Rezension über:

Corrado Augias: Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation, München: C.H.Beck 2014, 272 S., 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-65898-3, EUR 19,95
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Rezension von:
Hans Woller
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Hans Woller: Rezension von: Corrado Augias: Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation, München: C.H.Beck 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/25667.html


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Corrado Augias: Die Geheimnisse Italiens

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Der Mann ist gut im Geschäft. Fünf Bücher über Geheimnisse hat der Kulturjournalist Corrado Augias bereits geschrieben - New York, London, Paris, der Vatikan und Rom stehen mittlerweile geheimnislos da. Jetzt droht dieses Schicksal auch dem ganzen Italien.

Augias sei ein "scharfsinniger Erforscher der italienischen Seele", hieß es in der "Repubblica". Er erzähle dem "Leser die tiefe Wahrheit über Italien, die sich hinter dem Selbstverständlichen verbirgt", schwärmte der "Corriere della Sera". Höher kann man kaum greifen. Aber was erfahren wir wirklich in diesem Sachbuch, das sich als Roman ausgibt, ja sogar der "Roman einer Nation" sein will? Was ist die Seele einer Nation, was deren tiefe Wahrheit, und was können die Geheimnisse eines Landes überhaupt sein?

Corrado Augias kümmert sich nicht um solche konzeptionellen Fragen. Auch methodische Reflexionen sind seine Sache nicht. Er legt einfach los und schickt dabei den Leser in elf unverbundenen Kapiteln auf eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit, die unter anderem nach Rom und Neapel, Mailand und Venedig, in den Mezzogiorno und in die Drohkulisse der Jüngsten Gerichte führt. Im ersten Abschnitt geht es um die "Italiener, von außen besehen". Die Einschätzungen, die Augias hier zitiert, fallen zwar nicht immer so krass aus wie das Urteil des romantischen Dichters Shelley, der in einem Brief meinte: Die Italiener seien ein "in Körper und Geist [...] armseliges Volk". Die Männer kommen einem vor "wie ein Rudel dummer, verschrumpelter Sklaven", und die Frauen seien "vielleicht die verachtenswertesten Geschöpfe", die "unter dem Mond existieren, die ignorantesten, unappetitlichsten, scheinheiligsten, schmutzigsten". Tatsache ist aber schon, dass die Italiener in der Regel eher schlecht wegkommen und dass sich an den tiefsitzenden Stereotypen bis heute wenig geändert hat. Eine Überraschung ist diese Erkenntnis nicht, ein Geheimnis noch weniger. Erstaunlich ist aber, dass Augias diese Stereotype kaum kommentiert; er fragt nicht einmal, ob ausländische Beobachter nur mit den Italienern so hart ins Gericht gingen oder ob sich ähnlich gehässige Außenurteile nicht auch über, sagen wir, Niederbayern und Oberösterreicher finden lassen.

Das schlichte Konstruktionsprinzip, das hier zutage tritt, wird in den folgenden Kapiteln kaum variiert. Gewiss, Augias verliert ein paar Worte über den Nord-Süd-Gegensatz, er streift die Bindekraft der Familien, und er erwähnt das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Staat. Aber keines dieser Themen wird wirklich diskutiert. Im Grunde läuft jedes Kapitel auf das Gleiche hinaus: Eigene Erlebnisse des Autors vermischen sich mit biografischen Skizzen und einer solchen Fülle von Lesefrüchten, dass einem Hören und Sehen vergeht. Im Kapitel über "Palermo Città Misteriosa. Zwischen zwei Welten, vielleicht auch drei" ist die Mischung besonders bunt. Hier wird zunächst der Eindruck erweckt, als ginge es um die Schikanen jahrhundertelanger Fremdherrschaft oder um die "Kultivierung der Kunst der Vendetta". Dann ist man aber plötzlich bei Schmerz und Vergänglichkeit im Rahmen archaischer religiöser Sitten, ehe der Todes- und Mumienkult in Palermo und "Verrücktheiten, Extravaganzen, Exzentrizität" traktiert werden, die auf Sizilien im Übermaß zu finden seien. "Manches Mal zum Guten, andere Male nicht", wie der Autor sibyllinisch meint. Weshalb diese und andere Themen wie die Kurzgeschichte der "Königlichen Irrenanstalt" in Palermo berührt werden, bleibt rätselhaft, der Sinn der längeren Ausführungen über Cagliostro erschließt sich ebenfalls nicht.

Hübsch, aber gänzlich zweckfrei - und damit charakteristisch für das gesamte Buch - ist auch der Abschnitt über die "Duchessa di Parma. Die gute Herzogin", der sich um Napoleons zweite Frau Marie Louise dreht, die seit 1816 als Erzherzogin von Parma regierte. Was erfährt man in diesem erratischen Kapitel nicht alles? Über die Ehe mit dem französischen Kaiser, über die Flucht der Kaiserin aus Paris, über ihre Beziehung zu einem brillanten Husarenoffizier, den sie später heiratete, über ihren Sohn und ihre Tochter, ehe man schließlich, schwuppdiwupp, bei Stendhal und der Kartause von Parma landet, die im Kaleidoskop naheliegender Assoziationen natürlich nicht fehlen darf.

Die Gegenwart und ihre Vorgeschichte im 20. Jahrhundert wird bei alledem fast ganz ausgeklammert. Überhaupt hat man den Eindruck, dass Augias kein Liebhaber heißer Eisen ist: Gabriele D'Annunzio taucht über Seiten hin als Schriftsteller auf; dass er auch ein nationalistischer Hetzer und der Hohepriester präfaschistischer Liturgie war, wird hingegen stillschweigend übergangen. Sogar von Mussolini ist nur am Rande die Rede. Augias hält den faschistischen Diktator für einen Windbeutel, der 1941 in "geistiger Umnachtung" den Amerikanern den Krieg erklärte, für eine Marionette in deutscher Hand und für einen Feigling, der in seiner "eigenen, letzten Tragödie" eine Hauptrolle hätte spielen können, aber selbst hier schmählich versagte. So lässig kann man mit einem Mann umgehen, der tiefere Spuren in der neueren Geschichte Italiens hinterlassen hat als jeder andere! Danach wundert einen gar nichts mehr. Die Attraktivität und Destruktivität des faschistischen Regimes wird ebenso ignoriert wie die giftige Rivalität zwischen Christdemokraten und Kommunisten nach 1945, die eine ganze Epoche prägte und noch heute spürbar ist. Ganz zu schweigen von den Strukturschwächen und Schuldenbergen, die das Land zu lähmen und erdrücken drohen. Nicht einmal Berlusconi spielt in dem Arabeskendschungel eine größere Rolle. Wie will man Geheimnisse enthüllen, oder nüchterner: die gegenwärtigen Probleme eines Landes historisch erklären, wenn man um die Gegenwart und ihre Vorgeschichte einen großen Bogen macht?

Am Ende ist der Autor selbst ratlos, aber deshalb um so pathetischer, wenn er auf der letzten Seite die Katze aus dem Sack lässt: "Von allen Geheimnissen Italiens ist dies das am besten gehütete und das bedeutendste, ein Geheimnis, das fast alle übrigen in sich birgt: Aus welchem Grund hat die Geschichte der Halbinsel so wenig mit einer Freiheitsgeschichte zu tun?" Niemand habe eine endgültige Antwort auf diese Frage, die jetzt das ganze Geheimnis sein soll. Am besten sei es immer noch, wenn man sich an den Philosophen Benedetto Croce halte. Der Charakter eines Volkes, so Croce, sei seine Geschichte, und wenn er damit recht habe, so müsse man "das Geheimnis genau dort suchen, um es zu ergründen und womöglich irgendwann zu überwinden". Weit mehr als 200 Seiten hat der Autor gebraucht, um zu dieser Einsicht zu gelangen, die alles über das Buch, aber nichts über die Geheimnisse Italiens sagt.

Hans Woller