Erwartungen und Interessen der adligen Offiziere behält sie im Blick.

Die Arbeit leistet insoweit keinen methodisch innovativen Beitrag zur Netzwerkforschung (und gibt das auch gar nicht vor), sondern sie wendet ein vorhandenes, an anderen Untersuchungsgegenständen entwickeltes methodisches Instrumentarium auf ein neues Feld an, eben das preußische Militär unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. Dieses Unterfangen gelingt der Verfasserin überzeugend und führt zu neuen Erkenntnissen über die preußische Armee als Instrument des Königs wie des in ihr dienenden Adels, und dies weit über rein militärische Zielsetzungen hinaus.

Überzeugend legt die Studie dar, dass es in der preußischen Armee des 18. Jahrhunderts weder standardisierte Zugangsvoraussetzungen noch formale Laufbahnkriterien gab. Von einer zentralen Kontrolle der Rekrutierung und Beförderung kann keine Rede sein, da die Regimentskommandeure die Auswahl des Personals und die Entscheidungen über Karrieren in ihrer Hand behielten. Insoweit, so die Autorin, kann von einer "Monarchisierung" des Militärs, verstanden als Prozess der Zentralisierung und Disziplinierung, keine Rede sein. Die Offiziere verstanden ihr Verhältnis zum Monarchen als eine Patronagebeziehung, von der sie erwarteten, dass sie ihrer adligen Ehre zuträglich sei. Dabei gelang es der Krone zu keinem Zeitpunkt, die Definitionsmacht über den Ehrbegriff ihrer Offiziere zu erlangen. Die Armee blieb für den Adel ein Ort, an dem er königliche Patronage genoss sowie selbst als Patron Ressourcen vergeben konnte: kurzum, die Armee bot einen Rahmen ständischer Selbstbestätigung. Das bedeutet auch, dass die Krone ihr Militär - in gewissen Grenzen erfolgreich - zur Integration und Bindung des Adels an sich nutzen konnte, darüber hinaus auch als Instrument der Bündnispolitik mit anderen Fürstenhäusern. Gerade bei der Beförderung von Angehörigen auswärtiger Fürstenfamilien zählte letztgenannter Aspekt mehr als militärische Funktionalität. Insgesamt war die Armee aus Sicht der Krone durchaus ein funktionales Herrschaftsinstrument, das Loyalitäten generierte und ausbaute, also keineswegs nur im engeren Sinne militärischen Funktionen diente. Gleichwohl stieß die Krone an Grenzen: auswärtige Fürsten- und Adelsfamilien behielten sich vor, Mehrfachbindungen zu pflegen und vermieden es so, sich in exklusiver Treue dem preußischen König zu unterstellen. Mitunter kam es zu einer regelrechten Patronagekonkurrenz, bei der Klienten dem besseren Angebot folgten, das nicht selten aus Wien kam.

Dass die Bindung des Adels an seinen Dienstherrn personaler Natur war, also nicht einem abstrakten Staatswesen oder gar Vaterland galt, wurde, so ein besonders interessanter Abschnitt der Studie, nach 1763 deutlich. Bestand bis dahin ein mehr oder weniger intensiv gepflegtes personales und reziprokes Nahverhältnis zwischen dem König und seinen Offizieren, zog Friedrich II. sich nun zunehmend aus diesem zurück. Damit setzte eine Phase der Schwächung der Loyalitäten des Offizierskorps ein. Deutlich wird an diesem Beispiel, dass die informelle Rolle des Königs als Patron seiner Offiziere noch nicht adäquat durch formale, über Mittelspersonen und bürokratische Apparate organisierte Strukturen zu ersetzen war. Der Formalisierung des Informellen waren Grenzen gesetzt. Es ist eine interessante Frage für zukünftige Studien, wann und wie sich das änderte.

Das preußische Militär erscheint in der Studie von Carmen Winkel als ein Feld der Beziehungen zwischen Militär und Krone, das sich in seinem informellen Geflecht wenig von anderen Bereichen des Fürstendienstes unterschied. Natürlich war die Armee dennoch ein spezialisierter Apparat - der aber nur dann funktionieren konnte, wenn er durch die ubiquitäre Kulturform Patronage zusammengehalten wurde.


Anmerkung:

[1] Guy Rowlands: The Dynastic State and the Army under Louis XIV. Royal Service and Private Interest 1661-1701, Cambridge 2002.

Hillard von Thiessen