Rezension über:

Alison Stones: Gothic Manuscripts 1260-1320. Part One. Volume One: Text & Illustrations. Volume Two: Catalogue (= A Survey of Manuscripts Illuminated in France), London / Turnhout: Harvey Miller Publishers 2013, 2 vol., 1130 S., 77 Farb-, 838 s/w-Abb., ISBN 978-1-872501-95-6, EUR 250,00
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Rezension von:
Michael Grandmontagne
Birkenfeld
Redaktionelle Betreuung:
Tobias Kunz
Empfohlene Zitierweise:
Michael Grandmontagne: Rezension von: Alison Stones: Gothic Manuscripts 1260-1320. Part One. Volume One: Text & Illustrations. Volume Two: Catalogue, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/24700.html


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Alison Stones: Gothic Manuscripts 1260-1320. Part One

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Anzuzeigen sind zwei opulent illustrierte Teilbände der Übersicht illuminierter Handschriften, die in Frankreich zwischen 1260 bis 1320 entstanden sind. Nach den frühen Übersichtswerken von Georg von Vitzthum (1907) und Robert Branner (1977), der kapitalen Studie von Richard und Mary Rouse (2000) und den ebenso gewichtigen Beiträgen von François Avril in den einschlägigen Pariser Ausstellungskatalogen legt Alison Stones eine beeindruckende Summe ihrer Jahrzehnte währenden Beschäftigung mit der französischen Buchmalerei des 13. und 14. Jahrhunderts vor.

Bezeichnender Weise diktierten nicht etwa politische Zäsuren wie der Tod Ludwigs IX. 1270 oder der Aufstieg der Valois zum Königsgeschlecht 1328 die zeitliche Eingrenzung des Arbeitsfelds, sondern stilkritische Merkmale. Damit orientiert sich die Auswahl eher an den Lebenszyklen der Produzenten als an denen der Auftraggeber. Ausschlaggebend war zudem der Stand der Forschung, denn diese hat sich bevorzugt mit den beiden Polen des Bearbeitungszeitraums beschäftigt. Die Autorin beleuchtet daher Handschriften, die bislang aufgrund der beiden Schlaglichter, die durch Manuskripte des sogenannten courtly style und des Jean Pucelle gesetzt wurden, immer etwas überblendet waren. Zudem wendet sie den Blick in entschiedener Weise auf den gesamten französischsprachigen Raum des Hexagons und vergrößert somit unsere Denkmalkenntnis auf oftmals erstaunliche Weise.

Denn wenngleich nur illuminierte Handschriften untersucht werden, umfasst die Auswahl doch jeden Buchtyp: Steuer- und Zehntlisten wurden genauso berücksichtigt wie die zu erwartenden liturgischen Handschriften. Medizinische und naturwissenschaftliche Traktate fanden ebenso Eingang wie illuminierte Romanhandschriften, und neben Chroniken und Bücher zur privaten Andacht wurden auch Lehrbücher und Enzyklopädien aufgenommen. Insgesamt wurden im ersten Katalog-Band annähernd 200 Handschriften monografisch behandelt; der zweite noch kommende Teilband soll wenigstens 100 weitere Einträge enthalten.

Die Handschriften werden alle im Detail beschrieben. Angaben von Aufbewahrungsort, Inhalt mit Folioangaben, Format, Kolumnen- und Zeilenzahl sowie Entstehungsort und -zeit bilden den Kopf des Eintrags. Nach der Autopsie von zum Teil auch inkompetenten Schreibern (Band 2, I, 60), Floratorenhänden, Tinten, Initialen und Randleistenschmuck werden systematisch die Miniaturen der Handschriften kurz beschrieben. Entscheidend sind aber die langen sich anschließenden Einträge. Dort werden in staunenswerter Tiefe und Breite für die jeweilige Handschrift relevante Fragen in abwägender Weise verhandelt. Während extensive Literaturangaben die Einträge beschließen, ermöglichen mitunter mehr als ein Dutzend Abbildungen die Prüfung des Geschriebenen.

Zum besseren Überblick und auch zur trennschärferen Abgrenzung verschiedener Regionen hat Stones insgesamt acht Abteilungen gebildet, in denen sie die Bestände in einer Auswahl und in annähernd chronologischer Reihung präsentiert. Die Auswahlkriterien werden nicht explizit erläutert. Es fällt aber auf, dass sich die Autorin nicht nur mit den wichtigen, sondern auch mit weniger bedeutenden und damit weniger bekannten Handschriften auseinandersetzt. Zu einer willkommenen Erweiterung unserer Denkmalkenntnis führt zudem, dass sie sich augenscheinlich darum bemühte, von den aus der Forschung bereits hinlänglich bekannten Handschriften weniger geläufige Blätter abzubilden.

Im vorliegenden ersten Teilband werden in der ersten Abteilung zunächst Handschriften aus Paris und der königlichen Domäne sowie der Erzdiözese Sens vorgestellt (I, 1-64, 1-141). Die zweite Abteilung beschreibt Bücher, die im Herzogtum Normandie und der Erzdiözese Rouen entstanden sind (II, 1-9, 142-152). Die dritte Abteilung stellt schließlich Manuskripte vor, die in der Erzdiözese Reims und in den Grafschaften Champagne, Artois, Hennegau, Vermandois, Soissons und Noyon angefertigt wurden (III, 1-131, 152-598). Der zweite Teilband wird in fünf weiteren Abteilungen die restlichen Regionen abdecken. Wie bereits mit dem Hennegau werden auch im Osten mit Metz und Verdun in Lothringen zwei reichszugehörige, aber mehrheitlich frankofone Städte erfasst. Sodann sollen mit Lyon, Avignon, Montpellier und Toulouse weitere Zentren im Süden mit ihren Beständen vorgestellt werden. Die letzten Abteilungen decken das Zentrum mit Tours und Bourges, sowie den Westen mit Bordeaux ab.

Für die Spezialisten dürften die Zusammenstellungen einzelner Handschriftengruppen von besonderem Interesse sein. Sie finden hier ein verlässlich aufbereitetes Material, mit dem sich über Neu-Zuschreibungen und Datierungen trefflich diskutieren lässt. Die Verfasserin legt Wert auf die Feststellung, dass sie insbesondere mit stilkritischen Werkzeugen gearbeitet habe. Dieses in der Einleitung formulierte Bekenntnis erscheint mir aber mehr als bescheiden. Tatsächlich nutzt sie für ihre Interpretationen und Einordnungen das gesamte Repertoire der aktuellen Handschriftenforschung. Wenngleich für die Auswahl der Denkmäler deren Ausstattung mit Bildern eine entscheidende Rolle spielte, liefern doch die sorgfältigen und detaillierten kodikologischen Beschreibungen der einzelnen Handschriften immer wieder explizite, damit erkenntnisfördernde Hinweise auf die Lagengestalt, separate Blätter, mithin auf die Arbeitsteilung, den Bucheinband und den Schreibprozess, zu Besitzern und ihren möglichen Interessen, den Aufbewahrungsorten und dem Wert der Bücher, dem Gebrauch und einiges Andere mehr. Ausgiebige Erläuterungen zu den Buchtypen, deren Entwicklung und Gestaltung, und damit auch zum Inhalt und Rang der Handschriften innerhalb der Literatur- und Gattungsgeschichte sind selbstverständlich und werden souverän dargeboten.

Ergänzt werden die monografischen Katalogeinträge durch Listen der nachweisbaren Buchmaler und Schreiber, der Buchbinder und Pergamentmacher sowie der Buchhändler. Ebenso werden die bekannten Erst- und Zweitbesitzer der Handschriften notiert. Von besonderem Nutzen dürfte auch die Liste der datierten und datierbaren Handschriften sein. Da diese Datensammlung alle von der Autorin gesichtete Manuskripte umfasst, also nicht nur jene, die Eingang in den Katalog gefunden haben, sind die Listen und der Katalog ein unverzichtbares Kompendium für jeden, der sich mit der französischen Kunst und Geisteswelt des Bearbeitungszeitraums auseinandersetzen will.

Damit wäre mit aller notwendigen Kürze und Sachlichkeit bereits alles Wesentliche gesagt. Zum Urteil gehört aber auch, von der Neugierde und Begeisterung zu berichten, die den Rezensenten bei fortschreitender Lektüre erfasste. Lässt man sich nur schon von den in der Einleitung hinterlegten und synoptisch kurz gefassten Hinweisen zu den wichtigsten Ergebnissen der beiden Bände leiten, kommt man beim vertieften Lesen der entsprechenden Katalognummern nicht mehr aus dem Staunen heraus. Deutlich herausgearbeitet, damit nachvollziehbar, wird die aufbrechende Stilpluralität gerade in der Nachfolge des stilprägenden Meisters Honoré kurz nach 1300 (mit Beispielen: Band 1, 36-37). Die Berücksichtigung eines jeweils vom Auftrag bestimmten Anspruchsniveaus wird in den Werken des Bute Meisters greifbar (III-49, III-52, III-53). Die frühe Verwendung der émail de plique in einer 1266 datierten Handschrift ist sensationell früh (III-43). Der Hinweis auf das fleißige Weiterkopieren der in den Jahren 1270/77 verbotenen Schriften des Averroes in Paris deckt sich wunderbar mit den Beobachtungen der Philosophiegeschichte, die schon immer von einem Weiterleben des aristotelischen Gedankenguts ausging (Band 1, 23). Für die Geistesgeschichte ebenso relevant sind die Bemerkungen zu den verschiedenen Lehrbüchern und den darin tradierten Texten (II-6; III-88, III-104). Wiederum kunsthistorisch spannend sind die Hinweise auf "wahrheitsgetreue" Abbilder in anatomischen Traktaten und ihre Bedeutung für die Miniaturenmalerei vor Pucelle (I-55). Bekannt, doch in ihrer Vielzahl, die erst die Übersicht erkennen lässt, erstaunlich, sind immer wieder die modern anmutenden direkten Ansprachen an die Leser in Bild und Text (I-61, III-53, III-122). Diese finden ebenso Erwähnung wie deutliche Hinweise zum Bildgebrauch, respektive Status der Bilder (I-55, I-61; II-18). Genaue Beschreibungen des Kolorits sowie möglicher glanzmehrender Überzüge und des differenzierten Gebrauchs des Goldes bringen dem Leser nicht nur die Glanz- und Farbwirkung der Illuminationen nahe, sondern stecken auch das Gelände ab, auf dem man Fragen zur Wahrnehmung des explizit Schönen beackern könnte (I-43).

Die hier wie willkürlich anmutende Reihung entspringt natürlich der persönlichen Interessenslage des Rezensenten. Aber jeder Leser wird selbst sehr rasch seine eigenen Verknüpfungen herstellen. Dass dies bereits vor dem angekündigten Band möglich ist, dafür sorgen zahlreiche Querverweise auf im Vergleich herangezogene Handschriften, aber auch die vielen prosopografischen Informationen, mit denen manche Einträge geradezu gespickt sind. Dennoch bleibt zu hoffen, dass all diese Informationen abschließend durch ein sorgfältig gearbeitetes Register erschlossen werden. Neugierig darf man auch auf die angekündigten Diagramme und Tafeln sein; diese dürften eine diachronische Übersicht und damit die Entwicklung bestimmter Buchtypen und Einzeltitel ermöglichen (zum Beispiel Stundenbücher und Psalter oder Brunetto Latini's Trésor und die Exemplare des Rosenromans). Man darf also noch gespannt sein, auf welch erhellende Weise sich dann das hier ausgebreitete Material noch weiter erschließen lässt. Bis dahin aber werde ich absehbar nicht aufhören, mit diesem ersten Teil eines Opus magnum zu arbeiten, das in jeder Hinsicht Freude macht.

Michael Grandmontagne