Rezension über:

Sebastian Rimestad: The Challenges of Modernity to the Orthodox Church in Estonia and Latvia (1917-1940) (= Erfurter Studien zur Kulturgeschichte des orthodoxen Christentums; Bd. 6), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, 333 S., ISBN 978-3-631-62437-1, EUR 61,95
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Rezension von:
Svetlana Bogojavlenska
Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universit├Ąt, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Svetlana Bogojavlenska: Rezension von: Sebastian Rimestad: The Challenges of Modernity to the Orthodox Church in Estonia and Latvia (1917-1940), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/25931.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Sebastian Rimestad: The Challenges of Modernity to the Orthodox Church in Estonia and Latvia (1917-1940)

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In den letzten 20 Jahren sind in Lettland und Estland einige Arbeiten erschienen, die die Geschichte der orthodoxen Kirchen in diesen Ländern beleuchten. Unter diesen findet man jedoch kaum Werke, die sich mit der Zeit der staatlichen Unabhängigkeit 1918-1940 beschäftigen. Außerdem sind die meisten Veröffentlichungen, was die methodische Herangehensweise betrifft, in der traditionellen Kirchengeschichte verfangen. Kaum einmal wird die Kirche in dem politischen und sozialen Kontext der Zeit betrachtet. Die Arbeit von Sebastian Rimestad stellt den gelungenen Versuch dar, diese Tendenzen zu überwinden und die orthodoxen Kirchen Estlands und Lettlands hinsichtlich des oben genannten Zeitraums interdisziplinär - mit religions-, politik-, geschichts- und kommunikationswissenschaftlichen Methoden sowie mit Hilfe der Soziologie und Theologie - zu betrachten. Seine religionswissenschaftliche Dissertation ist 2011 an der Universität Erfurt unter der Betreuung von Vasilios Makrides entstanden.

Das Buch stellt die Auseinandersetzung der orthodoxen Esten und Letten mit den Herausforderungen der Moderne im frühen 20. Jahrhundert dar. In dieser Zeit änderte sich die Stellung der orthodoxen Kirche durch die politische Umwälzung, den Zusammenbruch des Russischen Reiches und die Gründung der Nationalstaaten wesentlich. Der Verfasser analysiert den Diskurs des orthodoxen Christentums und seine Bezüge zur Nationsbildung der Esten und Letten. Eines der Hauptziele der Arbeit besteht darin zu zeigen, wie die orthodoxen Kirchen in Estland und Lettland den Herausforderungen der Moderne begegneten (50) Die Arbeit ist auf der Basis gedruckter Quellen verfasst, dabei handelt es sich um orthodoxe Periodika und andere zeitgenössische Publizistik über die orthodoxe Kirche, die laut Rimestad eine präzise Abbildung der sozialen und politischen Kontexte der Zeit vermitteln.

Im ersten Teil "Modernity and Orthodox Christianity" werden die theoretischen Grundlagen dargestellt. Besonders dem Begriff der Moderne wird viel Aufmerksamkeit gewidmet. Sie wird vom Verfasser nicht als historische Epoche, sondern, in Anlehnung an Jim George, als "a complex set of interpretive practices" beziehungsweise als Art und Weise, wie man die Beziehungen zur Welt aufbaut, verstanden (23). Dem Verfasser geht es dementsprechend nicht um die Modernisierung der orthodoxen Kirche selbst, sondern um ihre Reaktion auf den Kontext der gesellschaftlichen Modernisierung. Ferner werden die Herausforderungen der Moderne für die orthodoxe Kirche in Osteuropa im Allgemeinen dargestellt, wobei Rimestad ausführlich die Zusammenhänge zwischen modernen Ideologien und Identität erklärt. Als Beispiele für die Reaktion der Kirche auf die Herausforderungen der Moderne werden einleitend die orthodoxe Kirche des Balkans sowie die russische orthodoxe Kirche vor dem Ersten Weltkrieg dargestellt.

Die Hauptkapitel des Werkes sind den jeweiligen Herausforderungen der Moderne an die Kirche gewidmet. Im zweiten Kapitel "Orthodox Church Structures", das Rimestad den diesbezüglichen Problemen, die aus der neuen geopolitischen Situation in beiden Ländern erwuchsen, widmet, macht der Autor deutlich, wie es zu den unterschiedlichen Anpassungsformen und strukturellen Lösungen in beiden Staaten kommen konnte. So wechselte die estnische orthodoxe Kirche schon in den 1920er Jahren vom Moskauer zum Ökumenischen Patriarchat. Auch die Hintergründe des späteren Wechsels der lettischen orthodoxen Kirche zum Patriarchen von Konstantinopel, der auf Druck der autoritären Regierung erfolgte, werden vom Verfasser vorzüglich analysiert und dargestellt. Dabei geht er auch auf die ethnische Komponente beider Kirchen ein und zeigt die Meinungsverschiedenheiten der estnischen beziehungsweise lettischen orthodoxen Gläubigen und ihrer russischen Glaubensbrüder bezüglich der kanonischen Organisation auf.

Im dritten Kapitel "Orthodox Baltic Identity: Language and Tradition" beschäftigt sich Rimestad mit den Bestrebungen, die Orthodoxie zu estnisieren beziehungsweise zu lettisieren, diese als Element des Estnischen beziehungsweise des Lettischen zu begreifen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass zu diesem Zweck einige traditionell lutherische Elemente - wie der Gemeindegesang während des Gottesdienstes - benutzt wurden und besonders in der estnischen Kirche weit verbreitet waren. Die Widersprüche, die sich zwischen den russischen und estnischen beziehungsweise lettischen orthodoxen Gemeinden besonders in der Kalenderfrage manifestierten, werden in diesem Kapitel mit treffenden Zitaten veranschaulicht. Das Unterkapitel "External Dimension" handelt von dem Selbstverständnis der orthodoxen Kirche in einer von Lutheranern dominierten Gesellschaft, aber auch von dem Verhältnis gegenüber den anderen Religionsgemeinschaften und der säkularen Umwelt.

Das vierte und letzte Kapitel "Orthodox Baltic Historiography" widmet sich der Darstellung der historischen Rolle der orthodoxen Kirche in Estland und Lettland. Dabei zeigt Rimestad, wie die jeweiligen Machtverhältnisse in dieser Region auch die historischen Narrative beeinflussten. So verbreitete die deutschbaltische Historiografie die Ansicht, dass die orthodoxen Gläubigen im Allgemeinen über ein niedrigeres intellektuelles Niveau verfügt hätten und die orthodoxe Kirche stets ein Instrument der Russifizierung gewesen sei. Dagegen vertrat die russische Seite den Standpunkt, dass die Orthodoxie die erste Form des Christentums noch vor dem Erscheinen der ersten deutschen Missionare im 12. Jahrhundert im Baltikum gewesen sei, die dann von den Deutschen mit Gewalt verdrängt worden sei. Die Aufgabe der neuen, nationalen Historiografie der Zwischenkriegszeit war es demnach gewesen, einen Mittelweg zu finden, um die Vorstellung von der Orthodoxie als "russischem Glauben" zu überwinden. Der Verfasser analysiert hierzu einige (populär)wissenschaftliche Werke aus dieser Zeit.

Das Werk von Rimestad ist die erste Studie, die sich gezielt den Nationalisierungstendenzen der Orthodoxen Kirche in Estland und Lettland widmet. Der Verfasser benutzt in seiner Arbeit überwiegend lettische und estnische Quellen. Umso wertvoller ist es für die Forschung, dass die Veröffentlichung englischsprachig ist. Dadurch wird allen Interessenten der Blick auf eine unbekannte Seite der baltischen Geschichte eröffnet. Umso bedauerlicher ist der unaufmerksame Umgang des Autors mit der historischen Terminologie und historischen Fakten. So bezeichnet er die Regime, die sich 1934 in Estland und Lettland etablierten und von der allgemeinen Forschung als unumstritten autoritär charakterisiert werden[1], als "quasi-authoritarian" (271), woran auch seine Formulierung "the end of liberal order in 1940" (57) anknüpft. Dass die Herausgabe der orthodoxen Zeitschriften in Estland und Lettland 1940 eingestellt wurde, erklärt Rimestad mit dem Krieg (55 f.), obwohl es eigentlich im Zuge der sowjetischen Besatzung der baltischen Republiken und dem hieraus resultierenden allgemeinen Verbot der freien Presse geschah. Was den wissenschaftlichen Apparat betrifft, so wäre noch anzumerken, dass bei einer derart großen Vielfalt der benutzten Quellen und Literatur bei der Erstnennung der volle Titel des jeweiligen Werkes hätte angegeben werden sollen und nicht nur die Autorennachnamen mit dem Erscheinungsjahr. Lob verdienen kurze Biografien der wichtigsten Akteure im Anhang wie auch eine Zeittabelle, die dem Leser die vergleichende Analyse der die Kirche betreffenden Hauptereignisse in beiden Ländern erheblich vereinfacht. Die Studie bietet viele Denkanstöße und kann zu den wenigen bestens gelungenen Grundlagenarbeiten über die Kirchengeschichte im Baltikum gezählt werden.


Anmerkung:

[1] Vergleiche z.B. Erwin Oberländer (Hg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa. 1919-1944, Paderborn 2001.

Svetlana Bogojavlenska